Wolfgang Frühwald

"Zu ebener Erde und erster Stock"

Erfahrungen beim Rollentausch zwischen Forschungspolitik und Universität
Vortrag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 13. November 1998

1. Beispiel

In der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien am 5. November 1998 ein Artikel mit der Überschrift "Falterforschung für den Frieden", in dem über ein deutsch-israelisch-palästinensisches Forschungsprojekt berichtet wird, bei dem Wissenschaftler der Universitäten Stuttgart-Hohenheim und Bonn, der Hebräischen Universität Jerusalem, der Hebron University und der Al Azhar-Universität im Gaza-Streifen sich gemeinsam um alternative Methoden in der Landwirtschaft bemühen. Eines der Teilprojekte versucht die Sexuallockstoffe des Eulenfalters zu stören, um dessen Raupen-Schädlinge mit umweltschonenden (gentechnischen) Mitteln zu verringern. Die Korrespondentin der ZEIT bemerkte dazu: "Sicher... spielte Politik auch eine Rolle, als die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) drei Jahre nach dem Osloer Abkommen begann, trilaterale Programme in der Krisenregion zu fördern. Allerdings sollte der friedenstiftende Effekt eine Funktion der wissenschaftlichen Qualität sein und nicht umgekehrt." Dieser letzte Satz ist ein wörtliches Zitat aus der Rede, die ich am 25. Jahrestag des Beginns der Zusammenarbeit zwischen der Hebräischen Universität Jerusalem und der Bundesrepublik Deutschland in Bonn gehalten habe, wobei ich damals (am 4. Dezember 1995) bereits drei, in sich wieder untergliederte trilaterale Projekte vorstellen konnte. Bei einem Treffen mit der damaligen israelischen Wissenschaftsministerin Shulamit Aloni (am 23. Oktober 1993) bereits angekündigt - "I hope that the new Germany will also be able to support the peace process in your country. I think it might be possible to expand our science relations to the field of the Israeli-Palestinian cooperation as an example of real help in this process", hieß es in der Tischrede am Abend dieses Tages -, gibt es heute mehr als zehn solcher Projekte; nach Auffassung der ZEIT-Korrespondentin eine der stabilen Säulen "im eher instabilen Friedensprozeß". Die Zusammenarbeit in diesen trilateralen Projekten ist in der Tat unspektakulär, sie ist - für jedes Einzelprojekt - von der palästinensischen Autonomiebehörde genehmigt (Präsident Arafat selbst ist informiert), ich habe, damals als Präsident der DFG, einem der nur kurz amtierenden Wissenschaftsminister Israels darüber berichtet, doch gibt es noch genügend Probleme; so suchen z.B. die radikalen palästinensichen Studentenräte die israelisch-palästinensische Zusammenarbeit zu stören, obwohl doch der infrastrukturelle Effekt für die palästinensichen Hochschulen und Kliniken unübersehbar ist und obwohl die - meist in westlichen Ländern ausgebildeten palästinensischen Wissenschaftler - über solche Projekte den Anschluß an die internationale Wissenschaftsgemeinschaft finden. Daß es mitten in Israel heute Arbeitsgruppen gibt, in denen zwar nur vier Tage die Woche gearbeitet werden kann, weil der Freitag den Muslims, der Sabbath den Juden und der Sonntag ( hin und wieder noch) den Christen heilig ist, in denen aber über e-mail, über das Internet, durch Fax, Telefon und persönliche Begegnung eine ungemein rege, weil stets unter Spannung stehende Kooperation an menschheitsbedrängenden Problemen stattfindet, - daß dies also inmitten von Haß und Intrige und geradezu apokalyptischem Fanatismus in einer politisch völlig undurchsichtigen, einem Pulverfaß gleichenden Weltregion möglich ist, scheint mir immer noch ein Wunder. "A trilateral miracle" hat ein palästinensischer Arzt die deutsch-israelisch-palästinensischen Projekte genannt. - Und das vermisse ich beim Rollentausch zwischen Forschungspolitik und Universität, daß ich bei der DFG mit einer guten Idee und wenig Geld in der Welt etwas bewegen konnte, was in der Universität auf unüberwindliche Hindernisse stößt. So oft ich demnach derartige Berichte über die Deutsche Forschungsgemeinschaft lese, komme ich mir vor wie der Herr Goldfuchs, der über Nacht aus dem Ersten Stock in die Parterrewohnung des Tandlers Schlucker umquartiert worden ist.
2. Anmerkung
Der Unterschied zwischen der "ebenen Erde" des akademischen Unterrichts und dem "ersten Stock" der Forschungsförderung könnte also kaum größer gedacht werden, auch wenn das von uns so hoch gelobte Prinzip der Wissenschafts-Selbstverwaltung diese Differenz so groß nicht erscheinen lassen dürfte. Selbstverständlich besteht der Unterschied zunächst darin, daß in den Entscheidungsgremien der DFG niemand etwas für sich selbst tun darf und selbst der Präsident den Raum verlassen muß, wenn ein Antrag seiner Heimatuniversität verhandelt wird, während eine Fakultät, ein Fachbereichsrat meist aus auf sich selbst gestellten "Einzelkämpfern" besteht, die nur für sich (und ihre Schüler) etwas tun, weil es niemand anderer tut. Diese für das Verhandlungsklima schon entscheidende Differenz scheint mir aber nicht den eigentlichen Unterschied zu markieren. Der ist anders begründet:
(1.) Wer heute in der Öffentlichkeit Forschung und Forschungspolitik zu vertreten hat, ist insbesondere mit zwei Problemkomplexen befaßt:
(a) mit der Qualitätssicherung von Forschung und Wissenschaft und
(b) mit deren Glaubwürdigkeit.
(2.) Wer (im Grunde abseits vom Wirtschaftsleben) im Schutz staatlich alimentierter Universitäten arbeitet, lehrt und forscht, kämpft meist um das eigene Überleben und mit einer Vereinzelung, welche die Universität an den Rand ihrer Existenz gebracht hat. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit Universitäten rechtfertigen, wenn sie nicht die besten Bewerber berufen, sondern sagen: er oder sie paßt nicht zu uns.
Ich versuche also, in einem ersten Abschnitt Aufgaben von Forschungspolitik heute zu formulieren, wie sie sich mir im Rückblick auf sechs Jahre Amtszeit als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft darstellen, und in einem zweiten Abschnitt zu fragen, auf welche Strukturen diese Aufgaben an den Hochschulen treffen, ob diese Strukturen zur Erfüllung des Auftrages von Forschung und Wissenschaft überhaupt noch geeignet sind. Dabei ist meine Erfahrung einerseits begrenzt durch den Vorsitz in Beratungskommissionen zweier deutscher Bundesländer (Niedersachsen und Bayern), andererseits durch die Situation des großen Instituts, an dem ich arbeite, mit 7.300 Studierenden der Germanistik, mit Vorlesungen, in denen mehr als 600 Hörer sitzen, mit Hauptseminaren, an denen jeweils rund 100 Studierende teilnehmen. Die Korrekturleistung an solchen Instituten beläuft sich auf 5000 – 6000 Seiten pro Jahr. In Deutschland, auch an der Universität München und sogar im Institut für Deutsche Philologie dieser Universität, gibt es selbstverständlich auch kleinere Seminargruppen (mit vielleicht acht bis zwanzig Teilnehmern), es gibt ganze ( auch forschungsstarke ) Universitäten, an denen die Nachfrage geringer ist als das Lehrangebot. Wir haben es in Deutschland demnach auch mit einem erheblichen Verteilungsproblem zu tun, doch davon wird im folgenden nicht die Rede sein.
