Wir befinden uns in jenem Gebäude, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts der lothringische Architekt Jean Nicolas Jadot als neues Aula-Gebäude der Universität geplant hat. Seit 1857 ist dieses Gebäude Sitz der zehn Jahre zuvor in Wien gegründeten Akademie der Wissenschaften.
Eine Ortsangabe wie diese stellt uns vor keine großen Probleme. Es gibt schwierigere Ortsangaben. Was sagen wir, wenn wir angeben wollen, wo sich diese Akademie der Wissenschaften als Institution befindet? Wo sie sich heute befindet? Welche Herausforderungen unserer Zeit nimmt diese Institution wahr? "Wahrnehmen" ebenso im Sinne von erkennen wie im Sinne von eine erkannte Aufgabe verantwortlich übernehmen.
Gestatten Sie, daß ich zu einer solchen anderen Ortsbestimmung
einige wenige Sätze zusammentrage. Wie es einer Geburtstagsfeier
angemessen ist, nehme ich diese Sätze aus der Geschichte.
Ich entnehme sie jenem Text, der heute vor 150 Jahren unterzeichnet
wurde, aus dem "Gründungspatent" dieser Akademie,
aus der "Allerhöchsten Entschließung", "Gegeben
in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien den 14. Mai nach Christi
Geburt im Eintausend Achthundert sieben und vierzigsten, Unserer
Reiche im dreizehnten Jahre".
Zu drei Punkten möchte ich Stellung beziehen:
1. In vier der 19 Paragraphen des erwähnten Dokuments ist
vom Geld die Rede. Vielleicht paßt das Thema Geld
nicht zu einer Festveranstaltung. Doch warum soll man über
elementare Tatsachen nicht sprechen? Auch Jubiläumsveranstaltungen
als solche haben mit Geld zu tun. Jubiläum, Geld und
Akademie ergeben nicht immer einen satten Dreiklang.
Paragraph 14 des "Gründungspatents" legt für
die neugegründete Institution die Jahresdotation fest. Paragraph
15 ergänzt diese Aussage. Er bestimmt unter anderem, daß,
auch für den Fall, daß Geld verbleibt, "eine Verringerung
der Dotation" nicht eintritt.
Diese klaren Aussagen sind wahrnehmbar. Sie sind nicht das einzig
Wahrnehmbare. Schon mehr als ein Jahrzehnt vor der Gründung
der Akademie wurde der Auftrag gegeben, darüber nachzudenken,
welche Kosten für die neue Institution voraussichtlich anfallen
würden und wie sie zu bedecken wären.
Im März des Jahres 1838 legt die Universität Wien ein
Gutachten vor, in dem Vorschläge zur Finanzierung einer Akademie
der Wissenschaften gemacht werden. Ein "Sparpaket" scheint
damals aktuell gewesen zu sein. Das Gutachten nimmt jedenfalls
auf etwas Derartiges ausdrücklich Bezug: "Den Nutzen,
ja die Nothwendigkeit einer angemessenen Sparsamkeit anerkennend,
glauben wir (...) das wahre Heil nicht in diesen Reduktionen und
Beschränkungen allein zu finden (...). Die Zeiten, wo mit
Wenigem Vieles, wo aus Nichts Alles gemacht wurde, sind längst
vorbei." Nur bei den Gelehrten, so wird 1838 angemerkt, macht
man sonderbarerweise den Versuch, Leistungen zu verlangen, ohne
sie zu honorieren.
Unter den Vorschlägen, die in diesem Gutachten erstattet werden, bezieht sich der wichtigste auf ein Beispiel aus Rußland. Der Akademie, so heißt es, könnte zur Deckung ihrer Ausgaben die Herausgabe von Kalendern als Monopol übertragen werden. "Die russischen Kalender sind, welches auch die Kultur des Landes sein mag, die besten ihrer Art, weil sie eben von der Akademie besorgt werden. Die unseren aber gehören zu den schlechtesten".
Der Gedanke, die Ausgaben der Akademie durch ein Kalendermonopol zu decken, wirkt für uns heute wenig attraktiv. Von der Funktion eines Kalenders als Volksbuch und Instrument der Erziehung und Unterhaltung haben wir keine Vorstellung mehr. Die Widmung der Einkünfte aus Glücksspiel, Branntwein oder Tabak würde uns eher behagen. Eine keineswegs antiquierte Vorstellung vermittelt jedoch die Sorgfalt, mit der man ehedem die Finanzierung einer zu gründenden wissenschaftlichen Institution erhebliche Zeit vor der Gründung bedacht hat und wie sehr man bestrebt war, diese Finanzierung auf eine dauernde, nicht von momentanen Finanznöten abhängige Grundlage zu stellen.
