SPEZIALFORSCHUNGSBEREICH SCIEM 2000

Muß die Geschichte umgeschrieben werden?


Der ostmediterrane Raum zur Zeit des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. brachte die Hochkulturen hervor, die die Geschichte der Alten Welt nachhaltig prägten. Die Kenntnis über diesen Zeitraum erweist sich jedoch bei näherer Prüfung als so uneinheitlich erforscht und umstritten, daß die Grundlagen für seine Geschichte neu zu erarbeiten bzw. zu überprüfen sind. Ein gewaltiger Vulkanausbruch auf der Ägäis-Insel Santorin (Thera) im 2. Jahrtausend v. Chr. beispielsweise hatte gravierende Auswirkungen auf das Leben im östlichen Mittelmeerraum. Wann genau jedoch diese Naturkatastrophe über die Kulturen dieses Raumes hereingebrochen ist, darüber sind sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen keineswegs einig. Naturwissenschaftler datieren den Santorin-Ausbruch aufgrund von Anormalien im Wachstum von Bäumen auf das Jahr 1628 v. Chr., Archäologen sind aufgrund der weiten Verbreitung von spezifischer zyprischer Keramik der Ansicht, daß dieses Ereignis erst rund 130 Jahre später stattgefunden habe. Im Zuge der Ausgrabungen auf Tell el-Dabca im östlichen Nildelta, wo Siedlungsschichten und Gräber der syrisch-palästinensischen Mittleren Bronzezeit-Kultur auf ägyptischem Boden in vielen Schichten freigelegt wurden, ist aufgefallen, daß die derzeit in Verwendung befindliche Chronologie der Mittleren Bronzezeit in Palästina nicht stimmen kann. Auch hier gibt es erhebliche Differenzen, bis zu 100, ja sogar 150 Jahre. Es ist also unsicher, welche Situation der einen den Gegebenheiten in einer anderen Region entspricht.

Der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderte Spezialforschungsbereich SCIEM 2000 ("The Synchronization of Civilizations in the Eastern Mediterranean in the 2nd Millennium b.c.") hat die Aufgabe, diese beträchtlich divergierenden chronologischen Schemata in einen gemeinsamen Rahmen zu bringen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit zahlreicher in- und ausländischer Institutionen mit Hilfe geistes- und naturwissenschaftlicher Methoden. Zurzeit laufen im Rahmen dieses auf 10 Jahre konzipierten Spezialforschungsbereichs bereits 15 Teilprojekte. Die ÖAW ist erstmals Trägerorganisation eines vom FWF geförderten Spezialforschungsbereichs.

Der Spezialforschungsbereich SCIEM 2000 besteht somit aus einem Netzwerk von integrierten interregionalen Teilprojekten, aber auch von regionalen Projekten. Die interregionalen Projekte umfassen z.B. die Erstellung einer Datumslinie durch Prospektion der Thera-Asche, Datumslinien anhand des ersten Auftretens verbreiteter Keramik, C-14 - Untersuchungen von Einjahrespflanzen und Dendrochronologie von Zedernholz. Die regionalen Projekte beschäftigen sich mit Ägypten, Palästina/Israel, Jordanien, Syrien, Zypern, Mesopotamien, der Türkei und der Ägäis und haben die Aufgabe, die relative Chronologie zu verfeinern und das Verhältnis zu Chronologien benachbarter Kulturen und vor allem zu Ägypten anhand der Handelsbeziehungen festzustellen.

Die meisten Projekte werden in enger Kooperation mit in- und ausländischen Institutionen durchgeführt, wie z. B. mit der ägyptischen Antikenverwaltung, mit archäologischen Instituten in Kairo und zahlreichen Universitäten. Andere Projekte sind unabhängig, aber koordiniert im Ausland angesiedelt, z. B. Syrien an der Universität Rom, in Paris und in Lyon oder der Bereich Türkei z. B. am Deutschen Archäologischen Institut in Istanbul, womit auch wieder die Kommunikation zwischen den in den einzelnen Fachgebieten und Regionen arbeitenden Wissenschaftlern gefördert wird.
 

Informationen:

Univ.-Prof. Dr. Manfred BIETAK, 1. Sprecher des Spezialforschungsbereichs SCIEM 2000
A-1030 Wien, Strohgasse 45
Tel. 710 25 07-6102
Institut für Ägyptologie der Universität Wien, A-1090 Wien, Frankgasse 1
Tel. 405 43 00-11
e-mail: manfred.bietak@univie.ac.at
Website: http://www.nhm-wien.ac.at/sciem2000/
 


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Letzte Änderung: 21.07.1999 16:29