3. Forschungspolitik
Wenn ich die internationale Situation von Forschung und Wissenschaft richtig beurteile, so ist unser Augenblick der Geschichte, in der ein unglaublicher Aufbruch in der Forschung geschieht, die Stunde der "kleinen Länder". Seit Wirtschafts-Standorte nicht mehr durch Rohstofflager und Verkehrsverbindungen definiert werden (wie noch zu meiner Studentenzeit vor 45 Jahren), sondern durch politisch-ökonomische Rahmenbedingungen (wie zum Beispiel eine wirtschaftsfreundliche Steuergesetzgebung), durch ein leistungsfähiges und funktionierendes Fernkommunikationssystem (sprich das elektronische Netz) und durch das kulturelle Umfeld (zu dem die Bildungssysteme, damit ein entsprechend hoch qualifizierter wissenschaftlicher Nachwuchs, ebenso gehören wie Theater, Museen, ein hochrangiges Musikleben etc.), - ist der wissenschaftliche und mit ihm der wirtschaftliche Aufschwung kleiner Länder der Welt, wenn sie sich der genannten Faktoren klug bedienen, nicht mehr zu verkennen. Ich spreche nicht von den "Tigerstaaten" am Rande des Pazifik, die kurzfristig in eine Depressionsphase geraten sind, sondern von Ländern wie den Niederlanden, die an Einwohnerzahl klein, wissenschaftlich aber ein Riese sind, von Irland, das sich unter dem Zustrom europäischen Geldes wirtschaftlich, wissenschaftlich und sozial revolutionär gewandelt hat, von Australien, dessen Wissenschaftler (wegen ähnlicher Problemlage) lieber mit österreichischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten als mit deutschen, selbstverständlich von Österreich, dessen Wissenschaft ich nicht erst seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs im Aufwind sehe, von Israel, Neuseeland, Portugal und vielen anderen Ländern der Welt, deren politischer Einfluß sich aus Faktoren der intellektuellen und der ästhetischen Kultur herleitet.
Es scheint, als beginne sich in Europa - leider viel zu langsam - die Erkenntnis durchzusetzen, daß der Wettbewerb der Bildungs- und der Forschungssysteme zukunftsentscheidend sein könnte, daß ohne diesen Wettbewerb die Konkurrenz der Wirtschaftssysteme jedenfalls leerläuft. Tony Blair hat im Mai 1998 darauf hingewiesen, daß die europäischen Länder allzu lange darin konkurriert hätten, wer die besten Panzer baue, es sei an der Zeit, die Konkurrenz darüber zu eröffnen, wer die besten Schulen habe, - und der damals amtierende deutsche Bundeskanzler, Helmut Kohl, hat diese Herausforderung sofort aufgegriffen. Europa beginnt, den Reichtum seiner Kulturen als einen Einigungsfaktor zu entdecken, die kulturelle Einheit wird nicht mehr unbedingt an die Kette des Vielheitsargumentes gelegt.
Im kapitalistischen Marktgeschehen sagen die Analysten Europa eine große Zukunft voraus. In Europa gehe es lediglich um entschlossene Reformen, um die Korrektur von Fehlentwicklungen, während sich Japan gleichsam "neu erfinden", sich von einer Produzenten- zu einer Konsumentengesellschaft werde wandeln müssen. Dies bedeutet in Japan kulturrevolutionäre Veränderungen und die Frage ist, ob dieser Wandel auf amerikanische oder auf japanische Weise vor sich gehen wird. Die USA, denen es wirtschaftlich so gut zu gehen scheint, daß sie sich die "öffentliche Hinrichtung" ihres Präsidenten (im Internet) leisten, sind durch die Clinton-Lewinsky-Affäre in einer ihrer zentralen Schwächen entlarvt: sie schwören auf "Kapitalismus pur", unter dessen Denk-und Handlungshorizont ein Präsident und seine Frau, die sich nicht nur mit der Waffen-und der Tabak-Lobby, sondern auch durch den Wunsch nach eingreifenden sozialen Reformen mit dem "American Way of Life" angelegt haben, kaum überleben können. Das amerikanische Konzept, dessen Übertragung auf die Transformationsländer (insbesondere auf Rußland) im Maßstab 1:1 offenkundig gescheitert ist, hat in seiner heutigen Form – und das weiß die kluge und international erfahrene Clinton-Administration sehr wohl - keine Zukunft. "Der neo-amerikanische Kapitalismus", schreibt Konrad Seitz, "ist eine Winner-take-all-Wirtschaft. Doch wie weit kann die Ungleichheit ansteigen, bis das System zerbricht ? Kann eine Demokratie, die auf der Ideologie der Gleichheit beruht, auf Dauer mit einer Wirtschaft verbunden sein, die immer größere Ungleichheit und fallende Realeinkommen für die große Mehrheit erzeugt ? 28 Millionen Amerikaner, gut ein Zehntel der Bevölkerung, leben heute in ummauerten Wohngebieten oder bewachten Apartmenthäusern. Wie im Mittelalter verschanzen sich die Reichen in Burgen. Gleichzeitig werden 1,5 Millionen 'Asoziale' hinter Gittern von der Gesellschaft ferngehalten. 1994 waren darüber hinaus 33,5 Millionen Amerikaner auf Bewährung verurteilt oder standen unter polizeilicher Überwachung. Bis jetzt ging alles gut, doch es kann nicht für immer gut gehen. Was geschieht, wenn der jetzige Boom zu Ende geht und einer Rezession weicht ?" Schließlich ist das berühmte Job-Wunder in den USA keineswegs ein "Wunder", denn die "working-poor", also die Armen, die arbeiten, ohne auch nur das Existenzminimum zu erreichen, werden einfach in der Arbeitsstatistik mitgezählt. Wenn die Clinton-Administration den von den Republikanern überzogenen Kampf gegen den Präsidenten (und vor allem gegen seine Frau) übersteht, könnte das amerikanische Modell gewinnen und ein Weltmodell werden; derzeit sieht es freilich nicht danach aus. In diesem Modell aber setzen die USA inzwischen wieder voll auf die "reine" Grundlagenforschung. Denn Neal Lane, der ehemalige Direktor der National Science Foundation, ist jetzt (1998) Forschungsberater des Präsidenten. Das amerikanische Wissenschaftsbudget ist seither insbesondere im Grundlagenbereich signifikant gestiegen.
Mit der Einführung des Euro wird im größten einheitlichen Wirtschaftsraum der Welt, in der Europäischen Union, ein Währungsraum entstehen, der mit dem Dollar-Raum in Wettbewerb tritt und schon getreten ist. Dieser Euro-Raum hat im Modell sozialer Marktwirtschaften - nach Seitz - den weltweit (relativ) geringsten Reformbedarf, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die europäische Industrie ist inzwischen restrukturiert, auch wenn die sozialen Folgen der Restrukturierung (das Arbeitslosenproblem) noch nicht überwunden sind. Vor der Türe der EU aber liegen die mitteleuropäischen "Tigerstaaten" (Polen, die Tschechische Republik, Ungarn). Es könnte doch verlockend sein, sich Österreich als Vordenker einer solchen "Tiger"-Zone mitten in Europa vorzustellen? "Wenn auch die Politik Europas, so wie die Unternehmen Europas, die Kraft zur Reform findet, dann könnte Europa in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts aus dem Wettbewerb der Kapitalismen durchaus siegreich hervorgehen und zur führenden Industrieregion der Welt aufsteigen - bis schließlich China voll entwickelt sein wird und an die Spitze tritt." (Seitz) China hat noch immer - auch wenn die Entwicklung durch die Ostasienkrise und die unvorstellbaren Naturkatastrophen gebremst ist - die größte und die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Mit den High-Tech-Regionen in Taiwan, um Shanghai, Wuhan und Hongkong hat es eine Basis, die auf Weltmarktführung zeigt.