Wo befinden wir uns heute? Da wir aus Anlaß einer Geburtstagsfeier zusammengekommen sind, sei es mir erlaubt, meine Antwort in die Form von drei Wünschen zu kleiden:
Wir wünschen uns eine Politik, die Budget-Entwicklungen nicht zu unvorhersehbaren Katastrophengeschehnissen werden läßt.
Wir wünschen uns eine Politik, die der Bevölkerung die Anliegen der Wissenschaft vermittelt und innerhalb der Regierung zu jenen Schwerpunktsetzungen fähig ist, zu denen sie ihrerseits auch uns herausfordert.
Wir wünschen uns eine Politik, die sich gemeinsam mit uns Gedanken darüber macht, mit welchen wissenschaftlichen Einrichtungen dieses Land in den nächsten Jahren bestehen wird können, und die die Kraft hat, diese Gedanken in die Tat umzusetzen.
2. Nach dem Beispiele Unserer glorreichen Vorfahren stets geneigt,
in der Förderung der Wissenschaften und in der Verbreitung
gediegener Kenntnisse eines der vorzüglichsten Mittel zum
Wohle der bürgerlichen Gesellschaft und zur Erreichung der
Zwecke der Regierung zu erkennen, (...) haben wir die Gründung
einer Akademie der Wissenschaften (...) beschlossen.
Wir sind bei der Präambel des Dokumentes von 1847.
Wo befinden wir uns in Relation zu dieser Präambel heute?
Wir müßten, um antworten zu können, mit einem
breiten Kommentar beginnen.
Wir müßten auf den Zusammenhang dieses Satzes mit anderen
Sätzen hinweisen. Auf die Tatsache etwa, daß die Akademie
bei ihrer Gründung nicht nur unter den besonderen Schutz
des damaligen Souveräns gestellt wurde, sondern, daß
sie, wie man 1847 formuliert, "in Beziehung auf die Staatsgewalt
die Stellung eines selbständigen Körpers" hat.
Wir müßten den zitierten Satz auch in seinen historischen
Zusammenhang stellen. Wir müßten ihn im Zusammenklang
mit jenem Mißton hören, der die erste Feierliche Sitzung
dieser Akademie geprägt hat. Hammer-Purgstall, der erste
Präsident dieser Akademie, hatte damals erklärt, daß
die Akademie "der Freiheit ihrer Erörterung in Rede
und Schrift keine andere Schranke (setzt) als die ihrer Selbstzensur".
Der Polizeipräsident, der von dieser geplanten Aussage erfahren
hatte, dem es aber nicht mehr möglich war, den mündlichen
Vortrag zu verhindern, verfügte, daß diese Stelle in
den Abdruck der Rede nicht aufgenommen werden dürfe. Hammer-Purgstall
repliziert mit der Feststellung, daß er einer Akademie,
deren Äußerungen der staatlichen Zensur unterliegen,
"weder als Präsident noch als Akademiker angehören
möchte". Die anderen Mitglieder des Präsidiums
wirken auf den Präsidenten ein, die Entwicklung der neuen
Institution nicht durch seine Haltung zu gefährden. Hammer-Purgstall
gibt auch dem beschwichtigenden kollegialen Druck nicht nach.
Erzherzog Johann, der erste "Kurator" der Akademie,
entscheidet schließlich im Sinne des Präsidenten. Beider
sollten wir gedenken.
Die Probleme der Zensur sind hierzulande nicht mehr aktuell. Anders
steht es mit der Frage, ob wir frei genug sind, das, was uns beschäftigt,
auch beim Namen zu nennen.
Zurück zur Präambel: Nach dem Beispiele Unserer glorreichen
Vorfahren stets geneigt, in der Förderung der Wissenschaften
und in der Verbreitung gediegener Kenntnisse eines der vorzüglichsten
Mittel zum Wohle der bürgerlichen Gesellschaft und zur Erreichung
der Zwecke der Regierung zu erkennen, (...) haben wir die Gründung
einer Akademie der Wissenschaften (...) beschlossen. Vieles
wäre für einen Kommentar dieses Satzes mitzubedenken.
Die Herausbildung der Vorstellung von autonomer Wissenschaft etwa
oder die Konfrontation von sogenannter Grundlagenforschung und
sogenannter angewandter Forschung. Hier und heute sei auf eine
einzige Wendung hingewiesen.
Vom "Wohle der bürgerlichen Gesellschaft" ist die Rede. Die Wissenschaft soll zu diesem Wohl beitragen. Die Akademie, als oberste wissenschaftliche Einrichtung des Landes konzipiert, soll es vor Augen haben.
Ist dieser Gedanke von 1847 antiquiert oder hätten wir uns gerade an ihm zu orientieren? Und wenn wir vorhaben, uns an ihm zu orientieren: Was ist das, dieses Wohl? Wer befindet darüber? Was ist mit dem Wohle derer, die nach uns kommen?
