Wien, 22. September 1998

Lesen können – nichts verstehen

Im Rahmen einer Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) befassen sich Experten aus allen Kontinenten mit dem Problem, daß unsere Informationsgesellschaft immer höhere Anforderungen an die Menschen stellt, mit der Fülle von Informationsangeboten umzugehen. Zugleich verfügen aber immer mehr Menschen nicht über die dazu erforderlichen Fähigkeiten. Analphabetismus beschreibt diesen Kommunikationsverlust nur unzureichend.

Jedes fünfte Kind in Österreich hat Schwierigkeiten mit der Sprache: komplexere Texte werden kaum verstanden. Insgesamt schätzt man die Zahl der Analphabeten in Österreich auf ca. 300.000. Diese Menschen können das in der Schule erworbene Wissen nicht anwenden. Sie haben Schwierigkeiten beim Verstehen von Rundfunknachrichten, beim Lesen von Gesetzestexten oder Beipackzetteln, sie können keine Eingaben schreiben aber auch Medien wie Fax und Internet nicht nutzen. Eine weitere vom Analphabetismus bedrohte Gruppe stellen sprachliche Minderheiten dar, deren Angehörige oft weder in ihrer Muttersprache noch in der Zweitsprache über ausreichende Sprachfähigkeit verfügen.

Wissenschaftler und Politiker sehen Maßnahmen gegen den Analphabetismus deshalb als so wichtig an, weil mit dem Verlust der "Literalität", der Fähigkeit mit dem gesprochenen und geschriebenen Wort differenziert umzugehen, Menschen sozial und psychologisch an den Rand gedrängt werden: Sie sind nicht in der Lage am demokratischen Leben teilzunehmen, weil sie Nachrichten nicht wirklich verstehen und Medien wie Zeitungen oder andere Informationen nicht benutzen können. Die Teilnahme am öffentlichen Leben ist daher in Frage gestellt, ebenso wie der Zugang zu neuen Berufsmöglichkeiten schwierig ist. Dabei geht es nicht in erster Linie um den klassischen Analphabetismus, sondern vor allem um den sogenannten "sekundären" oder "funktionalen" Analphabetismus, wie er vor allem in den Industrieländern ein immer größer werdendes Problem darstellt.

Mit dem Analphabetismus sowohl in den "zivilisierten" Ländern als auch in der Dritten Welt wird sich die Tagung "Kommunikationsverlust im Informationszeitalter" vom 26. – 28. November 1998 befassen, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Österreichischen EU-Vorsitzes veranstaltet wird. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. Ruth Wodak (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien), Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm (Institut für Germanistik, Universität Wien) und Doz. Dr. Rudolf de Cillia (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien).

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Letzte Änderung: 25.09.1998 13:06