Die Linien einer vorausschauenden Forschungspolitik und -organisation sind damit aber vorgezeichnet. Sie lauten:

(1) Konsequente Europäisierung der Forschungspolitik, auch wenn derzeit Anzeichen einer "Renationalisierung" in der Europäischen Union und ihrer Forschungspolitik zu überwiegen scheinen. Der Grund dafür liegt nicht nur, aber unter anderem in der interesselosen Führungsrolle der derzeitigen Forschungskommissarin. Brüssel ist nicht Europa, Europa wird von unten wachsen oder überhaupt nicht wachsen.

(2) Bündnis der großen Forschungsnationen mit den an Bevölkerung kleinen, an Wissenschaft und Forschung aber starken Staaten der Erde, und dies bedeutet auch die Entwicklung einer "Tiger"-Region in der Mitte Europas.

(3) Export des Modells selbstverwalteter Forschung (das die DFG zum Beispiel in die Volksrepublik China, nach Taiwan, Korea, nach Rußland, in die Ukraine, nach Weißrußland etc. exportiert hat). Das Modell bedeutet, daß an die Stelle bürokratischer Allianzen Forschungsallianzen treten müßten.

(4) Die Pflege der Kooperation mit China und mit Taiwan. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat jetzt für einen Mietpreis von 5 Millionen DM (pauschal für 50 Jahre) 650 qm eines zu bauenden Hauses gemietet, das von der National Natural Science Foundation und der DFG gemeinsam als Chinesisch-deutsches Zentrum für Forschungsförderung betrieben werden soll. Das Zentrum liegt in Beijing, sicher nicht dem wissenschaftlichen, aber dem politischen Mittelpunkt des Landes, in der Nähe der beiden dortigen Elite-Universitäten. In diesem Zentrum sollen chinesische und deutsche Administratoren Hand in Hand und Rücken an Rücken arbeiten, um die besten Forschungsteams aus beiden Ländern zusammenzuführen, die günstigsten Kooperationsmöglichkeiten zu eruieren und die Zusammenarbeit auf Dauer zu stellen. Wenn man von Berlin und Brüssel absieht, liegt somit die einzige Außenstelle der DFG in Beijing.

