ÖSTERREICHISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
FEIERLICHE SITZUNG AM MITTWOCH, DEM 17. Mai 2000

BERICHT DES SEKRETÄRS HERWIG FRIESINGER


Hohe Festversammlung!

Meine Aufgabe ist es, einen Bericht über das Wirken der Forschungseinrichtungen der philosophisch-historischen Klasse zu erstatten, das heißt über jene Einrichtungen der Akademie, die sich mit Fragen aus den Gebieten der Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften befassen.
Diese von der phil.-hist. Klasse betreuten Forschungsbereiche werden in 10 Instituten und Forschungsstellen und 24 Kommissionen durchgeführt.

Ich beginne mit strukturellen Veränderungen:
Die Forschungsstelle für Archäologie wurde mit Wirksamkeit vom 1.2.2000 in ein Institut für Kulturgeschichte der Antike umgewandelt. Zwei Projekte des erweiterten Forschungsprogrammes will ich im besonderen hervorheben:
die Neuuntersuchungen zum Mausoleum von Belevi, dem größten hellenistischen Grabmal dieses Typs, und die Wiederaufnahme von Forschungen zum berühmten Partherdenkmals von Ephesos, die kürzlich von der philosophisch-historischen Klasse als Programmteil des Instituts beschlossen wurden.
Ein neuer Forschungsschwerpunkt Kulturwissenschaften wurde mit einem Forschungsprogramm "Orte des Gedächtnisses" in der Kommission für Theatergeschichte eingerichtet; die Kommission wurde demgemäß in Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte umbenannt.

Ich darf im folgenden über einige Aktivitäten aus dem Forschungsbereich der Sprach- und Literaturwissenschaften berichten:
Die Balkan-Kommission hat ein Bündelprojekt zum Thema "Der Zivilisationswortschatz im südosteuropäischen Raum 1840-1870" in Angriff genommen, das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung subventioniert wird; in die sprachwissenschaftlichen Untersuchungen dieses Unternehmens sind neben den Sprachen der slawischsprachigen Länder auch jene Ungarns, Rumäniens und der Türkei einbezogen.

Der im Vorjahr angekündigte Abschluß des Großprojektes der Herausgabe des Tagebuches von Arthur Schnitzler ist plangemäß erfolgt. Der letzte Band - versehen mit ausführlichen Registern - ist vor zwei Tagen erschienen; den Abschluß des Projektes begleitet eine Ausstellung des Deutschen Literatur-Archivs Marbach im Palais Palffy und ein Vortrag von Ruth Klüger über das Frauenbild bei Schnitzler. Im Rahmen des zweiten Großprojektes der Kommission für literarische Gebrauchsformen, des Wörterbuchs zur Fackel von Karl Kraus, wurde als erster Band das - auch in typographischer Hinsicht bestechende - "Wörterbuch der Redensarten" im vergangenen Dezember veröffentlicht.
Ich spreche dem Kommissionsobmann, unserem Präsidenten, und seinen Mitarbeitern an dieser Stelle den Dank der philosophisch-historischen Klasse für ihre einsatzfreudige und ideenreiche Arbeit aus.
Im Laufe dieses Jahres gelangt ein Projekt zum Abschluß, das in den letzten Jahren als eigenes Projekt der Klasse geführt wurde: die Erstellung eines Motiv-Index der deutschsprachigen weltlichen Erzählliteratur von den Anfängen bis 1400 ist ein wichtiges Grundlagenwerk nicht nur für Philologen, Historiker oder Kulturwissenschaftler, sondern auch für Soziologen, Juristen und Religionswissenschaftler.

Lassen Sie mich aus den zahlreichen Projekten auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften einige weitere ungeordnet berichten:
Die Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters ist mit Untersuchungen zu ethnischen Prozessen im frühen Mittelalter, die in zunehmendem Maß das Interesse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit finden, an führende Stelle für solche Forschungen gerückt. Es ist ihr gelungen, im Bereich der Frühmittelalterforschung ein Netzwerk internationaler Kooperationen und Kontakte aufzubauen.
Ein weiteres Projekt der Forschungsstelle befaßt sich mit der Sicherheitsverfilmung österreichischer Inschriften. Zielsetzung dieses Projektes ist der Aufbau eines wissenschaftlich dokumentierten zentralen Bildarchivs; zerstörend wirkende Umwelteinflüsse und die rapid zunehmende Gefährdung dieser Denkmale macht eine rasche und möglichst flächendeckende Erfassung zum vordringlichen Anliegen im Sinne der Bewahrung von wichtigem österreichischem Kulturgut.

