ÖSTERREICHISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
FEIERLICHE SITZUNG AM MITTWOCH, DEM 19. Mai 1999

BERICHT DES GENERALSEKRETÄRS HERBERT MANG


Hohe Festversammlung!

"Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht", so berichtete Akademiepräsident Richard Meister in der Feierlichen Sitzung des Jahres 1961, "konnten in zwei Nischen der Aula Büsten der ersten zwei Präsidenten der Akademie, des Orientalisten Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall und des Physikers Anton Freiherr von Baumgartner, aufgestellt werden". Hätte damals, so meditiere ich laut, unter anderen Umständen auch ein Grund zur Aufstellung einer Büste des bereits zu Lebzeiten als princeps mathematicorum bezeichneten deutschen Mathematikers, Astronomen und Physikers Carl Friedrich Gauß vorliegen können? Diese Frage stellt sich bei der Lektüre eines Briefes des deutschen Astronomen Heinrich Christian Schumacher an Gauß im Jahre 1842, in dem es im Zusammenhang mit einem möglichen Ruf von Gauß nach Wien heißt: "Allgemein hörte ich, daß die schon oft unter Discussion gewesene Idee eine Gesellschaft der Wissenschaften zu errichten, jetzt wieder ernstlich berathen wird. Wenn man Sie jetzt würklich nach Wien zu ziehen sucht, so glaube ich, dass man Sie zur Errichtung und Präsidentur dieser Gesellschaft wünscht". - Gauß blieb bekanntlich in Göttingen und wurde 1848 zum Ehrenmitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der ein Jahr zuvor gegründeten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt.
 
 

Seit damals erfolgt die Selbstergänzung der Gelehrten Gesellschaft jährlich durch Zuwahl neuer Mitglieder. Die Bandbreite der von den heuer gewählten Mitgliedern vertretenen Fächer erstreckt sich von der Alttestamentarischen Bibelwissenschaft bis zur Zoologie und von der Allergologie bis zum Zivilrecht. Die inländischen Mitglieder wirken an den Universitäten Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien, den Technischen Universitäten Graz und Wien, dem Institut für Molekulare Pathologie in Wien und dem Landeskrankenhaus Salzburg. Drückt sich etwa in der Wahl eines 47-jährigen Genetikers die Anerkennung der beeindruckenden wissenschaftlichen Leistung einer dem Zenit ihrer Karriere zustrebenden Forscherpersönlichkeit aus, so äußert sich beispielsweise in der Kür eines 66-jährigen Betriebswirtes auch die Würdigung des Lebenswerkes eines hervorragenden Gelehrten und hochgeschätzten Sachverständigen. Der im Jahre 1991 gefaßte letzte Beschluß der Aufstockung der Mitgliederzahl erleichtert die Wahrnehmung der zu den wichtigsten Aufgaben der Gelehrten Gesellschaft zählenden Aufsichtsfunktion über die Forschungseinrichtungen der Akademie. Kriterien für ihr Wirken als bedeutendster Trägerin außeruniversitärer Forschungseinrichtungen im Bereich der Grundlagenforschung in Österreich sind Exzellenz, Interdisziplinarität und Komplementarität zu bestehenden universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Auf der Basis dieser Kriterien hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften wichtige Besiedlungen der heimischen Forschungslandschaft vorgenommen.

Eine angemessene finanzielle Dotierung bietet Gewähr dafür, daß die Akademie den auf sie entfallenden Anteil an der Pflege der österreichischen Forschungslandschaft leisten kann. Diese Dotierung erfolgt aus Ermessenskrediten des Bundes. Sie stellt ein wesentliches Element des besonderen Schutzes durch den Bund dar, auf den in der Satzung der Akademie ausdrücklich hingewiesen wird. In der Beurteilung der Angemessenheit des Resultates staatlichen Ermessens mag es gelegentlich Auffassungsunterschiede geben. Dessen ungeachtet anerkennt die Österreichische Akademie der Wissenschaften die Bemühungen der mit den akademierelevanten Ansätzen der Budgetvoranschläge des Staates befaßten politischen Instanzen sowie der mit den akademiespezifischen Details des Budgetvollzugs beschäftigten Beamten der Hoheitsverwaltung. Das für die Akademie günstige Ergebnis eines vor wenigen Wochen mit für sie zuständigen Beamten des Bundesministeriums für Wissenschaft und Verkehr geführten Gesprächs wird als Ausdruck dieser Bemühungen gewertet und dementsprechend dankbar vermerkt.