Die konsequente internationale Anbindung der Forschung und die systematische Europäisierung hatten Rückwirkungen auf den Forschungsbegriff, dessen sehr grundsätzliche (typisch deutschsprachige) Scheidung in reine Grundlagenforschung und Anwendung revidiert und somit an den internationalen Gebrauch von "recherche" oder "research" anschlußfähig wurde. Eingelagert in diese Entwicklungen war in Deutschland seit 1991 natürlich stets das Problem der deutschen Einigung. Diese Einigung ist in Forschung und Wissenschaft insofern gelungen, als auch in den neuen Bundesländern eine leistungsfähige Forschungs- und Universitätslandschaft aufgebaut worden ist, mit reichen Kontakten nach Mittel- und Osteuropa. Sie ist (vorläufig) gescheitert, was die menschliche Annäherung betrifft. Es ist uns nicht gelungen, die sogenannten "fliegenden Fakultäten" aufzulösen, also die Kolleginnen und die Kollegen aus dem "Westen" zu ermutigen, in den "Osten" umzuziehen, statt wöchentlich zwischen Wohn- und Dienstort hin- und herzufliegen. Auch die bei der Radikalkur entstandenen Wunden sind nicht vernarbt. Zigtausende aus dem Hochschul- und dem Wissenschaftsdienst des Landes entlassene Personen, die Bildung von Professorengruppen zweierlei Rechts, die nach wie vor differierende Bezahlung für gleiche Arbeit haben das Klima nachhaltig vergiftet. Das ist die Basis der PDS-Erfolge in den neuen Bundesländern; es wird meines Erachtens noch Jahrzehnte dauern, ehe die hier gemachten Fehler ausgeglichen sind. Ich habe es immer wieder mit Erstaunen registriert, mit welcher Dankbarkeit die Menschen in den neuen Ländern auf jede Geste der Zuneigung, auf jedes lobende Wort reagieren, - hier liegt Konfliktstoff und Arbeit für eine ganze Generation.

Internationalisierung - Europäisierung - einheitlicher deutscher Forschungsraum – Anwendungsnäherung der Grundlagenforschung - sind die Stichworte für die Entwicklung der Forschungspolitik, der Forschungsförderung und der ihr entsprechenden Organisation. Daran ändert auch der Regierungswechsel in Bonn nichts; die Probleme sind die alten, die Lösungsstrategien zum Teil auch, verändert hat sich nur die Generation der Politiker und die Stimmung (die jetzt besser ist als die Lage, während es früher umgekehrt war). Der Personalwechsel in der "Arbeitsebene", der begonnen hat, könnte die Kontinuität der Forschungspolitik zudem stärker beeinflussen als die ideologischen Teilstücke des Koalitionsvertrages, die beide Forschung und Wissenschaft unmittelbar berühren ( ideologisch nämlich sind motiviert der Beschluß zum "Ausstieg" aus der Atomenergie und der Beschluß zum Verbot von Studiengebühren).

Zu den genannten Stichworten einer Leitlinie der Forschungspolitik treten noch zwei Themenfelder hinzu, die sich tief in das 21. Jahrhundert hineinziehen und vermutlich die zukunftentscheidenden Themenfelder werden : Nachwuchspflege und Wissenschaftsethik.

Die große Zahl arbeitsloser, vor allem junger arbeitsloser Wissenschaftler ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa eines der schwerwiegendsten Probleme. Ich konnte dem Vater jenes jungen Wissenschaftlers, der eine Stipendienkarriere bei der DFG hinter sich hatte und sich nach der Ablehnung des nächsten Stipendienschrittes das Leben genommen hat, keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage geben, weshalb die DFG junge Menschen bis zur Mitte des vierten Lebensjahrzehntes fördere und sie dann fallen lasse ? Die Leistungsgesellschaft und der Leistungsbetrieb sind unbarmherzig und gnadenlos. In Deutschland geht der Trend dahin, die Habilitation als Regelzugang zum Hochschullehrerberuf zurückzudrängen oder gar abzuschaffen, statt dessen die frühe Selbständigkeit junger Menschen nachhaltig zu fördern, ihre Mobilität zu erhöhen und insgesamt auch die Laufbahn des Hochschullehrers in die Serie wechselnder (keineswegs endgültiger) Lebensberufe einzubeziehen. Die geplante Änderung des Dienstrechtes, der nun auch die deutsche Hochschulrektoren-Konferenz das Wort redet, wird den "Beruf" des Professors (wird "Wissenschaft als Beruf") zerstören, ständische Relikte, aber auch die von politischen und wirtschaftlichen Pressionen freie Position des Professors beseitigen und damit die Entwertung der akademischen Würden in der Massengesellschaft vollenden. Diese Tendenz folgt ebenfalls einer internationalen Entwicklung, die nicht nur in den USA, sondern besonders in den asiatischen Ländern und auf dem indischen Subkontinent zu beobachten ist. Alle Professoren also werden demnächst das Schicksal des Herrn Goldfuchs erleiden und in die Parterrewohnung eingewiesen werden. Allzu lange schon arbeiten die Administrationen vereint mit der Politik an diesem Projekt der Devaluation. Ich wollte, wir könnten sagen, an solchen Entwicklungen unschuldig zu sein. Wir sind es nicht. Die Unterrichtsdisziplin ist bekannt schlecht, viele Kolleginnen und Kollegen (keineswegs die Mehrzahl, aber viele) sitzen verschanzt hinter dem Beamtenrecht, ohne dem Nachwuchs, der Solidarität und der Kollegialität, der Kooperation und der Institution einen Gedanken zu schenken.

