Wien, September 1998

AEIOU und andere Memorabilien – vom Quellenwert der Inschrift

Im Rahmen des Inschriften-Werks der deutschen Akademien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist die Edition der Inschriften der Stadt Wiener Neustadt erschienen

Inschriftliche Quellen haben durch ihren Facettenreichtum große Bedeutung für die unterschiedlichsten Sparten der historischen Wissenschaften, aber auch für Kunstgeschichte sowie Sprach- und Literaturwissenschaft. Sie sind oft die einzige Quelle historischen Geschehens und liefern nicht selten bisher unbekannte Informationen. Im Rahmen eines langfristigen gemeinsamen Editionsunternehmens der deutschen Akademien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wird das inschriftliche Kulturgut aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit gesammelt und publiziert. Erfaßt werden die heute noch erhaltenen sowie die nur mehr in Text oder Bild überlieferten Inschriften des deutschen Sprachraumes.

Der soeben erschienene 48. Band dieser Reihe, der v.a. durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), das Land Niederösterreich und die Stadt Wiener Neustadt finanziell unterstützt wurde, ist den "Inschriften der Stadt Wiener Neustadt" gewidmet. Er dokumentiert insgesamt 395 inschriftliche Denkmäler (anhand von 363 Katalognummern), von denen 247 noch im Original erhalten sind; die restlichen Inschriften sind in Handschriften oder Büchern überliefert. Der Zeitraum reicht von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Jahr 1683. "Der Inschriftenbestand Wiener Neustadts spiegelt die Entwicklung der Stadt genau wider: Aus der Zeit vor 1400 sind nur 15 Inschriftentexte bekannt, zwischen 1400 und 1436 sind es 10. Aus der Zeit Kaiser Friedrichs III., von seinem Regierungsantritts als österreichischer Landesfürst im Jahr 1437 bis zu seinem Tod 1493, sind in dieser seiner Residenzstadt jedoch 129 Inschriften erhalten, 57 davon mit seiner Devise AEIOU", berichtet Dr. Renate Kohn, die Bearbeiterin des Bandes. Das 16. Jahrhundert mit nur 71 Inschriften war eine Zeit des Niedergangs, während aus den Jahren zwischen 1600 und 1683 wiederum 138 Inschriften bekannt sind, die aber eine vollkommen veränderte Mentalität zeigen und daher kulturgeschichtlich sehr interessant sind.

"Da es möglich war, die Informationen aus den inschriftlichen Quellen mit dem nahezu lückenlos erhaltenen archivalischen Bestand der Stadt zu verknüpfen, konnte in diesem Band über die Edition hinaus ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichtsforschung geleistet werden", so die Wissenschaftlerin. Im Zuge der Arbeit hat sich beispielsweise auch für die kunstgeschichtliche Forschung eine wichtige Erkenntnis ergeben. Sie betrifft Niclas Gerhaert von Leyden, einen bedeutenden Bildhauer des 15. Jahrhunderts, der unter anderem das Hochgrab Friedrichs III. im Wiener Stephansdom gestaltet hat. Die bisher bekannten Angaben über das Sterbejahr dieses Künstlers variierten zwischen 1473 und 1493. Anhand einer nun entdeckten handschriftlichen Überlieferung des Textes auf der Grabplatte des Bildhauers konnte als Sterbedatum eindeutig das Jahr 1473 belegt werden, was insofern interessant ist, da danach entstandene Werke nun eindeutig nicht ihm zugeordnet werden können.

Das Buch wird am Donnerstag, dem 17. September 1998, um 16 Uhr,
im Stadtmuseum Wiener Neustadt (St. Peter an der Sperr) der Öffentlichkeit vorgestellt.

Weitere Informationen:
Dr. Renate Kohn
Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der ÖAW, Arbeitsgruppe Inschriften
A-1010 Wien, Fleischmarkt 20-22
Tel ++43-1-512 91 84-41


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Letzte Änderung: 23.09.1998 20:39