ÖSTERREICHISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
FEIERLICHE SITZUNG AM MITTWOCH, DEM 17. MAI 2000

BERICHT DES GENERALSEKRETÄRS HERBERT MANG


Hohe Festversammlung!

"Actioni contrariam semper et aequalem esse reactionem" lautet das letzte der drei Axiomata sive Leges Motus der Newtonschen Mechanik. Die dynamische Wirkung, die von den vielfältigen, zukunftsorientierten Aktivitäten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgeht, scheint diesem Gesetz allerdings nicht zu gehorchen, weil sie keine nennenswerte Gegenwirkung erzeugt. Der Austausch eines Porträts des jungen Kaisers Franz Joseph im Johannessaal des Akademiegebäudes durch ein Bildnis, das seinen Onkel, Kaiser Ferdinand, in Marschallsuniform zeigt, stellt jedenfalls keine solche reactio dar. Bei der Anbringung dieses Porträts handelt es sich vielmehr um eine Verbeugung vor den historischen Anfängen einer traditionsreichen Einrichtung dieses Landes. Daß das Bildnis nicht unbedingt einen martialischen Eindruck von der Person des Uniformträgers und Gründers der Akademie vermittelt, sei nur am Rande bemerkt.

Gestern haben sich die wirklichen Mitglieder "......dieser mit Allerhöchster Munifizenz ausgestatteten Institution", wie es im Einladungsschreiben Erzherzog Johanns zur Wahl des Präsidiums im Jahre 1847 heißt, eben zu diesem Zweck sowie zur Wahl neuer Mitglieder versammelt. Die Selbstergänzung durch Zuwahl zählt zu den vornehmsten Aufgaben der Gelehrten Gesellschaft. Diese Wahl wird deshalb sehr sorgfältig vorbereitet. Begonnen wird damit geraume Zeit vor dem Wahltag mit eingehenden Diskussionen von Wahlvorschlägen in Sitzungen der einzelnen Fachgruppen der mathematisch-naturwissenschaftlichen und der philosophisch-historischen Klasse. In je einer Sitzung der Sprecher der Fachgruppen jeder der beiden Klassen wird aus diesen Vorschlägen ein Gesamtvorschlag erstellt. In den Klassensitzungen wird darüber ausführlich beraten. Abgeschlossen werden die Wahlvorbereitungen mit einer Diskussion der Wahlvorschläge in einer Sitzung der Gesamtakademie und mit Vorwahlen in Klassensitzungen am Tag vor der eigentlichen Wahl.

Zusammen mit dem im Jahre 1991 gefaßten letzten Beschluß der Aufstockung der Mitgliederzahl trägt die beschriebene Vorgangsweise dazu bei, das inner- und außerhalb der Universitäten vorhandene Potential an hervorragenden Wissenschaftlern zu identifizieren, nach Maßgabe freier Stellen für Mitglieder durch Zuwahl bestmöglich zu nützen und so die Akademie möglichst nahe an den Idealzustand einer Versammlung der besten wissenschaftlichen Köpfe des Landes heranzuführen. Die starke Zunahme der Breite des Kanons der von den Mitgliedern vertretenen Fächer erleichtert das Wirken der Akademie als bedeutendster Trägerin außeruniversitärer Forschungseinrichtungen im Bereich der Grundlagenforschung in Österreich sowie die Wahrnehmung der im Akademiegesetz vorgesehenen Aufgabe als Beratungsorgan.

Zur Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrages der Förderung der Wissenschaft ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften auf Ermessenskredite des Bundes angewiesen. Bei reduziertem Ermessensspielraum allzu große Munifizenz bei der Vergabe von Ermessenskrediten zu erwarten, würde von mangelndem Realitätssinn zeugen. Dem Präsidium obliegt jedoch die Pflicht, nachdrücklich um eine angemessene finanzielle Dotierung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu ersuchen, einer Einrichtung, die laut Gesetz unter dem besonderen Schutz des Bundes steht. Der in einem Gespräch des Präsidiums mit Frau Bundesministerin Gehrer und Herrn Sektionschef Kneucker zum Ausdruck gebrachte Dank für das erkennbare Bemühen von Ressortleitung und Beamtenschaft des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur bei der Erstellung der akademierelevanten Ansätze des Budgetvoranschlages des Staates sei coram publico wiederholt. Verbunden wird er mit der Bitte, die Akademie bei der Planung längerwährender wissenschaftlicher Aktivitäten durch längerfristige Budgetzusagen zu unterstützen.