Ein interdisziplinäres Projekt der Paläolithforschung an der Prähistorischen Kommission befaßt sich mit dem Zeitraum zwischen 32.000 und 20.000 vor heute, also dem Ende des Aurignacien und dem Verlauf des Gravettien bis zum letzten Vereisungshöchststand. Ziel ist es, auf der Basis von abgeschlossenen Grabungen und durch die Prospektion nach neuen Fundstellen umfangreiche Informationen zu sammeln, um ein archäologisch und paläoökologisch möglichst umfassendes Bild dieser Zeit zu erstellen. Die angestrebten Ergebnisse stellen eine Vernetzung geowissenschaftlicher, paläontologischer und archäologischer Forschungen dar.

Wenden wir uns dem Gebiet der neueren Geschichte zu:
Der 500. Geburtstag Kaiser Karls V. war Anlaß für die Historische Kommission in Kooperation mit der Sociedad Estatal (para la Conmemoración de los Centenarios de Felipe II y Carlos V) in Madrid im März dieses Jahres ein Symposium über diese bedeutende Herrschergestalt zu veranstalten.
Die Publikation eines auf 12 Bände geplanten Werkes "Die Habsburgermonarchie 1848-1918" ist Aufgabe der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie; im vergangenen Jahr konnten die Arbeiten am Band VII zum Thema "Verfassung und Parlamentarismus" abgeschlossen werden; die Manuskripte zu den Bänden VIII "Die politische Öffentlichkeit" und IX "Sozialgeschichte" werden derzeit erarbeitet. Vorüberlegungen für Band X - Kulturgeschichte - führten dazu, daß ein eigenes Forschungsprojekt "Konzept und Theorie einer Kulturgeschichte der Habsburgermonarchie 1848-1918" initiiert wurde.

Neben dem Institut für Demographie - dem einzigen Institut seiner Art in Österreich - und jenem für Stadt- und Regionalforschung, befassen sich eine Forschungsstelle und eine Kommission der Akademie mit Forschungsfragen aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich.
Lassen wir die beiden Letztgenannten mit Beispielen aus ihrer Forschungstätigkeit zu Wort kommen:
Internet, digitales Fernsehen und eCommerce verdeutlichen, wie sich das gesellschaftliche Kommunikationssystem in Richtung Mediamatik und das Wirtschaften hin zur Digitalen Ökonomie verändern.
Die Studie "Mediamatikpolitik für die Digitale Ökonomie" der Forschungsstelle für institutionellen Wandel und europäische Integration analysiert den politisch/ökonomischen Umbruch zur europäischen Informationsgesellschaft und skizziert die dafür notwendige Transformation der Staatlichkeit.

Im Rahmen des Schwerpunkts "Medien und Politikvermittlung" erzielte Forschungsergebnisse der Kommission für historische Pressedokumentation haben einen engen Zusammenhang zwischen einer vorherrschenden Markt- und Publikumsorientierung und einer in hohem Ausmaß konformen, politische Sachverhalte verkürzenden Berichterstattung nachgewiesen.
So hat eine attributionstheoretisch fundierte Inhaltsanalyse der Wahlberichterstattung der Berliner Tagespresse in den Krisenjahren der Weimarer Republik gezeigt, daß alle Massenblätter - über ihre politische Ausrichtung hinweg - ein Image der Nationalsozialisten vermittelt haben, das sie als dominierenden politischen Akteur und unaufhaltsamen Sieger zeigt, dessen Erfolge auf eigene Fähigkeiten und Anstrengungen (und kaum auf politische oder ökonomische Bedingungen) zurückgeführt werden und dem letztlich nahezu alleinige Handlungskompetenz zugeschrieben wird.
Mit den jüngst veröffentlichten Untersuchungsergebnissen konnte die politikwissenschaftliche These, daß die Presse den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigt habe, gestützt werden.

Im folgenden berichte ich kurz über Großprojekte, die bei der philosophisch-historischen Klasse angesiedelt sind und in engem Konnex mit Forschungsprogrammen der Klasse stehen:
Ich konnte Ihnen im Vorjahr bekanntgeben, daß der vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderte Spezialforschungsbereich "The Synchronization of Civilisations in the Eastern Mediterranean in the Second Millenium B.C." seine Tätigkeit aufgenommen hat. Ein Bericht über die Aktivitäten würde meinen Zeitrahmen heute sprengen; ich gebe Ihnen einen Einblick mit einigen Zahlen: von 15 geplanten Teilprojekten sind 11 bereits in Angriff genommen, vier Konferenzen wurden abgehalten, zwei weitere sind noch vor dem Sommer geplant.