Besiedlungen der österreichischen Forschungslandschaft und Umsiedlungen in ihr bedürfen sorgfältiger Planung. Mit dem "Mittelfristigen Forschungsprogramm 1996 - 2000" verfügt die Österreichische Akademie der Wissenschaften über ein Planungsinstrument, das seine Bewährungsprobe sehr gut bestanden hat. Erklärter Zweck des Programms ist es, in offener, nachvollziehbarer Weise inhaltliche und strukturelle Entscheidungen im Bereich der Forschungseinrichtungen der Akademie vorzubereiten und die wissenschaftliche Qualität der Forschung in diesen Institutionen zu sichern. Ein zentrales Element des Programms ist die Evaluierung aller Forschungseinrichtungen der Akademie durch international hochangesehene externe Gutachter. So fungiert etwa als Leiter der Gruppe der Evaluatoren des Instituts für Biophysik und Röntgenstrukturforschung in Graz der Nobelpreisträger für Chemie Professor Hartmut Michel vom Max-Planckh-Institut für Biophysik in Frankfurt.

In einer mit "Evaluationsergebnisse I" betitelten Broschüre, die im Monat Juli des Vorjahrs erschienen ist, wurde der Öffentlichkeit der erste Teil dieser Qualitätsbeurteilungen vorgestellt. Mittlerweile sind alle Forschungseinrichtungen der Akademie von Evaluatoren besucht worden. Mit Ausnahme der Abschlußberichte über die Evaluierung der Fachbereiche Kunstwissenschaften, Geschichte und Kultur des Ostmittelmeerraumes sowie Biologie und Medizin liegen alle abschließenden Evaluationsberichte vor. Zu den Konsequenzen der Evaluierung zählen Schließungen, inhaltliche Neuorientierungen und Neugründungen von Forschungseinrichtungen der Akademie.

Nebenbei sei erwähnt, daß auch die Zentrale Verwaltung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einer externen Evaluierung unterzogen wurde. Ihr Ergebnis war für die Akademie durchaus erfreulich. Dort, wo dies möglich und zweckmäßig ist, werden die Vorschläge der Management Consulting Gesellschaft, welche die Evaluierung durchführte, berücksichtigt werden.

Zur Urbarmachung von Forschungslandstrichen, deren Bearbeitung reichen wissenschaftlichen Ertrag erhoffen läßt, benötigt man junge Forscherinnen und Forscher, denen der Pioniergeist von Ansiedlern zu eigen ist. An ihrer Förderung beteiligt sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit drei Stipendienprogrammen. Dabei handelt es sich um die Stipendien der MAX-KADE-Foundation, des Austrian Program for Advanced Research and Technology, abgekürzt APART, und des Doktorandenprogramms. Die 18 MAX-KADE-Stipendiatinnen und -Stipendiaten des Jahres 1998 kommen aus den Fachbereichen Medizin, Molekularbiologie, Physik und Informatik. Sie sind als Post-docs an renommierten Forschungsstätten wie der Mayo-Clinic, der Harvard Medical School und dem Massachusetts Institute of Technology tätig. Zu ihnen gesellen sich 19 APART- und 36 Doktoranden-Stipendiaten und -Stipendiatinnen. Für diese beiden Stipendienprogramme lagen über 200 Bewerbungen vor. Mit dem akademischen Jubelruf Vivat maecenatum caritas! verbindet die Österreichische Akademie der Wissenschaften den Dank für die Finanzierung der drei Stipendienprogramme. An das Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr richtet sie die Bitte, die ursprünglich anvisierte Zahl an APART- und Doktorandenstipendien nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei stützt sie sich auf den angesichts der Jugendlichkeit der beiden Stipendienprogramme bemerkenswert großen, positiven Einfluß dieser Stipendien auf die Berufskarriere der überwiegenden Mehrzahl ihrer Empfänger. Der Jubelruf gilt nicht zuletzt der Stadt Wien für die Einrichtung eines mit 50 Millionen Schilling ausgestatteten Jubiläumsfonds für die Österreichische Akademie der Wissenschaften sowie die Finanzierung eines APART und eines Doktoranden Stipendiums. Aus den Zinsen des Fondskapitals werden Forschungsprojekte finanziert. Sie werden vom Kuratorium des Fonds nach einem externen Begutachtungsverfahren aus den eingereichten Projekten ausgewählt.

