Rede von Präsident Werner Welzig im Rahmen der
Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
am 14. Mai 1997 im Festsaal der Akademie

Wo sind wir?

Eine Ortsangabe.

Wir befinden uns in jenem Gebäude, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts der lothringische Architekt Jean Nicolas Jadot als neues Aula-Gebäude der Universität geplant hat. Seit 1857 ist dieses Gebäude Sitz der zehn Jahre zuvor in Wien gegründeten Akademie der Wissenschaften.

Eine Ortsangabe wie diese stellt uns vor keine großen Probleme. Es gibt schwierigere Ortsangaben. Was sagen wir, wenn wir angeben wollen, wo sich diese Akademie der Wissenschaften als Institution befindet? Wo sie sich heute befindet? Welche Herausforderungen unserer Zeit nimmt diese Institution wahr? "Wahrnehmen" ebenso im Sinne von erkennen wie im Sinne von eine erkannte Aufgabe verantwortlich übernehmen.

Gestatten Sie, daß ich zu einer solchen anderen Ortsbestimmung einige wenige Sätze zusammentrage. Wie es einer Geburtstagsfeier angemessen ist, nehme ich diese Sätze aus der Geschichte. Ich entnehme sie jenem Text, der heute vor 150 Jahren unterzeichnet wurde, aus dem "Gründungspatent" dieser Akademie, aus der "Allerhöchsten Entschließung", "Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien den 14. Mai nach Christi Geburt im Eintausend Achthundert sieben und vierzigsten, Unserer Reiche im dreizehnten Jahre".
Zu drei Punkten möchte ich Stellung beziehen:

1. In vier der 19 Paragraphen des erwähnten Dokuments ist vom Geld die Rede. Vielleicht paßt das Thema Geld nicht zu einer Festveranstaltung. Doch warum soll man über elementare Tatsachen nicht sprechen? Auch Jubiläumsveranstaltungen als solche haben mit Geld zu tun. Jubiläum, Geld und Akademie ergeben nicht immer einen satten Dreiklang.
Paragraph 14 des "Gründungspatents" legt für die neugegründete Institution die Jahresdotation fest. Paragraph 15 ergänzt diese Aussage. Er bestimmt unter anderem, daß, auch für den Fall, daß Geld verbleibt, "eine Verringerung der Dotation" nicht eintritt.
Diese klaren Aussagen sind wahrnehmbar. Sie sind nicht das einzig Wahrnehmbare. Schon mehr als ein Jahrzehnt vor der Gründung der Akademie wurde der Auftrag gegeben, darüber nachzudenken, welche Kosten für die neue Institution voraussichtlich anfallen würden und wie sie zu bedecken wären.
Im März des Jahres 1838 legt die Universität Wien ein Gutachten vor, in dem Vorschläge zur Finanzierung einer Akademie der Wissenschaften gemacht werden. Ein "Sparpaket" scheint damals aktuell gewesen zu sein. Das Gutachten nimmt jedenfalls auf etwas Derartiges ausdrücklich Bezug: "Den Nutzen, ja die Nothwendigkeit einer angemessenen Sparsamkeit anerkennend, glauben wir (...) das wahre Heil nicht in diesen Reduktionen und Beschränkungen allein zu finden (...). Die Zeiten, wo mit Wenigem Vieles, wo aus Nichts Alles gemacht wurde, sind längst vorbei." Nur bei den Gelehrten, so wird 1838 angemerkt, macht man sonderbarerweise den Versuch, Leistungen zu verlangen, ohne sie zu honorieren.

Unter den Vorschlägen, die in diesem Gutachten erstattet werden, bezieht sich der wichtigste auf ein Beispiel aus Rußland. Der Akademie, so heißt es, könnte zur Deckung ihrer Ausgaben die Herausgabe von Kalendern als Monopol übertragen werden. "Die russischen Kalender sind, welches auch die Kultur des Landes sein mag, die besten ihrer Art, weil sie eben von der Akademie besorgt werden. Die unseren aber gehören zu den schlechtesten".

Der Gedanke, die Ausgaben der Akademie durch ein Kalendermonopol zu decken, wirkt für uns heute wenig attraktiv. Von der Funktion eines Kalenders als Volksbuch und Instrument der Erziehung und Unterhaltung haben wir keine Vorstellung mehr. Die Widmung der Einkünfte aus Glücksspiel, Branntwein oder Tabak würde uns eher behagen. Eine keineswegs antiquierte Vorstellung vermittelt jedoch die Sorgfalt, mit der man ehedem die Finanzierung einer zu gründenden wissenschaftlichen Institution erhebliche Zeit vor der Gründung bedacht hat und wie sehr man bestrebt war, diese Finanzierung auf eine dauernde, nicht von momentanen Finanznöten abhängige Grundlage zu stellen.

