Mendel und die Biowissenschaften

Am 21. Oktober 1998 startet in der ÖAW eine Vortragsreihe zur Bedeutung dieser Wissenschaften für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im kommenden Jahrhundert

Die Möglichkeiten und Chancen der Gentechnik erwecken Hoffnungen, die mit dieser Technologie verbundenen Risiken geben Anlaß zu Sorge und Angst. Dabei aufgeworfene Fragen gehen weit über den naturwissenschaftlichen Bereich hinaus und sind ethisch-moralischer, sozialer und gesellschaftlicher Natur. Eine der entscheidenden Grundlagen der modernen, molekularen Biologie wurde vor rund 140 Jahren von Gregor Mendel gelegt. Die Mendel'schen Vererbungsgesetze gelten neben Charles Darwin's Theorie zur Entstehung der Arten als Meilenstein in der Biologie.

Weitere Erkenntnisse haben dann im 20. Jahrhundert Schritt für Schritt die Grundlagen für die heutige Gentechnik geschaffen: die Lokalisierung der Gene in den Chromosomen der Zellkerne, die Identifizierung der Desoxyribonukleinsäure (DNA) als der Stoff, aus dem die Gene sind, die Aufklärung der molekularen Struktur der DNA, die Entzifferung des genetischen Codes und zuletzt die experimentelle Entnahme, Vermehrung und der Wiedereinbau von DNA in Lebewesen.

Unter dem Titel "Mendel und die Biowissenschaften im 21. Jahrhundert" startet die Österreichische Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (I.M.P.) und der Industriellenvereinigung Wien eine Vortragsreihe, die über Trends und neue Erkenntnisse der sogenannten "New Life Sciences" und deren gesellschaftliche Auswirkungen informieren soll. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Themen der klassischen und molekularen Genetik, der Entwicklungsbiologie und der Evolutionsforschung. Ein Schwerpunkt soll die Entwicklungsgeschichte des Menschen sein.

International höchst anerkannte Wissenschaftler aus aller Welt werden dabei in verständlicher Form den komplexen und teilweise kontroversen Stoff vermitteln. Die Vortragsreihe soll damit einen Beitrag leisten zum immer wieder geforderten öffentlichen Diskurs über den Einfluß wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Veranstaltungsort:
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal
1010 Wien, Sonnenfelsgasse 19

Info:
ÖAW, Öffentlichkeitsarbeit: Dr. Marianne Baumgart, Tel. ++43-1-51581-219
e-mail: marianne.baumgart@oeaw.ac.at

Termine:
21. Oktober 1998, 18.15 Uhr
Peter Sitte, Universität Freiburg/Breisgau
"Gregor Mendel und die Folgen: von Erbsenkreuzungen zur gentechnischen Revolution"
An die künstliche Manipulation des Erbgutes werden heute große Erwartungen geknüpft. Die geradezu phantastischen neuen Möglichkeiten geben aber auch Anlaß zu Angst und Sorge. Der Weg der Vererbungsforschung von den Kreuzungsversuchen Mendels vor 140 Jahren bis zur modernen Gentechnologie wird beschrieben und die Folgen werden kritisch diskutiert.

18. November 1998, 18.15 Uhr
Charles Weissmann, Universität Zürich
"Prionen, Rinderwahnsinn und transgene Mäuse"
Prionen sind Erreger, die bei Rindern Rinderwahnsinn, bei Schafen Scrapie und bei Menschen die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung sowie Kuru verursachen. Das Prion entsteht durch Verwandlung eines bestimmten Proteins. Der Vortrag beschäftigt sich sowohl mit den epidemieartigen Prionenerkrankungen bei Tieren wie auch mit den vererbten Prionenkrankheiten beim Menschen. Bei der Erforschung der molekularen Wirkungsweise der Prionen spielen gezielt genetisch veränderte "transgene" Mäuse eine überragende Rolle.

16. Dezember 1998, 18.15 Uhr
Steve Jones, University College, London
"What sex really means"
From hermaphrodite slugs to bisexual humans one can follow the question: Why is there sexual reproduction, under what circumstances it pays to give it up, and why did sexuality evolve in the first place ? In so asking, perhaps unexpected parallels between sex and taxes become apparent.

10. März 1999, 18.15 Uhr
Ernst-Ludwig Winnacker, Ludwig-Maximilians-Universität, München
"Von Mendel zum Genom: über die Wandlung des Genbegriffs"
Wo Gregor Mendel noch von "Elementen" sprach, die von den Eltern auf ihre Nachkommen übertragen werden, werden Gene und ihre Produkte heute als Teile von genetischen Netzwerken angesehen, die miteinander und mit der Umwelt wechselwirken. Grundlage für unser erweitertes Wissen sind die sogenannten Genomprojekte, aber auch neue Technologien, die es erlauben, diese Netzwerke zu erkennen.

28. April 1999, 18.15 Uhr
Jared Diamond, University of California, Los Angeles
"Why was human history since 13.000 years so different in Europe, Africa, and the other continents?"
Why did Aboriginal Australians remain stone-age hunter/gatherers, while agriculture and empires were arising among Native Americans, and while widespread literacy and metal tools were developed in Eurasia? Why were Europeans the ones to conquer Africans, Australians, and Americans, instead of vice versa? For lack of an accepted explanation many people fall back on racist explanations. The talk will show instead how the different fates of different peoples were influenced by differences in continental environments.

26. Mai 1999, 18.15 Uhr
Svante Pääbo, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig
"Neandertaler, moderne Menschen und der Ursprung unseres Genpools"
DNA-Sequenzen können Aufschlüsse über die Geschichte des Menschen und anderer Lebewesen geben. Eine neuartige Disziplin der Genomanalyse ist die Erforschung von DNA aus archäologischen und paläontologischen Überresten von Pflanzen, Tieren und Menschen. Der Vergleich solcher "fossiler DNA" mit der DNA heutiger Lebewesen kann uns neue Einblicke in die Evolution und Geschichte des Menschen gewähren.


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Letzte Änderung: 23.09.1998 20:42