Was wäre die Besiedlung von Landstrichen ohne die Errichtung von Wohn- und Wirkungsstätten für die Ansiedler? Die Auseinandersetzung mit dem wissenschaftspolitischen Analogon zu dieser rhetorischen Frage mag Gottfried Wilhelm Leibniz dazu bewogen haben, in einem Brief an den kaiserlichen Antiquar Karl Gustav Heraeus im Jahre 1716 nicht nur seine Gedanken über die Organisation der geplanten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, sondern auch über den Entwurf eines geeigneten Gebäudes für diese Einrichtung darzulegen. Ein sichtbares Zeichen für die Bemühungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geeignete Wirkungsstätten zur Verfügung zu stellen, ist die Errichtung eines neuen Forschungsgebäudes in Graz. Der im September 1998 begonnene Bau wird, sofern keine unvorhersehbaren Ereignisse eintreten, gegen Ende dieses Jahres fertiggestellt sein. Das neue Akademiegebäude Graz wird ab dem Jahre 2000 die derzeit auf fünf Standorte in Graz verteilten Institute für Weltraumforschung sowie Biophysik und Röntgenstrukturforschung beherbergen. Im Bereich des Alten Universitätsviertels in Wien steht der Beginn eines wesentlichen Bauabschnitts unmittelbar bevor. Diese Bauetappe wird sich bis in das Jahr 2002 erstrecken. Ab ihrem Ende werden neue Unterbringungsstätten für das Archiv der Universität Wien und den Akademieverlag vorhanden sein. Im generalsanierten Stöckelgebäude werden zusätzliche Arbeitsräume zur Verfügung stehen.

Sehr geehrte Anwesende!

"Der kocht aus Rüben Zuckersaft und der aus Wasser Pferdekraft", heißt es in einem späteren Zusatz zu einem bekannten Liedtext, den ein gewisser Dr. Eugen Höfling, seines Zeichens Sanitätsrat in Eschwege in Hessen, im Jahre 1826 verfaßt hat. "Welcher Wandel ist doch in allem", ist man in Anspielung auf diesen Liedtext versucht hinzuzufügen, wenn man die volkstümliche Sicht von naturwissenschaftlich-technischer Tätigkeit aus der Zeit der Gründung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit den Aktivitäten ihrer mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse am Ende dieses Millenniums vergleicht. Die vier folgenden Kurzberichte über solche Aktivitäten stellen eine Auswahl dar, mit der keine Wertung verbunden sein soll.

Der erste betrifft das Institut für Limnologie mit den Standorten Mondsee und Lunz. Nach der Bestellung eines neuen Direktors erfuhr es erhebliche personelle, räumliche und konzeptionelle Änderungen. In der Abteilung Mondsee wurde die Arbeitsgruppe "Mikrobielle Ökologie und Genetik" mit zwei neu angestellten wissenschaftlichen Mitarbeitern, einem neu angestellten Techniker und zwei neuen Laboratorien eingerichtet. Die bisherige Institutsbibliothek wurde in einen angrenzenden Gebäudeteil verlagert und durch die Einrichtung eines Lesesaals völlig neu und wesentlich großzügiger als bisher gestaltet. Das Institut hat sich im Berichtszeitraum verstärkt um einen integrativen Forschungsansatz bemüht, wie das etwa in dem interdisziplinären Forschungsprojekt "Auswirkungen der SOLVAY-Emissionen auf die ökologische Funktionsfähigkeit des Traunsees" deutlich wurde. Längerfristiges Ziel des Institutes ist es, übergeordnete Probleme, wie zum Beispiel die Entstehung und Aufrechterhaltung der Biodiversität in aquatischen Lebensräumen, fächer- und abteilungsübergreifend zu untersuchen.