Die Anerkennung der Berechtigung dieses Anliegens kommt in einem Schreiben von Herrn Bundeskanzler Schüssel an Herrn Präsident Welzig zum Ausdruck. Unter Bezugnahme auf die Gründung des Institutes für Molekulare und Zelluläre Bioinformatik in Form einer GmbH der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bekennt sich die Österreichische Bundesregierung zu den mit dieser Gründung zusammenhängenden vertraglichen Verpflichtungen und sichert die Bereitstellung der für Aufbau und Betrieb dieses Instituts benötigten Geldmittel zu.

Das in statu nascendi befindliche Institut stellt die akademiebezogene Komponente der Kooperation zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Unternehmensverband Boehringer Ingelheim dar. An diesem Institut sollen im Laufe von zwei Jahren 80 Arbeitsplätze für hochqualifizierte Wissenschaftler auf dem Gebiet der Molekular- und Zellbiologie des Menschen geschaffen werden. Der Kooperationspartner ist das zum erwähnten Unternehmensverband gehörende, hoch angesehene Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie.

In direkter Nachbarschaft dieses im "Vienna Bio-Center" im dritten Wiener Gemeindebezirk beheimateten Instituts wird die Akademie ein Gebäude für das Institut für Molekulare und Zelluläre Bioinformatik errichten. Zur Zeit findet ein Architektenwettbewerb statt. In einem vorgeschalteten EU-offenen Bewerbungsverfahren wurden zehn Teilnehmer ausgewählt. Die Finanzierung des Institutsbaus erfolgt durch Förderung der Stadt Wien. Die für die Errichtung des Instituts notwendige Baufläche wird mit Hilfe der Stadt Wien baureif in das Institutseigentum übertragen. Dafür ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften Frau Stadträtin Ederer zu Dank verpflichtet. Der Dank der Akademie für die Zusicherung der Finanzierung des neuen Institutes gilt Herrn Bundesminister a.D. Einem, Frau Bundesministerin Gehrer und Herrn Bundeskanzler Schüssel.

Auch in der Bezeichnung einer weiteren von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geplanten Forschungseinrichtung scheint das Adjektiv molekular auf. Mit der ins Auge gefaßten Errichtung eines Zentrums für Molekulare Medizin in Form einer GmbH verfolgt die Akademie allerdings andere Ziele als mit der zuvor erwähnten Institutsgründung. In diesem Zentrum sollen bedeutende Probleme auf Gebieten wie der molekularen Immunologie, der Onkologie, Dermatologie, Allergologie, Rheumatologie und Gefäßbiologie interdisziplinär behandelt werden. Durch Konzentration der inhaltlichen und methodischen Beiträge einzelner Fachdisziplinen will man die molekularbiologischen Gemeinsamkeiten verschiedenartiger Krankheitsbilder nicht nur erkennen, sondern auch die Erkenntnisse der molekularmedizinischen Grundlagenforschung am Krankenbett umsetzen und Synergien nutzen.

Die Akademie hat eine entsprechende Initiative von Forschergruppen aus verschiedenen Kliniken bzw. Instituten der medizinischen Fakultät der Universität Wien aufgegriffen. Die Form der Bestellung des Geschäftsführers, seine Ausstattung mit Rechten sowie die Auferlegung von Pflichten, die den Zielen der Akademie und der Proponenten bestmöglich Rechnung tragen, die Sicherstellung der Finanzierung durch die öffentliche Hand und die räumliche Unterbringung in einem akademieeigenen Forschungsgebäude in der Nähe der Universitätskliniken sind Probleme, mit denen Präsidium und Akademieverwaltung zur Zeit befaßt sind.

Gründerjahre sind durch eine rege Bautätigkeit gekennzeichnet. Die Gründerzeit, in der sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften gegenwärtig befindet, manifestiert sich nicht zuletzt in der Errichtung des Forschungsgebäudes Graz. Es wurde nach 18-monatiger Bauzeit mit einem Finanzierungsaufwand von 120 Mio S fertiggestellt. Nach Beendigung der Einrichtungs- und Besiedelungsphase werden ab Herbst 2000 das Institut für Weltraumforschung, das Institut für Biophysik und Röntgenstrukturforschung sowie fünf Kommissionen der philosophisch-historischen Klasse mit insgesamt 90 Mitarbeitern an einem Standort untergebracht sein. Den bisher auf sieben Standorte in Graz verteilten wissenschaftlichen Einrichtungen werden auf insgesamt 5.500 m2 Nettonutzfläche neben institutsspezifischen Labor- und Arbeitsräumen gemeinsame Infrastrukturflächen wie z. B. Bibliothek, Seminar- und Veranstaltungsräume sowie Ausstellungs- und Kommunikationsbereiche zur Verfügung stehen.