In der Kommission für Antike Rechtsgeschichte wird - in Zusammenarbeit mit der Papyrus-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek - an einem aus START-Mitteln des FWF finanzierten Projekt über "Griechische Rechtsurkunden aus dem ptolemäischen, römischen und byzantinischen Ägypten" gearbeitet.

Seit Oktober 1999 ist bei der philosophisch-historischen Klasse ein Forschungsschwerpunkt zum Thema "Diskurs, Politik, Identität" angesiedelt, der aus Mitteln des Wittgenstein-Preises von Ruth Wodak finanziert wird; er hat in den letzten zwei Jahren zu wichtigen Themen eine Reihe neuer und international anerkannter Ergebnisse gebracht: so wurden z.B. zum Thema Politischer Diskurs in der EU die Mainstreamparteien von 6 EU-Ländern in den parlamentarischen Debatten in bezug auf Ausgrenzung und Immigration im Vergleich untersucht; der Mechanismus von Legitimation und Ausschließung wurde damit erstmalig explizit gemacht. Das hierzu veröffentlichte Werk "Racism at the Top" wird am 14. Juni dem Europaparlament in Straßburg von seiner Präsidentin gemeinsam mit der Projektleiterin vorgestellt.

Wichtigstes Ergebnis der geisteswissenschaftlichen Forschung ist nach wie vor das Buch:
Im Akademieverlag sind im Berichtszeitraum 65 Publikationen von Forschungseinrichtungen und Mitgliedern erschienen. Neben dem schon erwähnten "Wörterbuch der Redensarten" zur Fackel und dem letzten Band des Schnitzler-Tagebuches möchte ich im besonderen auf zwei Publikationen von Akademiemitgliedern hinweisen:
Elisabeth Lichtenbergers englische Version ihres Österreichbuches unter dem Titel "Austria. Society and Regions" und Helmuth Birkhans umfassenden Bildband "Kelten - Bilder ihrer Kultur"; beiden Autoren sei an dieser Stelle gratuliert.
Auch die neuen Medien haben Einzug in den Verlag gefunden; in vermehrtem Maße werden CD-ROMS veröffentlicht.
Beginnend mit einem Pilotprojekt in Kooperation mit der Kommission für Musikforschung will der Verlag in Hinkunft den Forschungseinrichtungen der Akademie den Einsatz XML-basierter Redaktionssysteme für größere Publikationsvorhaben anbieten.

Als Obmann der Akademiebibliothek lege ich abschließend den Bericht über Bibliothek und Archiv der Akademie vor:
Die Bibliothek nimmt seit Jahresbeginn am neuen österreichweiten Bibliotheksverbund ALEPH teil, d.h. die Neueingänge an Literatur sind nun über den Verbund im Internet abfragbar. Auch die in den letzten Jahren in EDV aufgenommen Titel sollen noch im Verlauf des Jahres 2000 in den Verbund migriert und auf diese Weise einem breiten Leserpublikum zugänglich gemacht werden. Die neu erstellte Zeitschriften-Datenbank der ÖAW ist über die Home-Page der Bibliothek abfragbar.
Das Archiv der Akademie betreut seit einigen Monaten auch die Bestände des Radium-Archivs, des Dick-Archivs, sowie die rund 20.000 Stück umfassende Sammlung Woldan: Für diese wertvolle Sammlung - die im wesentlichen aus Geographica des 16. bis 19. Jahrhunderts besteht und eine ganze Reihe von Rara und Rarissima, ja sogar einige Unikate enthält - wird zur Zeit ein Plan für die dringend nötige, stufenweisen Restaurierung entwickelt.

Ich beende diesen Bericht mit der Mitteilung über eine besondere Anerkennung, die die Tätigkeit der Akademie durch die UNESCO erfahren hat: Die historischen Bestände des Phonogrammarchivs wurden im Sommer 1999 als "Dokumente von hervorragender Bedeutung" in das Weltregister des "Memory of the World" Programmes aufgenommen. Dieses junge Programm der UNESCO macht gerade im Informationszeitalter die Weltöffentlichkeit und ihre Entscheidungsträger auf die Bedeutung von Dokumenten als Informationsquellen aufmerksam und setzt sich für die Bewahrung von traditionellen und modernen Informationsträgern ein.
 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit


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Letzte Änderung: 17.05.2000 12:03