Wo befinden wir uns heute? Da wir aus Anlaß einer Geburtstagsfeier zusammengekommen sind, sei es mir erlaubt, meine Antwort in die Form von drei Wünschen zu kleiden:

Wir wünschen uns eine Politik, die Budget-Entwicklungen nicht zu unvorhersehbaren Katastrophengeschehnissen werden läßt.

Wir wünschen uns eine Politik, die der Bevölkerung die Anliegen der Wissenschaft vermittelt und innerhalb der Regierung zu jenen Schwerpunktsetzungen fähig ist, zu denen sie ihrerseits auch uns herausfordert.

Wir wünschen uns eine Politik, die sich gemeinsam mit uns Gedanken darüber macht, mit welchen wissenschaftlichen Einrichtungen dieses Land in den nächsten Jahren bestehen wird können, und die die Kraft hat, diese Gedanken in die Tat umzusetzen.

2. Nach dem Beispiele Unserer glorreichen Vorfahren stets geneigt, in der Förderung der Wissenschaften und in der Verbreitung gediegener Kenntnisse eines der vorzüglichsten Mittel zum Wohle der bürgerlichen Gesellschaft und zur Erreichung der Zwecke der Regierung zu erkennen, (...) haben wir die Gründung einer Akademie der Wissenschaften (...) beschlossen.
Wir sind bei der Präambel des Dokumentes von 1847.
Wo befinden wir uns in Relation zu dieser Präambel heute?
Wir müßten, um antworten zu können, mit einem breiten Kommentar beginnen.

Wir müßten auf den Zusammenhang dieses Satzes mit anderen Sätzen hinweisen. Auf die Tatsache etwa, daß die Akademie bei ihrer Gründung nicht nur unter den besonderen Schutz des damaligen Souveräns gestellt wurde, sondern, daß sie, wie man 1847 formuliert, "in Beziehung auf die Staatsgewalt die Stellung eines selbständigen Körpers" hat.
Wir müßten den zitierten Satz auch in seinen historischen Zusammenhang stellen. Wir müßten ihn im Zusammenklang mit jenem Mißton hören, der die erste Feierliche Sitzung dieser Akademie geprägt hat. Hammer-Purgstall, der erste Präsident dieser Akademie, hatte damals erklärt, daß die Akademie "der Freiheit ihrer Erörterung in Rede und Schrift keine andere Schranke (setzt) als die ihrer Selbstzensur". Der Polizeipräsident, der von dieser geplanten Aussage erfahren hatte, dem es aber nicht mehr möglich war, den mündlichen Vortrag zu verhindern, verfügte, daß diese Stelle in den Abdruck der Rede nicht aufgenommen werden dürfe. Hammer-Purgstall repliziert mit der Feststellung, daß er einer Akademie, deren Äußerungen der staatlichen Zensur unterliegen, "weder als Präsident noch als Akademiker angehören möchte". Die anderen Mitglieder des Präsidiums wirken auf den Präsidenten ein, die Entwicklung der neuen Institution nicht durch seine Haltung zu gefährden. Hammer-Purgstall gibt auch dem beschwichtigenden kollegialen Druck nicht nach. Erzherzog Johann, der erste "Kurator" der Akademie, entscheidet schließlich im Sinne des Präsidenten. Beider sollten wir gedenken.
Die Probleme der Zensur sind hierzulande nicht mehr aktuell. Anders steht es mit der Frage, ob wir frei genug sind, das, was uns beschäftigt, auch beim Namen zu nennen.
Zurück zur Präambel: Nach dem Beispiele Unserer glorreichen Vorfahren stets geneigt, in der Förderung der Wissenschaften und in der Verbreitung gediegener Kenntnisse eines der vorzüglichsten Mittel zum Wohle der bürgerlichen Gesellschaft und zur Erreichung der Zwecke der Regierung zu erkennen, (...) haben wir die Gründung einer Akademie der Wissenschaften (...) beschlossen. Vieles wäre für einen Kommentar dieses Satzes mitzubedenken. Die Herausbildung der Vorstellung von autonomer Wissenschaft etwa oder die Konfrontation von sogenannter Grundlagenforschung und sogenannter angewandter Forschung. Hier und heute sei auf eine einzige Wendung hingewiesen.

Vom "Wohle der bürgerlichen Gesellschaft" ist die Rede. Die Wissenschaft soll zu diesem Wohl beitragen. Die Akademie, als oberste wissenschaftliche Einrichtung des Landes konzipiert, soll es vor Augen haben.

Ist dieser Gedanke von 1847 antiquiert oder hätten wir uns gerade an ihm zu orientieren? Und wenn wir vorhaben, uns an ihm zu orientieren: Was ist das, dieses Wohl? Wer befindet darüber? Was ist mit dem Wohle derer, die nach uns kommen?

