Die politische und ökonomische Konsolidierung in den Staaten Ostmitteleuropas hat zu einer Reduktion des Migrationspotentials beigetragen. Im Rahmen einer Forschungsarbeit zum Themenkomplex "Migrationspotential Ostmitteleuropa" Struktur und Motivation potentieller Migranten aus Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn haben Heinz Faßmann (TU-München) und Christiane Hintermann (Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW) vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung die Frage aufgegriffen: Was passiert, wenn nach einem EU-Beitritt der sog. Visegrad-Staaten (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn) die Niederlassungsfreiheit auch auf Bürger Ostmitteleuropas ausgedehnt wird? Trotz der vielen Unsicherheiten, die damit verbunden sind, kommen sie zu einem recht klaren, aber auch überraschenden Ergebnis. Trotz der noch immer existierenden Einkommensunterschiede denkt nur mehr rund ein Prozent der Wohnbevölkerung Ostmitteleuropas ernsthaft an Auswanderung und hat auch konkrete Schritte einer möglichen Realisierung unternommen. Das sind hochgerechnet rund 700.000 Menschen, von denen jedoch über 40 Prozent eine legale oder auch illegale Beschäftigungsaufnahme im Ausland bereits fixiert haben. Diese Werte liegen deutlich über jenen Zahlen, die der Gesetzgeber in Österreich oder Deutschland als politisch vertretbar ansieht. Dennoch zeigt die Untersuchung sehr klar, daß eine Massenmigration auch im Falle einer EU-Osterweiterung eher unwahrscheinlich ist, insbesondere dann, wenn die Niederlassungsfreiheit durch Übergangsregelungen eingeschränkt und kanalisiert wird.
Die ,neue" und potentielle Zuwanderung aus Ostmitteleuropa befindet sich phänomenologisch noch in einer frühen Phase. Darauf weisen die strukturellen Eigenschaften der abwanderungsbereiten Bevölkerung hin. Zu zwei Drittel sind es Männer, die den Wunsch äußern, für kürzer oder länger im Ausland leben zu wollen, drei Viertel sind jünger als 40 Jahre und zwei Drittel wollen alleine, ohne Familienangehörige, das Land verlassen.
Charakteristisch ist auch die hohe Qualifikation derer, die dem Migrationspotential zuzurechnen sind. 12,2 Prozent jener, die einer Wanderung prinzipiell positiv gegenüberstehen, haben ein Universitätsstudium abgeschlossen, 34,6 Prozent haben Maturaniveau, 8,1 Prozent haben eine höhere Schule ohne Maturaabschluß besucht, 31,4 Prozent haben eine Berufsschulausbildung hinter sich und lediglich 13,7 Prozent verfügen nur über einen Pflichtschulabschluß. Damit bleibt der sog. ,Brain-Drain" auch weiterhin ein spezifisches Problem der Transformationsstaaten.
Warum die Bevölkerung an Auswanderung denkt, wird aus der Befragung ebenfalls erkennbar. Es sind im wesentlichen die Anziehungsfaktoren des westeuropäischen Arbeitsmarktes relevant. Höherer Verdienst, bessere Arbeitsbedingungen und Karrierechancen sowie Weiterbildungsmöglichkeiten sind die am häufigsten genannten Motive. Die schlechteren Bedingungen in den Staaten Ostmitteleuropas wie hohe Arbeitslosigkeit, die politische Situation oder ungünstige Umweltbedingungen treten als Motive deutlich zurück.
Die Erwartungen an den Auslandaufenthalt sind nicht allzu optimistisch. Ein Drittel weiß, daß es sehr schwierig sein wird, eine adäquate Beschäftigung zu finden. Durchschnittlich 77,4 Prozent sind sich nicht nur der Tatsache bewußt, daß ausländische Arbeitskräfte vielfach unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt werden, sondern sie nehmen dies auch für sich selbst in Kauf. Damit wird ein Phänomen abermals erkennbar, welches in einer bereits publizierten Studie des Instituts für Stadt- und Regionalforschung (Faßmann, Kohlbacher und Reeger, ,Suche Arbeit" - eine empirische Analyse über Stellensuchende aus dem Ausland, 1995) als ,antizipierte Dequalifikation" bezeichnet wurde. Der Preis für die Integration in das Beschäftigungssystem im Ausland ist die Akzeptanz einer Tätigkeit, deren Qualifikationserfordernis unter jenem des Herkunftslandes liegt. Entsprechend gering sind auch die Lohnerwartungen, die weit unter dem durchschnittlichen Einkommensniveau des Ziellandes bleiben.
Was mit dem im Ausland erarbeiteten Einkommen geschehen soll, ist eindeutig: Es dient in erster Linie der Finanzierung des täglichen Lebens und der Anschaffung von teuren Konsumgütern. Bei den zukunftsorientierten Ausgaben dominieren die Investitionen in die Ausbildung der Kinder. Der geplante Aufbau eines eigenen Betriebes wird jedoch ausgesprochen nachrangig behandelt. Große Erwartungen hinsichtlich des stimulierenden Effekts der geplanten Auslandstätigkeit sind daher fehl am Platz.