Gründungen und Schließungen von Forschungseinrichtungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sind Ergebnisse umfassender Planungen. "Mensch und Plan haben einander gegenseitig nötig" schreibt Carl Friedrich von Weizäcker in dem 1957 erschienenen Buch Atomenergie und Atomzeitalter und fügt ergänzend hinzu: "Es ist romantisch, die geplante Welt leugnen oder bekämpfen zu wollen". Planungen bedürfen geeigneter Instrumente. Mit dem vor kurzem abgeschlossenen Mittelfristigen Forschungsprogramm 1996-2000 schuf die Österreichische Akademie der Wissenschaften ein Planungsinstrument, das sich ausgezeichnet bewährt hat. Zentrales Element dieses Programms war die Evaluierung aller Forschungseinrichtungen der Akademie durch Gruppen international hochangesehener externer Experten, auf deren Zusammensetzung die Akademie, von der Bestellung der Gruppenleiter abgesehen, keinen Einfluß nahm.

Bedeutende Konsequenzen dieser Evaluierung sind die Auflösung des Instituts für Informationsverarbeitung, die Gründung eines Instituts für Diskrete Mathematik und einer Kommission für Wissenschaftliche Visualisierung, die Umwandlung der Forschungsstelle für Schallforschung in ein Institut, in dem zusätzlich zu Psychoakustik und Spracherkennung medizinische und sensorische Akustik betrieben und numerische Simulationen akustischer Probleme durchgeführt werden sollen, die Umwandlung der Forschungsstätte für Archäologie in ein Institut für Kulturgeschichte der Antike, die Schließung der Forschungsstelle für Sozioökonomie und die Gründung einer Forschungsstelle für Institutionellen Wandel und Europäische Integration. Die Ergebnisse der Evaluierung der Forschungseinrichtungen der Akademie und die daraus gezogenen Konsequenzen werden der Öffentlichkeit in der soeben erschienenen Broschüre "Mittelfristiges Forschungsprogramm 1996-2000. Evaluationsergebnisse II" vorgelegt. Gegenwärtig wird das Mittelfristige Forschungsprogramm 2001-2005 der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geplant. Es wird unter anderem den Zeitplan für den zweiten Evaluierungszyklus der Forschungseinrichtungen der Akademie enthalten.

Ein wesentliches Element der Erfüllung des gesetzlichen Auftrags der Förderung der Wissenschaft ist die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Das erklärt die Funktion der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als einer der bedeutendsten und ältesten Einrichtungen des Landes auf dem Gebiet der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. 1999 wurden im Rahmen des von der Max Kade-Foundation finanzierten Post-doc Programms 14 Stipendiaten und Stipendiatinnen aus den Bereichen Medizin, Technische Chemie, Verfahrenstechnik und Maschinenbau unterstützt. Sie forschen an renommierten amerikanischen Universitäten wie der Harvard Medical School, der Stanford University und der Yale University. Dankenswerterweise hat die Max Kade-Foundation die Stipendiensätze ab dem Jahr 2000 erhöht, um eine Verringerung des Nettobetrags infolge der seit 1999 erforderlichen Versteuerung der Stipendien in den USA zu kompensieren.

Für die im Berichtszeitraum durch die ÖAW zu vergebenden 39 Doktoranden- und 19 APART - Stipendien lagen über 200 Bewerbungen vor. Fünf APART - Stipendiaten bzw. -stipendiatinnen wurden in diesem Zeitraum auf Professorenstellen berufen. Zwei Absolventen des Doktorandenprogramms wurden sub auspiciis praesidentis rei publicae promoviert. Den meisten ehemaligen Doktorandenstipendiaten und -stipendiatinnen ist der Berufseinstieg sehr gut gelungen. Sie bekleiden Stellen in angesehenen internationalen Organisationen, wirken als Universitätsassistenten und -assistentinnen und sind in Forschungsabteilungen bedeutender Industrieunternehmen tätig. Den Dank für die Finanzierung der Stipendienprogramme verbindet die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit der Bitte an das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die ursprünglich ins Auge gefaßte Zahl an APART- und Doktorandenstipendien nicht aus den Augen zu verlieren.