Wenn man die Qualität einer wissenschaftlichen Einrichtung letztlich daran bemißt, ob sie willens und fähig ist, dem Gemeinwohl zu dienen, wie ist dann darüber zu entscheiden, was eine solche Einrichtung zu leisten hat und in welchem Maße sie Anspruch auf das erheben kann, was man ehedem als "Allerhöchstes Wohlwollen" bezeichnet hat?

Beispielhaft und auf die Situation unserer Tage bezogen: Was kann sich die Gesellschaft von einer Einrichtung wie dieser "Akademie" erwarten, wenn in einem von einer großen Zahl von Bürgern unterstützten Volksbegehren zusätzliche Verbote für die Anwendung der Gentechnik gefordert werden? Soll eine wissenschaftliche Einrichtung in einer solchen Situation sagen, was das Volk begehrt? Oder soll sie das sagen, was einzelnen Sparten der Industrie nützt? Oder hat sie etwas ganz anderes zu tun?

Wo befinden wir uns heute?

Der immer größer werdende Abstand zwischen dem Wissen der Wissenschaft und den Verständnismöglichkeiten der Allgemeinheit berührt ein demokratisch verfaßtes Gemeinwesen in elementarer Weise. Eine wissenschaftliche Einrichtung hat heute nicht mehr nur dem Fortschritt der Wissenschaft zu dienen. Eine wissenschaftliche Einrichtung muß heute in vielfältiger Weise auch als Aufklärer, als Vermittler und als Übersetzer tätig werden. Sie muß sich zu Wort melden. Sie muß deutlich, aber sie darf nicht doktrinär sprechen. Sie muß fähig sein, die Ängste der Zeitgenossen vor einem bedrohlichen Geheimwissen wahrzunehmen und ernstzunehmen. Und sie darf auch die gelegentliche eigene Unsicherheit über die Qualität neuen Wissens nicht verdecken. Einer Manipulation der öffentlichen Meinung hat sie jedoch nach all ihren Kräften sachbezogene Information entgegenzustellen. Wir müssen den Mut bewahren, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen! Daran sollten wir gerade in unseren Tagen wieder erinnern.

3. Die Präambel unseres Gründungsdokumentes beginnt mit der "Intitulatio", mit der Vorstellung des Herrschers: Wir Ferdinand der Erste, von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich, König von Hungarn und Böhmen, dieses Namens der Fünfte, König der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slavonien, Galizien, Lodomerien und Illirien; Erzherzog von Oesterreich; Herzog von Lothringen, Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain, Ober- und Niederschlesien; Grossfürst von Siebenbürgen; Markgraf von Mähren, gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol etc. etc.
Diese Titel von einst verweisen auf die geopolitische Situation von heute. Sie erinnern daran, daß wir uns in einer kleinen Alpenrepublik befinden. Zugleich machen sie uns aber bewußt, daß das, was wir heute als Wissenschaftler tun, jeweils in einen Zusammenhang eingebunden ist, der weit größer ist als der Raum des alten Österreich zwischen Schlesien und der Lombardei.

Ob wir diesen größeren Zusammenhang wahrnehmen und uns in ihm bewähren, davon wird unsere Zukunft abhängen. Gerade weil wir ein kleines Land sind, muß dieser Zusammenhang eine zentrale Herausforderung sein, etwas, das Österreichs Wissenschaft und Österreichs Politik gemeinsam wahrzunehmen haben; dann jedenfalls, wenn uns daran gelegen ist, daß dieses Land auch in Zukunft als solches erkennbar und geachtet bleibt. Die Titel derer, die uns heute regieren und repräsentieren, die uns heute die Ehre ihrer Anwesenheit geben und zu uns sprechen, diese Titel sollten nicht eines baldigen Tages klingen wie für uns König von Lodomerien.

Wir werden unsere Feier mit der Bundeshymne beschließen. Österreich liegt dem Erdteil inmitten, heißt es dort. Auch diese Ortsangabe macht keine großen Probleme. Es gibt schwierigere Ortsangaben. Was sagen wir, wenn wir Auskunft geben wollen, wo dieses Land sich heute innerhalb der europäischen und der internationalen Staatengemeinschaft befindet? Und: Wo es seinen Platz in Zukunft haben wird, wo es ihn haben will, oder besser: wo es ihn erstreiten will. Diese Auskunft wird, wenn sie innere Kraft haben soll, keiner aus sich allein geben können, weder jene auf der Regierungsbank oder im Parlament, noch jene im Labor oder in der Bibliothek. Diese Auskunft werden nur Politik und Wissenschaft gemeinsam geben können, gemeinsam mit allen anderen, die unser Land gestalten und am Leben erhalten. Ob wir zu solcher Gemeinsamkeit fähig sind, davon wird unser Überleben abhängen. Daß wir dazu fähig werden, das ist der Wunsch, den die "Österreichische Akademie der Wissenschaften" an ihrem 150. Geburtstag der Republik Österreich entbietet.


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Letzte Änderung: 13.11.1997 22:38