Unter dem Titel "Wo bleibt die Politik? 12 Fragen zu Forschung & Technologie" haben sich die Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Industriellenvereinigung (IV) Anfang März in einer gemeinsamen Initiative an die verantwortlichen Politiker sowie an die Öffentlichkeit gewandt, um in Vorbereitung einer neuen Legislaturperiode einen Diskussionsprozeß über Forschung und Entwicklung in Gang zu setzen.
In einem gemeinsamen Pressegespräch präsentierten die Träger dieser Initiative, die Präsidenten Peter Mitterbauer (IV) und Werner Welzig (ÖAW), die Reaktionen von Politikerinnen und Politikern auf die "12 Fragen zu Forschung und Technologie" und stellten konkrete Forderungen an die heimische Forschungspolitik nach den Nationalratswahlen. Gemeinsame Conclusio: Die außeruniversitäre Forschung muß gestärkt werden, Österreich muß in Sachen F & E "millenniumstauglich" gemacht werden.
IV-Präsident Peter Mitterbauer verwies in seinem Statement auf den steigenden Anteil der Unternehmensausgaben an den Bruttoinlandsausgaben für F & E. Dieser werde im laufenden Jahr auf 52% der Aufwendungen steigen. Ein Wert der "gut ist, aber nicht gut genug für unsere Wettbewerbsfähigkeit", so Mitterbauer. Er werde daher in der Industrie – gerade auch in Hinblick auf die jüngste Regierungsaussage, die Mittel für Forschung auf 2,5 Prozent des BIP anzuheben - weiter für eine Steigerung der Aufwendungen motivieren, doch müßten auch die Organisationsformen des Staates für den weiteren Aufschwung sorgen: "Wir brauchen ein Ministerium für Wirtschaft und Technologie, das die verstreuten Forschungskompetenzen bündelt. Zudem muß der schon in der Technologieoffensive geforderte Rat für Forschung und Technologie als Koordinationsplattform für internationale, nationale und gebietskörperschaftliche Aktivitäten in Sachen F & E installiert werden." Die Wirtschaft müsse in diesem aus Sicht der Industrie "angemessen" vertreten sein. Erste und wichtigste Aufgabe diese Rates muß die Entwicklung einer gesamtösterreichischen F & E –Strategie für die Bundesregierung sein.
In Zusammenhang mit der Frage nach der Rolle des "Clusterkonzeptes" in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und der Einflußmöglichkeit der Industrie auf die "Kompetenzzentren" legte der IV-Präsident die Position der Industrie dar: Diese erwartet sich einen flächendeckenden Aufbau von Kompetenzzentren, sowie einen konkreten Zeitplan dafür und eine ausreichende finanzielle Ausstattung. Zudem appellierte Mitterbauer an eine "gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten", um durch "Top-down Initialzündungen" die Wettbewerbssituation Österreichs zu verbessern und nicht zuletzt auch qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Signale wie jene der Steuerreform 2000, seien taugliche, aber noch nicht ausreichende Schritte.
Welzig: Appell zur Steigerung der außeruniversitären Forschung
"Außeruniversitäre Grundlagenforschung, etwa nach dem deutschen Beispiel der Max-Planck-Gesellschaft, und industrienahe Forschung nach dem Muster der Fraunhofergesellschaft, sind eine Notwendigkeit für eine moderne Industriegesellschaft", stellte der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Werner Welzig, fest. Die außeruniversitäre Forschung müsse in Österreich künftig eine verstärkte Rolle spielen. Das Wachstum solcher Einrichtungen in unseren Nachbarländern dürfe nicht mit purer Stagnation beantwortet werden. Neue und allenfalls zukunftsweisende wissenschaftliche Aufgaben könnten gerade in diesem Bereich rasch und unbürokratisch aufgenommen werden. Entscheidend sei jedoch der Austausch zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Einrichtungen, die insgesamt als ein "Verbundsystem" gesehen werden müßten.
In diesem Zusammenhang wies Präsident Welzig auf die mögliche Funktion der ÖAW hin, mit ihren Forschungseinrichtungen als ein "Exploratorium" für neue wissenschaftliche Aufgaben zu dienen. Die ÖAW habe diese Funktion im übrigen seit jeher wahrgenommen und erfülle sie auch gegenwärtig etwa mit ihrem "Institut für Biomedizinische Alternsforschung" oder der "Forschungsstelle für institutionellen Wandel und europäische Integration", oder der einzigen Forschungseinrichtung für "Demographie" in Österreich. Es sei jedenfalls die erklärte Absicht der ÖAW, zur Intensivierung des Austausches zwischen Akademie-Instituten und Universitätseinrichtungen beizutragen. Die österreichische Wissenschaftsorganisation, dieses sei ein zentrales Anliegen, dürfe nicht zur Etablierung in sich geschlossener Systeme führen.
Zur oftmals gestellten Forderung nach "Output-Orientierung" stellte der Akademie-Präsident fest, daß alle akademische Leistung daran gemessen werde, ob sie einer öffentlichen Diskussion ausgesetzt werden könne. "Output" könne allerdings im Bereich der Grundlagenforschung nicht oder nicht nur an der Stückzahl von Produkten gemessen werden, vielmehr zählten dazu vornehmlich wissenschaftliche Ergebnisse, die für die Allgemeinheit von mittelbarem Nutzen seien.
Als Beispiel hierfür führte Präsident Welzig die Untersuchungen der Kommission für Reinhaltung der Luft über die Auswirkungen luftverunreinigender Substanzen wie Schwefeldioxid, Stickstoffoxide und Ozon auf Mensch, Tier und Pflanze an. Gegenwärtig arbeitet diese Kommission an einem Projekt über "Gesundheitliche Auswirkungen von Partikeln". Dabei werden in der Luft schwebende Partikel (Staubteilchen kleinster Dimensionen), die eingeatmet werden, zu Gesundheitsdaten in Beziehung gesetzt.
Welzig unterstrich ferner, daß europäische Projekte, an denen wir teilnehmen, auch die Existenz einer starken Trägerorganisation voraussetzen, die im Stande ist, solche Projekte Österreich-weit abzustimmen und durchzuführen.
Verbeamtung als zentrales Problem der Universitäten
Zur viel diskutierten Frage der Pragmatisierung selbst des nicht-habilitierten Mittelbaus, wie sie mancherorts zur Praxis geworden ist, stellte der Akademie-Präsident fest, daß diese Verbeamtung ein zentrales Problem der Universitäten sei. Bei allfälliger geringer Forschungsproduktivität seien keine personellen Veränderungen mehr möglich. Für die Universitäten müsse es ein Anliegen sein, auch für künftige Generationen offen zu bleiben und nur jene mit festen Verträgen zu etablieren, die für das Gedeihen der Institution zweifelsfrei qualifiziert und erforderlich seien. Das Assistentensystem solle, so Welzig, durch ein System von Zeitverträgen bei gleichzeitiger Verflachung der Hierarchien ersetzt werden.
Zu dem in den Antworten von politischer Seite beanstandeten
Führungsversagen der Institutsvorstände, das an dem Überhandnehmen
der Pragmatisierungen schuld sei, sei festzustellen, daß dieser Tadel
insofern erstaunlich sei, als Führungskompetenz und Führungsmöglichkeiten
im Zuge der vielfältigen Hochschulreformen bislang keine zur Diskussion
gestellten Themen waren.