Nicht nur die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein Anliegen, sondern auch das Wohl der Menschen, die in der Mitwirkung an der Erfüllung des gesetzlichen Auftrags der Akademie ihre Lebensaufgabe erblicken, darin aber auch ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage sehen müssen. Die Akademie ist bemüht, ihnen ein angemessenes Einkommen zu sichern. Eine Maßnahme zur Einkommenssicherung ist die Reduktion des Einkommensverlustes beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienststand. Auf der Grundlage einer Betriebsvereinbarung soll es den in der Akademie Tätigen bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen ermöglicht werden, einer überbetrieblichen Pensionskasse beizutreten. Textentwürfe für diese Vereinbarung sowie für die Ausschreibung im Rahmen des Verfahrens zur Auswahl einer Pensionskasse wurden von einer ad hoc Kommission der Akademie erarbeitet.

Hohe Festversammlung!

An die Spitze des dritten Bandes seiner Philosophiae Naturalis Principia Mathematica stellte Isaac Newton die Regulae Philosophandi, womit Regeln zur Erforschung der Natur gemeint sind. "An Ursachen zur Erklärung naturwissenschaftlicher Dinge nicht mehr heranziehen als jene, die wahr sind und zur Erfassung dieser Erscheinungen ausreichen", lautet eine deutsche Übersetzung der ersten Regel. Sie ist eine Leitlinie für naturwissenschaftliche Forschung und somit auch für die Tätigkeit der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Daß ich mich in meinem Kurzreferat über die von den Forschungseinrichtungen dieser Klasse im Berichtszeitraum erbrachten wissenschaftlichen Leistungen auf ein einziges Institut beschränken muß, ist eine bedauerliche Konsequenz der Fülle von berichtenswerten Aktivitäten der Akademie.

Bei dieser Forschungseinrichtung handelt es sich um das in Graz beheimatete Institut für Weltraumforschung. Im Berichtsjahr waren die wissenschaftlichen Aktivitäten der Abteilung für experimentelle Weltraumforschung stark von den Vorbereitungen für den im Sommer des heurigen Jahres von Baikonur, Kasachstan, aus erfolgenden Start von vier CLUSTER-Satelliten geprägt. Diese Satelliten werden der genauen Erforschung der Erdmagnetosphäre sowie dem Studium der komplizierten magneto-hydrodynamischen Wechselwirkung in der Magnetosphäre dienen. Die Sonde CASSINI/HUYGENS, an deren Ausstattung mit Meßgeräten das Grazer Akademieinstitut maßgebend beteiligt ist, befindet sich auf dem Flug zum Saturnmond Titan. Dort werden im Jahre 2004 erstmals Messungen der Atmosphäre vorgenommen werden. Die Abteilung Satellitengeodäsie war im Berichtszeitraum mit der Definitionsphase eines Gravitationssatelliten beschäftigt. Er wird eine genaue Bestimmung des Geoids erlauben. Die Abteilung für Physik des erdnahen Weltraums setzte unter anderem die erfolgreichen Untersuchungen der elektromagnetischen Strahlung des Planeten Jupiter fort.

Das vor rund dreißig Jahren gegründete Institut für Weltraumforschung hat sich unter der langjährigen Leitung des wirklichen Mitglieds Willibald Riedler zu einem international stark beachteten und gesuchten Partner auf dem Gebiet der experimentellen und theoretischen Weltraumforschung entwickelt. Mit Jahresende wird Herr Riedler die Leitung des Instituts abgeben. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften wird seine Verdienste um das Institut für Weltraumforschung bei geeigneter Gelegenheit würdigen.

"Noch vieles hätte ich euch zu sagen" heißt es beim Evangelisten Johannes, "doch ihr könnt es jetzt nicht ertragen". Über die breit gestreuten Aktivitäten der Institute, Forschungsstellen und Kommissionen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse gäbe es in der Tat noch vieles zu berichten. Die Frage, ob Sie, sehr geehrte Anwesende, die damit verbundene Verlängerung meines Berichts ertragen könnten, stellt sich nicht, denn .... meine Redezeit ist abgelaufen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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Letzte Änderung: 24.05.2000 10:35