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28. März 2003
Europas Bevölkerung am Wendepunkt
Europa ist in eine neue Phase der demographischen Entwicklung getreten
Ein Ansteigen des Geburtsalters beeinflusst die Geburtenrate
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Pressetext
Die Altersstruktur der europäischen Bevölkerung hat sich durch die niedri-
gen Geburtenraten der vergangenen Jahre bereits so weit verändert, dass es
weniger Kinder als Erwachsene im reproduktiven Alter gibt.
Dieses Phänomen wird von Demographen "negatives Trägheitsmoment" genannt.
Es bedeutet, dass (bei konstanter Sterblichkeit und keiner Zuwanderung) die so
verformte Alterspyramide längerfristig zu einem Schrumpfen der Bevölkerung
führt, selbst wenn die Geburtenrate wider Erwarten auf zwei Kinder pro Frau
ansteigen sollte. Dieser neue Trend in Richtung schrumpfende Bevölkerung trat
im EU-Durchschnitt um das Jahr 2000 auf. In Österreich war dies wegen der
unterdurchschnittlichen Geburtenrate bereits 1995 der Fall. Bleibt die Fertili-
tät auch in den nächsten Jahren so niedrig, dann wird dieser Faktor, der zu
stärkerem Schrumpfen und Altern der Bevölkerung führt, noch deutlich stärker
werden. Die derzeitigen niedrigen Geburtenraten sind auch durch einen bisher
wenig beachteten Faktor so niedrig, nämlich das Ansteigen des durchschnittli-
chen Alters bei der Geburt. Dadurch werden die Generationen weiter "auseinander
gezogen" und pro Kalenderjahr weniger Kinder geboren. Demographen nennen
das den "Tempo Effekt".
Das sind einige der Schlüsselergebnisse einer in Science erscheinenden Studie,
die in einer Zusammenarbeit des Instituts für Demographie der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften mit dem International Institute for Applied Systems
Analysis (IIASA) in Laxenburg entstand. Die Forschergruppe wird von Wolfgang
Lutz geleitet.
"Ein solches negatives Trägheitsmoment gab es in der Weltgeschichte bisher nicht
in diesem Ausmaß. Man kann dies etwa mit einer Strömung in Richtung Schrump-
fen vergleichen, gegen die man nur mit höherer Fertilität und Migration ankämpfen
kann"
, so Lutz.
Für die derzeitigen niedrigen Geburtenraten sind zwei Faktoren verantwortlich:
Der erste ist die bekannte Tatsache, dass Frauen durchschnittlich weniger als
zwei Kinder haben. Der zweite Faktor, dem bisher noch zu wenig Beachtung ge-
schenkt wurde, ist der Anstieg des durchschnittlichen Alters der Mütter bei der
Geburt ihrer Kinder, sagen die Autoren. Dieser so genannte "Tempo-Effekt" führt
dazu, dass die Fertilität in der EU derzeit nur durchschnittlich 1.5 statt 1.8
Kinder pro Frau beträgt. Nimmt das mittlere Alter bei der Geburt nicht mehr zu,
dann wird auch die Fertilitätsrate entsprechend ansteigen.
Die Wissenschaftler schätzten auch quantitativ ab, wie diese beiden Faktoren die
zukünftige Bevölkerungsentwicklung in Europa beeinflussen könnten. Sie fanden,
dass über die kommenden Jahrzehnte rund 40 Prozent der möglichen zukünftigen
Bevölkerungsschrumpfung auf diesen Effekt der niedrigeren Fertilität durch zu-
nehmendes Gebäralter zurückgeht.
"Wir haben herausgefunden, dass der Zeitpunkt einer Geburt durchaus eine
bedeutende Auswirkung auf die demographische Entwicklung der Zukunft haben
kann"
, erklärt Brian O'Neill vom International Institute for Applied
Systems Analysis (IIASA) und der Brown University.
Um die genannten Effekte der niedrigeren Geburtenraten durch eine Verschiebung
des Zeitpunkts der Geburt zu isolieren und genauer zu bestimmen, haben die
Wissenschaftler in diesen Berechnungen andere mögliche Einflüsse auf die Be-
völkerungsentwicklung, wie Migration und Veränderung der Sterblichkeit, heraus-
gefiltert.
"In Wirklichkeit erwarten wir natürlich auch in Zukunft Einwanderung
nach Europa, aber hier möchten wir die Auswirkungen dieser zwei Mechanis-
men genauer beleuchten, weil sie für die Bevölkerungsdynamik hoch relevant sind
und in ihrer Wirkung bisher nicht genug beachtet wurden. Dafür müssen wir andere
viel diskutierte Mechanismen wie die Migration zunächst einmal ausblenden"
,
sagt Lutz.
Nach den Berechnungen der Wissenschaftler bedeutet ein weiteres Ansteigen des
durchschnittlichen Alters bei der Geburt in den kommenden 10-40 Jahren, dass
-
die Bevölkerung Europas tendenziell um 55-144 Millionen schrumpfen wird
und
-
insgesamt zusätzliche 500 bis 1500 Millionen Personenjahre an Arbeits-
kräften fehlen werden um das Verhältnis von Personen im Erwerbsalter
zu denen im Pensionsalter auf einem Niveau zu halten, das ohne Ansteigen
des Gebäralters zu verzeichnen wäre.
Lutz und seine Koautoren sehen darin auch einen neuen möglichen Ansatz für
die Politik. Regierungen, die über das Altern der Bevölkerung und die niedrigen
Geburtenraten besorgt sind, können dem entgegenwirken, indem sie Frauen mehr
Optionen für die Wahl des Zeitpunkts der gewünschten Geburten geben.
"Die Ent-
scheidungen, die junge Paare über den Zeitpunkt einer gewünschten Geburt treffen,
werden stark vom Umfeld und vom Arbeitsmarkt beeinflusst"
, sagt Lutz.
Mögliche Ansatzpunkte für die Politik liegen hier bei besseren Kinderbetreuungs-
einrichtungen, im Bereich des Wohnungsmarkts, im Arbeitsrecht, bei Teilzeitar-
beitsmöglichkeiten etc. Insgesamt bedeutet das nichts anderes als den typischen,
am männlichen Karrieremuster orientierten Erwerbsverlauf zu flexibilisieren.
Dieser zwinge Frauen oft gegen ihren Willen, die Geburten hinauszuschieben,
so Lutz. Gegen ein immer weiteres Hinausschieben der Geburten sprechen auch
wichtige medizinische Gründe.
Ein Schrumpfen der Bevölkerung Europas und besonders der sich beschleuni-
gende Prozess der "Überalterung" stellen große Herausforderungen an die sozialen
Sicherungssysteme und das Gesundheitssystem. Möglicherweise führt dies auch
zu einem geringeren Wachstum der Produktivität und beeinflusst somit die globale
Wettbewerbsfähigkeit Europas.
ÖAW-Institut für Demographie
International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA)
Weitere Informationen:
Dr. Marianne Baumgart
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
Tel.: (+ 43 1) 51581/1219, Fax: (+ 43 1) 51581/1275
E-Mail:
Marianne.Baumgart@oeaw.ac.at
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