Dort aber, wo Kollegialität total durch Wettbewerb und Konkurrenz ersetzt ist, besteht ein massives Problem auch für die Forschungsförderung, ein Antrags- und ein Gutachterproblem. Während in den Natur-, den Lebens- und den Ingenieurwissenschaften nämlich die Diskrepanz zwischen Antragsinhalt und Bearbeitung immer größer wird, weil aus Konkurrenzgründen nur noch beantragt wird, was schon fast publikationsreif ist, gehen die Antragszahlen in den Kulturwissenschaften rapide zurück. Die überwiegend destruktive Tendenz der (kulturwissenschaftlichen) Gutachter im Meinungsstreit verletzt, und wer zweimal abgelehnt wurde, stellt nie wieder einen Antrag. Änderungen auf diesem so leicht zu übersehenden Feld sind vordringlich. Ich stelle sie mir nicht einfach vor, weil sie eine Mentalitätsänderung voraussetzen. Konkurrenzangst und Gutachterscheu aber sind die Wurzeln für einen Leistungsabfall, den wir uns nicht leisten können. Und damit bin ich beim letzten Stichwort, der Wissenschaftsethik. Ihr Problembereich reicht von der Antrags- und der Gutachterdisziplin über die vielfältigen Versuchungen zu Flüchtigkeit, Unredlichkeit und Betrug im verschärften Wettbewerb bis zu grundlegenden Fragen nach den Grenzen der Forschung (mit den aktuellen Akzenten: Humanklonierung und Organzüchtung aus totipotenten Stammzellen menschlicher Embryonen). Wenn die Wissenschaft sich nicht endlich entschließt, die Innenkontrollen zu verschärfen und zumindest die "Kerntechniken" (in Physik und Biologie) mit systematischer Sicherheitsforschung zu begleiten, drohen ihr entschieden freiheitsbeschränkende gesellschaftliche Kontrollinstrumente.
 

An diese kurze Skizze der Forschungspolitik, der Forschungsförderung und ihrer Probleme schließe ich nun eine Skizze der Universitätssituation, wie sie sich mir heute darstellt:
4. Universität heute
Wo Wissen, immer höher spezialisiert, prozeßhaft, in großen internationalen Arbeitsgruppen und meist - wie Michael Gibbons und seine Mitautoren postulieren - "in the context of application" entsteht, wo dieses Wissen schnell verfügbar, schon im Entstehen speicherbar und weltweit in der lingua franca, dem Englischen, kommunizierbar ist, wo Wissen als Ware, als kostbare und zunehmend ökonomisch wichtiger werdende Ware gehandelt, gekauft und verkauft wird, sind die  r e s u l t a t - orientierten Wissenschaften, deren Ergebnisse der Ergebnisbeschreibung vorausliegen, begünstigt, sind also technisch-naturwissenschaftliche Disziplinen und Hochschulen krisenfester und wandlungsfähiger als die auf die fragwürdige Einheit des Wissens gebaute Universität der Fichte, Schleiermacher und Humboldt. Humboldts Universitätsideal gründete - mit der Leitdisziplin Philosophie - in jenen  p r o z e ß h a f t  verfahrenden Fächern und Disziplinen, bei denen das Resultat dem Darstellungsprozeß nicht vorausliegt, sondern im Prozeß der Darstellung erst entsteht und damit nicht unabhängig von Stil, Form- und Sprachgebung ist. Jenseits der obsolet gewordenen Kulturenteilung in Geistes- und Naturwissenschaften, in nomothetisch oder idiographisch verfahrende Fächer scheint mir die Teilung der heutigen Fachkulturen nach  r e s u l t a t h a f t  und  p r o z e ß h a f t verfahrenden Fächern eine adäquate Beschreibung der derzeitigen Wissenschaftssituation. Die resultathaft arbeitenden Fächer, zu denen der größte Teil der experimentell arbeitenden Natur-und Lebenswissenschaften gehört, haben einen neuen Begriff von "Internationalität" geprägt, den sich die Administrationen sofort zu eigen gemacht haben, so daß er heute als unverrückbarer Evaluationsmaßstab gilt. Er meint eine global einheitliche Forschungskultur mit weltweit agierenden "communities", mit Methodennormierung, international anerkannten Publikationsgewohnheiten, mit niveaugleicher Ergebnisbewertung, mit weltweit verbindlichen Qualitätsstandards und einer einzigen Sprache, dem Englischen. Fächer dieser Gruppierung sind geneigt, die notwendig prozeßhaft verfahrenden Nachbarfächer, die ihrer Gegenstandsbereiche wegen vielsprachig, individualisiert, national- und kulturkreisspezifisch arbeiten, als altmodisch zu belächeln. So dringen sie derzeit respektlos und mit der ganzen Unverfrorenheit jugendlicher Entdeckerfreude in jahrtausendealte Denktraditionen ein und stellen grundsätzlich in Frage, was die prozeßhaft verfahrenden Fächer und Disziplinen zu erforschen meinten: die Bilder von Gott, von der Natur, vom Menschen und der Welt. Mir scheint, daß allein durch diese manifeste Methoden- und Arbeitsdifferenz die "universitas" des Wissens zutiefst gespalten und in ihrem Einheitsbewußtsein erschüttert ist. Es ist wie bei einem Palimpsest, wo uralte (kulturelle) Überschreibungen verblassen, weil die Urschrift des Lebens, das Basenpaar als dessen Anfang, wieder sichtbar wird.