An dem in Wien beheimateten Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung bildet das Studium der Vielfalt der Paarungssysteme einen Schwerpunkt der Forschungstätigkeit. Als besonders erfolgreich erwiesen sich die Arbeiten über die komplexen

Sozialsysteme von Buntbarschen des Tanganjikasees. Für eine bestimmte Art dieser Fische läßt sich mit Hilfe mathematischer Modelle, Beobachtungen im Freiland, Messungen und Experimenten am Institut ein außergewöhnlich detailliertes Bild der Fortpflanzung zeichnen. Von besonderem Interesse ist bei diesen Fischen das Verhalten der Männchen. Bei den Vögeln gilt das Hauptinteresse hingegen der zentralen Rolle, die den Weibchen zukommt. Während weibliche Spechte nahezu immer treu bleiben, hängt bei Singvögeln die Treue der Weibchen von bestimmten Umweltbedingungen ab. Die Bedeutung der erwähnten Arbeiten des Instituts liegt in der Erkenntnis, daß auch das soziale Verhalten von Tieren nicht starr ist, sondern von Erbgut und Umwelt abhängt. Die jeweilige Art dieser Abhängigkeit läßt sich mit wissenschaftlichen Methoden bestimmen.

Im Zuge der Bestellung eines neuen Direktors des Erich-Schmid-Institutes für Festkörperphysik in Leoben wurde das Wort "Festkörperphysik" in der Institutsbezeichnung durch "Materialwissenschaft" ersetzt. Der neue Institutsname wird dem Aufgabengebiet des Institutes besser gerecht. An der Leitung des Akademieinstitutes in Personalunion mit der des Institutes für Metallphysik der Montanuniversität Leoben hat sich mit der Bestellung des neuen Direktors nichts geändert. Tiefgreifende Änderungen gibt es hingegen bei den vom Akademieinstitut behandelten wissenschaftlichen Themen: so kam es etwa zu einer Erweiterung des Bereichs der zu erforschenden Materialien, der ursprünglich hauptsächlich metallische Werkstoffe umfaßte, auf Verbundwerkstoffe und biologische Materialien wie Holz und Knochen. Die wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts zielt auf die Erforschung des Zusammenhangs zwischen dem Aufbau dieser komplexen Materialien und deren mechanischen Eigenschaften ab. Gemeinsame Projekte mit der Werkstoffindustrie und der Medizin dokumentieren die gesellschaftliche Relevanz dieser Forschung.

Den Abschluß des klassenbezogenen Berichtsteils bildet ein Kurzreferat über die Aktivitäten der in Wien angesiedelten Forschungsstelle für Schallforschung. Auf den Gebieten der Psychoakustik und des Computational Hearing betreibt sie hochwertige Grundlagenforschung. Deren Umfang wurde im Berichtszeitraum mit Arbeiten zur Modellierung der auditiven Figur-Hintergrundwirkung erweitert. Zentraler Punkt dieser Arbeiten ist die Computersimulation der psychophysiologischen Maskierungsfunktion des Gehörs, die beispielsweise bei sensorineuralen Hörschäden im Vergleich zu Normalhörenden erheblich gestört sind. Die erhaltenen "Psychoacoustic Tuning Curves" werden sowohl in der prä- als auch der postoperativen Betreuung von Patienten mit Cochlea-Implantaten verwendet. In der Forschungsstelle wurde ferner ein Programmpaket zur digitalen Signalverarbeitung entwickelt. Es wird mit den wichtigsten Verfahren der Schallanalyse und Schallarchivtechnik unter anderem in der Akustischen Phonetik, Sprecherkennung, Musikwissenschaft und Medizintechnik eingesetzt.
 
 
 
 

Hohe Festversammlung!

"Mit Kleinen tut man kleine Taten, mit Großen wird der Kleine groß" läßt Goethe im zweiten Teil seines Faust in der Klassischen Walpurgisnacht Thales zu Humunculus sagen. Ist dieses Zitat in einem Bericht über die Tätigkeit einer wissenschaftlichen Akademie nicht unpassend, wo es doch in einer solchen Institution primär auf Qualität und erst in zweiter Linie auf Größe ankommt? Für viele Einrichtungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften träfe ein solcher Einwand zweifellos zu. Ihre im internationalen Vergleich geringe Größe hindert sie nicht daran, bedeutende wissenschaftliche Leistungen zu erbringen. Wenn sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften jedoch in Zukunft stärker als bisher in Forschungsbereichen engagieren will, in denen größere Dimensionen eine notwendige Bedingung für wissenschaftlichen Erfolg darstellen, wird sie über die Konsequenzen des Dichterworts für ihr Wirken nachzudenken haben. Möge diesem Wirken zum Wohle Österreichs auch im kommenden Jahrtausend nachhaltiger Erfolg beschieden sein!


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Letzte Änderung: 20.07.1999 16:03