Wenn man die Qualität einer wissenschaftlichen Einrichtung letztlich daran bemißt, ob sie willens und fähig ist, dem Gemeinwohl zu dienen, wie ist dann darüber zu entscheiden, was eine solche Einrichtung zu leisten hat und in welchem Maße sie Anspruch auf das erheben kann, was man ehedem als "Allerhöchstes Wohlwollen" bezeichnet hat?
Beispielhaft und auf die Situation unserer Tage bezogen: Was kann sich die Gesellschaft von einer Einrichtung wie dieser "Akademie" erwarten, wenn in einem von einer großen Zahl von Bürgern unterstützten Volksbegehren zusätzliche Verbote für die Anwendung der Gentechnik gefordert werden? Soll eine wissenschaftliche Einrichtung in einer solchen Situation sagen, was das Volk begehrt? Oder soll sie das sagen, was einzelnen Sparten der Industrie nützt? Oder hat sie etwas ganz anderes zu tun?
Wo befinden wir uns heute?
Der immer größer werdende Abstand zwischen dem Wissen der Wissenschaft und den Verständnismöglichkeiten der Allgemeinheit berührt ein demokratisch verfaßtes Gemeinwesen in elementarer Weise. Eine wissenschaftliche Einrichtung hat heute nicht mehr nur dem Fortschritt der Wissenschaft zu dienen. Eine wissenschaftliche Einrichtung muß heute in vielfältiger Weise auch als Aufklärer, als Vermittler und als Übersetzer tätig werden. Sie muß sich zu Wort melden. Sie muß deutlich, aber sie darf nicht doktrinär sprechen. Sie muß fähig sein, die Ängste der Zeitgenossen vor einem bedrohlichen Geheimwissen wahrzunehmen und ernstzunehmen. Und sie darf auch die gelegentliche eigene Unsicherheit über die Qualität neuen Wissens nicht verdecken. Einer Manipulation der öffentlichen Meinung hat sie jedoch nach all ihren Kräften sachbezogene Information entgegenzustellen. Wir müssen den Mut bewahren, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen! Daran sollten wir gerade in unseren Tagen wieder erinnern.
3. Die Präambel unseres Gründungsdokumentes beginnt
mit der "Intitulatio", mit der Vorstellung des Herrschers:
Wir Ferdinand der Erste, von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich,
König von Hungarn und Böhmen, dieses Namens der Fünfte,
König der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien,
Slavonien, Galizien, Lodomerien und Illirien; Erzherzog von Oesterreich;
Herzog von Lothringen, Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain,
Ober- und Niederschlesien; Grossfürst von Siebenbürgen;
Markgraf von Mähren, gefürsteter Graf von Habsburg und
Tirol etc. etc.
Diese Titel von einst verweisen auf die geopolitische Situation
von heute. Sie erinnern daran, daß wir uns in einer kleinen
Alpenrepublik befinden. Zugleich machen sie uns aber bewußt,
daß das, was wir heute als Wissenschaftler tun, jeweils
in einen Zusammenhang eingebunden ist, der weit größer
ist als der Raum des alten Österreich zwischen Schlesien
und der Lombardei.
Ob wir diesen größeren Zusammenhang wahrnehmen und uns in ihm bewähren, davon wird unsere Zukunft abhängen. Gerade weil wir ein kleines Land sind, muß dieser Zusammenhang eine zentrale Herausforderung sein, etwas, das Österreichs Wissenschaft und Österreichs Politik gemeinsam wahrzunehmen haben; dann jedenfalls, wenn uns daran gelegen ist, daß dieses Land auch in Zukunft als solches erkennbar und geachtet bleibt. Die Titel derer, die uns heute regieren und repräsentieren, die uns heute die Ehre ihrer Anwesenheit geben und zu uns sprechen, diese Titel sollten nicht eines baldigen Tages klingen wie für uns König von Lodomerien.
Wir werden unsere Feier mit der Bundeshymne beschließen. Österreich liegt dem Erdteil inmitten, heißt es dort. Auch diese Ortsangabe macht keine großen Probleme. Es gibt schwierigere Ortsangaben. Was sagen wir, wenn wir Auskunft geben wollen, wo dieses Land sich heute innerhalb der europäischen und der internationalen Staatengemeinschaft befindet? Und: Wo es seinen Platz in Zukunft haben wird, wo es ihn haben will, oder besser: wo es ihn erstreiten will. Diese Auskunft wird, wenn sie innere Kraft haben soll, keiner aus sich allein geben können, weder jene auf der Regierungsbank oder im Parlament, noch jene im Labor oder in der Bibliothek. Diese Auskunft werden nur Politik und Wissenschaft gemeinsam geben können, gemeinsam mit allen anderen, die unser Land gestalten und am Leben erhalten. Ob wir zu solcher Gemeinsamkeit fähig sind, davon wird unser Überleben abhängen. Daß wir dazu fähig werden, das ist der Wunsch, den die "Österreichische Akademie der Wissenschaften" an ihrem 150. Geburtstag der Republik Österreich entbietet.