Die grundlegende Spaltung der Fachkulturen, welche die Universität vor die vermutlich größte Herausforderung ihrer Geschichte stellt, gründet in

(1) der Problematisierung des Prinzips der Emergenz, welches seit wenigstens 200 Jahren die Legitimationsbasis für Grundlagenforschung und damit für die Grundlagenforschung betreibende und diese dem wissenschaftlichen Nachwuchs lehrende Universität gewesen ist;

(2) in der Globalisierung von Forschungsstrukturen und

(3) in der unmittelbar bevorstehenden, teilweise schon sichtbaren Problematisierung des akademischen Ausbildungsprivilegs.

Zu (1) Problematisierung des Emergenzprinzips:
Wo Grundlagenforschung und Anwendung einander so nahe gerückt sind wie in den Anwendungsdisziplinen der Biowissenschaften (Biotechnik und Gentechnologie) oder auch in den Informationswissenschaften, ist das für die Grundlagenforschung gültige Prinzip der Emergenz nicht mehr allgemein brauchbar. Das Prinzip der Emergenz meint, daß die jeweils höhere Struktur unvermutet, nicht planbar und vor allem nicht rückführbar aus der Struktur auftaucht, in der sie entstanden ist. Noch immer gilt zwar für die Mehrzahl der anwendungs-relevanten Fächer, daß die Grundlagenerkenntnis der Anwendung um zehn bis fünfzehn Jahre vorausgeht, daß – im Jargon der Forschungsförderung gesprochen - bei der Grundlagenforschung immer die Hälfte des Geldes zum Fenster hinausgeworfen ist, welche Hälfte, - das weiß man erst in zehn Jahren; aber diese Grundregel gilt nicht mehr für die explodierenden Molekularwissenschaften und die Informationswissenschaften. Die Beispiele für die Langfristigkeit von Grundlagenforschung sind Legion, sie reichen von der Entdeckung der Röntgenstrahlen über die der Hertz'schen Wellen bis zu der in Satelliten- und Kommunikationstechnologie ausgefalteten Astrophysik. Wer aber die Entwicklung der Biowissenschaften und ihrer Anwendungsmöglichkeiten (bis zu den jüngsten Debatten über Organzüchtung und Xenotransplantation) seit der Beschreibung der Doppelhelix durch J.D.Watson und F.H.C.Crick in der Zeitschrift "Nature" vom 25. April 1953 beobachtet hat, wird an der Allgemeingültigkeit eines Gesetzes der langen Fristen zu zweifeln beginnen. Schon wird "the decline of unfettered research" diskutiert und die Wissensforschung sieht in Zielorientierung und Grundlagenforschung keine schroffen Gegensätze mehr. Dem Geheimnis der "Emergenz" meinen die Wissensforscher auf der Spur zu sein.
Zu (2) Globalisierung von Forschungsstrukturen:
Unsere Universitäten sind, gleichsam horizontal, von starken Forschungsstrukturen durchsetzt. Diese - wie etwa die österreichischen Spezialforschungsbereiche - sind aber nur lose in die Universität als Institution eingefügt, weil sie meist feste internationale Verbindungen haben und zusammen ein dichtes, weltweites Wissens- und Forschungsnetz bilden. Es wird durch die rasche Entwicklung der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten täglich dichter geknüpft. Die Forschungsagenturen der ganzen Welt, der FWF, der SNF, die DFG, die NSF, fördern, wegen der sichtbaren Erfolge, diese Netzbildung und ihre Verdichtungszentren extrem und prioritär. Im Grunde gehen mehr als 80 Prozent des Etats der Deutschen Forschungsgemeinschaft in diese Netzbildung. Die jeweils stärkere grenzüberschreitende Ausdehnung dieser Forschungsnetze aber lockert die Verbindung der beteiligten Institute und Wissenschaftler zur lokalen Universität. Die Universitäten sind ja - nach Rudolf Stichwehs Beobachtung - trotz internationaler Orientierung eher in lokale Nischen eingepaßt, sie sind "cosmopolitan local institutions" und insofern in gewisser Weise globalisierungs-resistent. Selbst bei großen amerikanischen Privatuniversitäten, auch bei den britischen Universitäten und erst recht bei den deutschen ist marktwirtschaftliches Verhalten unbekannt. Bei allen diesen Universitäten gibt es eine auffallende Zurückhaltung, das Korporationsvermögen anzugreifen oder es gar aktiv für ein globales wirtschaftliches Engagement zu nutzen. In den Gesprächskulturen bestimmter geisteswissenschaftlicher Fächer aber ist die kosmopolitische Einpassung in lokale Nischen dann ein Erfolgsrezept, wenn es - wie zum Beispiel den Oxforder Philosophen - gelingt, das lokale Diskussionsniveau zum Weltstandard zu machen. In den internationalisierten "communities" dagegen lautet das Erfolgsrezept eher "Verdichtung", "Knotenbildung", "Starkonzentration", wobei die jeweilige Universität nur einen Knoten im Verdichtungszentrum einer anregenden, forschungsstarken Umgebung bildet (MIT, CalTech etc. sind Beispiele). In solchen Verdichtungszentren - die heute als Kompetenzzentren geplant und gefördert werden - ist überall dort der korporative Zusammenhalt noch erkennbar, wo die Gesprächsgemeinschaft über den akademischen Fachdiskurs hinaus gleichsam neben der Eliteuniversität existiert und diese Gesprächs- Gemeinschaft der Universität ihren Sitz im Leben gibt.

Die genannten horizontal angeordneten Forschungsstrukturen haben häufig keine starken Verbindungen mehr zu ihrer Heimatuniversität, die lokal und regional verwurzelte Universität kann von globalen Strukturen überwuchert, zum Postamt für ihre Professoren, zur Verleihungsagentur für akademische Würden und Grade werden. Wir haben für dieses Grundproblem der modernen Forschungs-Universität bisher keine Lösung gefunden, wir haben keinen Vorschlag für ein adäquates Strukturmodell der real existierenden, institutionen-sprengenden Forschungsnetze.

