Wien, 20. April 1999

Phonogrammarchiv feiert 100. Geburtstag


Das älteste Schallarchiv der Welt, das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beherbergt mehr als 50.000 Tondokumente aus aller Welt.

Am 27. April 1999 feiert das Phonogrammarchiv sein 100-jähriges Bestehen. Das Archiv dient primär wissenschaftlichen Zwecken, ist jedoch auch einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch die Schallplatten- und CD-Reihe "Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv", die unter anderem ein Stimmporträt Kaiser Franz Josephs aus dem Jahr 1903 sowie Stimmporträts berühmter Schauspieler und Sänger des beginnenden 20. Jahrhunderts umfaßt, bekannt geworden. Das Archiv, dessen Aufgabe es ist, wissenschaftliche Schallaufnahmen herzustellen, zu sammeln, zu erschließen, zu bewahren und sie für Forschungszwecke auch anderen zur Verfügung zu stellen, beherbergt mehr als 50.000 Tondokumente aus aller Welt. Österreichischen Institutionen und Wissenschaftlern bietet es Unterstützung und Beratung bei der Herstellung wissenschaftlicher Schallaufnahmen. Im Gegenzug werden diese Aufnahmen im Phonogrammarchiv archiviert.

Berühmt und einzigartig sind die Sammlungsbestände aus der Frühzeit des Archivs: Aufnahmen aus Neuguinea aus den Jahren 1904-1906, der Kalahari (1907-09), der keltischen Minoritäten Europas, der Basken sowie der Grönland-Eskimos. Einmalig sind auch die Dokumentationen der verschiedenen Bibel-Rezitationsstile der jüdischen Diaspora aus den Jahren 1910-1913, die Gesänge russischer Kriegsgefangener aus der Zeit des ersten Weltkrieges sowie die Dokumentation der deutschen Dialekte Österreichs, mit der bereits in der Frühzeit des Archivs begonnen wurde.

Tondokumente österreichischer Mundarten und heimischer Volksmusik, Aufnahmen aus Afrika, Afghanistan und Indien, der Roma Ost- und Südosteuropas und der Türkei, sowie von Tierlauten aus Amazonien sind weitere Schwerpunkte der Sammlung, die in späterer Zeit hinzukamen. In letzter Zeit konzentrierte sich die Aufnahmetätigkeit der Archivmitarbeiter auf die systematische Erfassung der Sprache österreichischer Aussiedler in Osteuropa und Südamerika, Musik im österreichischen Alltagsleben, die Dokumentation ausgewählter kultureller Aktivitäten in Wien, etwa Musik verschiedener Volksgruppen, sowie die systematische Erfassung von mechanischen Musikinstrumenten mit dem Schwerpunkt auf österreichischen Fabrikaten.

Zahlreiche der einmaligen frühen Aufnahmen wurden mit dem vom Archiv entwickelten "Wiener Archivphonographen", einer Pionierleistung auf dem Gebiet der Aufnahmetechnik, hergestellt. Diese Aufnahmetechnik blieb bis 1931 in Verwendung, daneben wurde 1927 das Grammophon-Aufnahmeverfahren eingeführt, 1950 das Magnetband. Jahrzehntelange Erfahrung mit den Methoden der Überspielung und Konservierung von Tonträgern hat das Phonogrammarchiv zu einem Zentrum für Fragen dieser Spezialgebiete werden lassen. Die meist auf verletzlichen Trägern vorliegenden Originalaufnahmen werden technisch gesichert und inhaltlich erschlossen. Die technische Sicherung erfolgt zur Zeit noch auf archivtaugliches analoges Magnetband, die Umstellung auf Archivierung in ein digitales Massenspeicher-System ist in Vorbereitung.

Ein wesentliches Anliegen ist die Weiterentwicklung von Apparaten und Praktiken des technisch-quellenkritisch einwandfreien Überspielens historischer Formate auf moderne Datenträger (Re-recording), wobei das Phonogrammarchiv internationale Anerkennung gefunden hat: so fällt beispielsweise die Betreuung der Übertragung historischer Bestände des St. Petersburger Phonogrammarchivs im Rahmen eines EU-INTAS Projekts sowie die Beratung des traditionsreichen Berliner Phonogrammarchivs bei der Rekonstruktion seiner alten Sammlungen dem Archiv zu.

Ein weiteres Forschungsinteresse liegt auf dem Gebiet der Konservierung audiovisueller Datenträger. Im Mittelpunkt stehen einerseits Kooperationen mit in- und ausländischen Kunststoff-Forschungsinstituten sowie anderen Archiven mit dem Ziel, den Fragen der chemischen Stabilität audiovisueller Datenträger nachzugehen, andererseits die langfristige Sicherung der Bestände audiovisueller Archive, auch in tropischen Ländern, in denen sie bisweilen durch dramatisch raschen Zerfall bedroht sind, zu verbessern.

Seit 1979 besteht die Serie "Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv", mit der zunächst auf Langspielplatten, nunmehr auf CD, ausgewählte Bestände des Archivs einem weiteren Benützerkreis leicht zugänglich gemacht werden. Jüngst hat das Archiv aus Anlaß seines 100-jährigen Bestehens begonnen, seine historischen Sammlungen, die mechanischen Tonträger von 1899-1950, als kommentierte Gesamtausgabe auf CDs mit Begleitpublikation zu veröffentlichen.

Aus Anlaß des 100. Geburtstages des Phonogrammarchivs hält die International Association of Sound and Audiovisual Archives (IASA) ihre Jahreskonferenz unter dem Titel "A Century of Sound Archiving" vom 18. - 22. September 1999 in Wien ab. Veranstaltet wird die Tagung von der AGAVA (Arbeitsgemeinschaft Audiovisueller Archive Österreichs), Tagungsort ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften.

Weitere Informationen:
Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Direktor: HR Dr. Dietrich Schüller
A-1010 Wien, Liebiggasse 5
Tel.: +43-1-4277-29601
Fax: +43-1-4277-9296

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Letzte Änderung: 02.05.1999 23:48