Zu (3) Problematisierung des Ausbildungsprivilegs:
Zusammengehalten und legitimiert wird die hier skizzierte Universität noch immer, aber auch ausschließlich durch das Ausbildungsprivileg der Hochschulen, durch das Privileg der Nachwuchspflege, der Graduierung und der Zertifizierung. Abgesehen davon, daß dieses Privileg in der Massen-Universität Qualitätseinbußen hinnehmen mußte, rühren sich auch allenthalben Stimmen, die - wie in den USA die "overproduction of Ph.D.s" beklagen, also die Nützlichkeit der bloßen Zahl der weltweit in Massen wissenschaftlich ausgebildeten jungen Menschen bezweifeln. Als sich in den siebziger Jahren die von den Universitäten zu tragende Überlast abzeichnete, wurde dies in der Öffentlichkeit mit Respekt registriert; als in den achtziger Jahren die Überlast zur Normallast geworden war, hat kaum noch jemand hingesehen; als die Universitäten unter der Überlast in den neunziger Jahren zusammenzubrechen begannen, kam das Wort von der im Kern verrotteten Universität auf, die an ihrer Misere selber schuldig sei. Unsere Universitäten - das ist das Körnchen Wahrheit in einer solchen Vorstellung - sind noch immer auf das Institut des Privatdozenten hin optimiert. Die Universitätsbildung ist gelungen, wenn Privatdozenten in großer Zahl und Qualität ausgebildet und vielleicht schon bald berufen werden. Diese Lehrtradition des 19. Jahrhunderts kann sicher nicht unbesehen ins 21. Jahrhundert übernommen werden; für die rasch entstehenden neuen Arbeits- und Forschungsfelder ist sie auch dann untauglich, wenn zum Beispiel bei seltenen, lebensgefährlichen Krankheiten der hochspezialisierte Privatdozent gesucht und gefragt wird.
5. Perspektiven
Die Reformansätze, die es in dieser Situation gibt, sind diffus, gehen oft in die falsche Richtung und leiden an den Mängeln der ihnen vorangehenden Analyse:

Da die Einheiten, welche Humboldts Universität begründet haben, zerbrochen sind: die Einheit des Wissens, die Einheit von Lehre und Forschung, der Lehrenden und der Forschenden und die Einheit von Theorie und Praxis, - wird die Professorenrolle zunehmend unspielbarer. Der Professor (die Professorin) soll in seiner Person integrieren, was in der Institution längst zerstört ist, die ideal gedachten Einheitsstrukturen der alten Universität. Damit aber ist der Professor heute so frei und gleichzeitig so einsam wie niemals in der Geschichte der Universität. Er entzieht sich der permanenten Überforderung durch Spezialisierung, Zirkel- und Sektenbildung, durch Individualisierung (bis in Jargon und Methode hinein). Ist diese Analyse richtig, so fordert sie eine inhaltliche Diskussion über die "universitas" des Wissens, die alleine Universität begründen kann. Nur wenige Fächer haben diesen transdisziplinären Dialog begonnen.

In Deutschland wird derzeit der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Der sinkenden, in der unspielbaren Professorenrolle begründeten Unterrichtsqualität wird ein Netz von privaten Eliteschulen (meist als Management-Schulen) gegenübergestellt, welche beste Ausbildung für teueres Geld vermitteln. Die Regierungen selbst armer Bundesländer in Deutschland fördern solche Gründungen mit dreistelligen Millionensummen zumindest in der Anlaufphase und erheben keine Einwände gegen hohe und sehr hohe Studiengebühren. Die gleichen Regierungen (im Bund und in den Ländern Deutschlands), die Studiengebühren - dem Koalitionsvertrag entsprechend – jetzt als angeblich unsozial verbieten wollen, errichten mit Steuergeldern ein Netz von "Universitäten" genannten Colleges, an denen Studiengebühren zwischen 12.000 und 18.000 DM verlangt werden und die Forschungskomponente einfach vergessen wird. An diesen Colleges aber unterrichten - für gutes Geld - Professoren staatlicher Universitäten im Nebenamt; das Zweiklassensystem ist damit perfekt. Auf der einen Seite Prinzenerziehung (ohne Einübung in den produktiven Zweifel des Forschungsalltags), auf der anderen Seite verelendete und überlaufene Staatsuniversitäten!

Im gesamten verordneten Strukturwandel, in dem über Inhalte nicht mehr geredet und kaum noch nachgedacht wird, spielt die Universität als Subjekt kaum noch eine Rolle. Die Agenturen der Forschungsförderung müßten die Subjektwerdung der Universitäten stärker als bisher fördern; sie müßten vor allem Anreize zur Solidarität bieten. Das Problem der Forschungsförderung scheinen mir die kulturwissenschaftlichen Fächer zu werden, deren vorsichtige Rückführung in die "universitas" des Wissens, in eine leitende Rolle im Gesprächszusammenhang einer als Einheit gedachten "scientific community" eine Zukunftsaufgabe von Rang und Gewicht ist.

Daß alle heute angedachten Reformen nicht gelingen und nicht gelingen können, wenn sich nicht über das neue inhaltliche Gespräch eine neue Solidarität unter den Mitgliedern der Universität, neues Interesse aneinander einstellt, ist leicht einzusehen. Ich kenne nur wenige aus der Mitte der Kolleginnen und Kollegen selbst geborene Denkgruppen, die kontinuierlich und grundsätzlich über einen neuen Begriff der Universität nachdenken, die sich nicht nur sporadisch der Aufgabe stellen, Forschung, Lehre und Selbstverwaltung so miteinander zu verbinden, daß daraus die immer notwendige begleitende Selbstreflexion der Universität entsteht. Es bedarf großer Anstrengungen, diese Denkgruppen im partikularistischen Alltag der Universität zu etablieren. Ohne sie aber werden Solidarität und Gemeinschaftsbewußtsein nicht wachsen können. Wenn die Universitäten ihre Sache nicht selbst in die Hand nehmen, werden sie auch in Zukunft nicht mehr sein als Experimentierfelder für gesellschaftspolitische Versuche, die mit ihrem wissenschaftlichen Auftrag nur am Rande zu tun haben.

Ich bin bei der Suche nach einer "Zeitansage", die unser soziales Problem, auch das soziale Problem der Academia beschreiben könnte, vom Wiener Volkstheater und seiner "Lokalposse" schließlich doch abgekommen und an den gänzlich unsatirischen Adalbert Stifter geraten. Der schrieb, unter dem Eindruck des Bombardements von Prag, bei der Niederschlagung des Aufstandes im Anschluß an den Slawenkongreß, am 28. Juni 1848 aus Linz an seinen Wiener Freund Josef Türck: "Ich weiß recht gut, daß ich viel verlange, und daß sich das Menschengemüt nicht über das Knie brechen lasse: aber wenn nur vorerst die Schwankenden, Wankenden, Unentschiedenen sich fest und für immer auf Seite der Charakterfestigkeit und Selbstbezwingung stellten, wenn sie den Grundsatz der Einigung und kraftvollen Beruhigung durchweg als den ihrigen befolgten, statt zu warten, bis sie sich für das oder das erklären, dann wäre schon viel gewonnen, nach und nach ziehen sich die ihnen angrenzenden Schattierungen auch zusammen, und die sich überall und nie versöhnen wollenden äußersten Teile müßten zuletzt sich fügen - freilich müssen sie das zuletzt alle mal, aber wenn nur dieses zuletzt nicht zu spät ist. Was uns durch das ganze deutsche Land not tut, ist Charakter, ich glaube, daß felsenfeste Ehrenhaftigkeit (die mögen wohl sehr viele haben) und felsenfeste Gründlichkeit (die mögen wenige haben) jetzt mehr und nachhaltiger wirken würden, als Gelehrsamkeit und Kenntnisse. Was aber den allergrößten Schaden bringt, sind die unreifen Politiker, die in Träumen, Deklamationen und Phantasien herum irren, und doch so drängen, daß nur das Ihrige geschehe. Könnte jeder, der die Sache nicht versteht, dies nur auch mit solcher Gewißheit wissen, wie daß er keine Uhr machen kann, und würde er auch mit so viel Bescheidenheit begabt sein, das was er nicht kann, auch nicht machen zu wollen - so wäre uns fast aus aller Verlegenheit geholfen."


Anmerkungen:
Johann Nestroys "Lokalposse mit Gesang in drei Aufzügen", die den Titel trägt "Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glückes" (und 1835 erstmals aufgeführt wurde) enthält wegen der zentralen Thematik des Rollentausches so viele Anspielungen auf die dem vorliegenden Vortrag zugrundeliegende Lebenssituation, daß es keiner ausführlichen Textbelege bedarf, um Ähnlichkeiten zu belegen.

Zu den Überlegungen der Analysten verweise ich besonders auf Konrad Seitz: Wettlauf ins 21. Jahrhundert. Die Zukunft Europas zwischen Amerika und Asien. Berlin 1998.

Zur Entstehung einer "Tiger"-Region in der Mitte Europas vgl. Seitz S. 377.

Der Titel "Wissenschaft als Beruf" zitiert Max Webers 1919 erstmals gedruckten Vortrag.

Da das Ethos des "Berufs" nach einer These Webers zugleich mit jenem Kapitalismus entstanden ist, der auf der Ausbeutung fossiler Bodenschätze beruht, liegt es in der Konsequenz dieses Denkens, wenn im "späten Kapitalismus", am Rande der Zeit, die noch durch fossile Rohstoffe geprägt ist, das Ethos des "Berufes" dem Job-Denken zu weichen beginnt.

Die Darstellung zur Lage der Universität (vor allem in Deutschland) folgt meinem 1998 gedruckten Vortragstext: " 'Im Kern gesund?' Zur Situation der Universität am Ende des 20. Jahrhunderts". Basel: Schwabe & Co AG Verlag.

Zur Veränderung der Wissensentstehung ist zu verweisen auf Michael Gibbons, Camille Limoges, Helga Nowotny, Simon Schwartzman, Peter Scott, Martin Trow: The New Production of Knowledge. The Dynamics of Research in Contemporary Societies. London u.a. 1994.

Über "The Decline of Unfettered Research" hat Andrew Odlyzko in einem bemerkenswerten Vortrag 1996 gesprochen: "Universities are also still set up for continuing exponential growth, and there are few of the negative feedback loops in operation that would stop the overproduction of Ph.D.s."

Zur Gründung und Entwicklung von "Kompetenzzentren" verweise ich auf die dritte Empfehlung des deutschen Technologierates: Der Rat für Forschung, Technologie und Innovation: Kompetenz im globalen Wettbewerb. Perspektiven für Bildung, Wirtschaft und Wissenschaft. Feststellungen und Empfehlungen. Bonn, Juni 1998.

Zur Optimierung der Universitätsbildung auf die Rolle des Privatdozenten hin und zur unspielbar gewordenen Professorenrolle vgl.: Wolfgang Schluchter: Auf der Suche nach der verlorenen Einheit. Anmerkungen zum Strukturwandel der deutschen Universität. In: ders.: Neubeginn durch Anpassung ? Studien zum ostdeutschen Übergang. Frankfurt am Main 1996, S.157 - 187.
 


© Österreichische Akademie der Wissenschaften
WWW-Redaktion
Letzte Änderung: 22.12.1998 09:26