Bericht von Generalsekretär Herbert Mang im Rahmen der
Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
am 14. Mai 1997 im Festsaal der Akademie

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Hohe Festversammlung!

Woran mag der unermüdlich für die Errichtung einer Akademie der Wissenschaften in Wien eintretende Orientalist Hammer-Purgstall wohl gedacht haben, als ihn Staatskanzler Metternich 1840 mit den Worten "Lieber Freund die Sachen gehen nicht so schnell" vertröstete? Ist dem späteren ersten Akademiepräsidenten etwa die Zusicherung Kaiser Karls VI. an Leibniz aus dem Jahre 1715 in den Sinn gekommen, es handle sich bei dieser von Leibniz damals schon über einen längeren Zeitraum hinweg eifrig betriebenen Gründung um eine bereits beschlossene Sache? Oder aber sind ihm die Worte Kaiserin Maria Theresias nach einem Bericht der Studienhofkommission aus dem Jahre 1774 über die Errichtung einer Akademie der Wissenschaften in Wien eingefallen, die da lauteten: "Das hat wohl zeit liegt mir nicht so an herzen?".

Mag sein, daß Hammer-Purgstall bei diesem Anlaß auch darüber nachgedacht hat, wie die zu gründende Akademie der Aufgabe, die Wissenschaft zu fördern, nachkommen sollte. Wie demgegenüber die jubilierende Akademie diesen Auftrag erfüllt, ist Gegenstand des vorliegenden Berichts.

Sehr geehrte Anwesende!

Der Satzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gemäß, besteht ihre Aufgabe darin, "die Wissenschaft teils durch selbständige Forschungen ihrer Mitglieder, teils durch Anregung und Unterstützung fremder Leistungen zu fördern". Die Förderung der Wissenschaft durch die Akademie ruht also, einem Brückenbogen gleich, auf zwei Stützen. Eine davon ist die erwähnte selbständige Forschung der Mitglieder. Bei der anderen handelt es sich vornehmlich um die Arbeit der von der Akademie geführten Institute, Forschungsstellen und Kommissionen sowie um die Anregung und Unterstützung sonstiger wissenschaftlicher Leistungen.

Wurde die Zahl der wirklichen Mitglieder bei der Gründung der Akademie zu je 24 in der mathematisch - naturwissenschaftlichen und der philosophisch -historischen Klasse festgesetzt, so beträgt sie nach dem 1991 gefaßten, letzten Aufstockungsbeschluß je 45 in jeder der beiden Klassen. Dieser Beschluß betraf weiters die Erhöhung der Zahl der korrespondierenden Mitglieder im In- und Ausland von insgesamt 200 auf 250 Mitglieder.

Bei ihrer Selbstergänzung im Rahmen jährlich erfolgender Wahlen legt die Akademie strenge Qualitätsmaßstäbe an. Bei der Erfüllung ungeschriebener Nebenbedingungen für diese Selbstergänzung, wie beispielsweise der Erweiterung des Fächerkanons innerhalb des Wirkungsbereiches der Akademie oder der Verbesserung der geographischen Verteilung der inländischen Mitglieder über das Bundesgebiet, wurden insbesondere in den letzten Jahren deutliche Fortschritte bei voller Wahrung der hohen Anforderungen an Persönlichkeit, wissenschaftliches Werk und Ansehen der Mitglieder erzielt.

"Die Österreichische Akademie der Wissenschaften ist eine unter dem besonderen Schutz des Bundes stehende juristische Person", heißt es ferner in der Satzung der Akademie. Dieser Schutz äußert sich nicht zuletzt in der aus Ermessenskrediten des Bundes erfolgenden finanziellen Dotierung.

Seit ihrer Gründung stellt die Entrichtung des Danks der Akademie an die mit den akademiebezogenen Ansätzen der Budgetvoranschläge des Staates befaßten politischen Instanzen sowie an die mit akademiespezifischen Einzelheiten des Budgetvollzugs beschäftigten Beamten der Hoheitsverwaltung einen festen Bestandteil des Berichts des Generalsekretärs bei der jährlichen Feierlichen Sitzung dar. Wenn dieser Dank bei der heutigen Jubiläumsveranstaltung mit der Bitte um angemessene Berücksichtigung der Besonderheit des Schutzes der Akademie durch den Bund verknüpft wird, so steht dahinter nicht zuletzt die Sorge vor den Auswirkungen bestimmter Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand auf eine Institution, die den überwiegenden Teil ihres Personalaufwandes aus den erwähnten Ermessenskrediten zu bestreiten hat.

Mit demselben Nachdruck, mit dem sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften erlaubt, den Bund auf ihre besondere Schutzbedürftigkeit aufmerksam zu machen, bemüht sie sich um den Nachweis der besonderen Schutzwürdigkeit ihrer Aktivitäten. Diese bestehen zu einem wesentlichen Teil in der Ausübung ihrer Funktion als größter Träger von außeruniversitärer Grundlagenforschung in Österreich, als der die Akademie zur Zeit 18 Institute, 3 Forschungsstellen und 44 wissenschaftliche Kommissionen unterhält. Voraussetzungen für deren Weiterführung sind die hohe Qualität und die große wissenschaftliche Bedeutung der in ihnen geleisteten Forschungsarbeit, die Einzigartigkeit dieser Forschungseinrichtungen in der österreichischen Forschungslandschaft sowie die Finanzierbarkeit von Umstrukturierungen im Gefolge von wissenschaftlich unerläßlichen Erweiterungen ihrer Wirkungsbereiche.

Inwieweit diese Voraussetzungen bei den einzelnen Forschungseinrichtungen der Akademie vorliegen, wird deren externe Evaluation im Rahmen des Mittelfristigen Forschungsprogramms der ÖAW erweisen. Dieses Programm umfaßt den Zeitraum von 1995 bis 2000. Es dient einerseits der Darlegung der Grundsätze und andererseits der Regelung des Ablaufs von Entscheidungsvorbereitungen zur Erreichung mittelfristiger Forschungsziele der Akademie. Ein wichtiges Element der Vorbereitung solcher Entscheidungen ist die erwähnte Evaluation der zu Fachbereichen zusammengefaßten Forschungseinrichtungen durch Gruppen ausländischer Spitzenwissenschafter. Für deren Zusammensetzung sind vom Präsidium der Akademie bestellte Gruppenleiter verantwortlich.

Mittlerweile sind die von den entsprechenden Expertengruppen verfaßten Berichte über die Evaluierung der Fachbereiche Geschichte Österreichs und des Donauraums, Sozialwissenschaften, Informationswissenschaften, Limnologie sowie Weltraumforschung, Astronomie und Atmosphärenphysik eingetroffen. Sie enthalten hochwertige Analysen der Qualität und Relevanz der Forschungsarbeit und der Effizienz der Strukturen sowie interessante Vorschläge für Umstrukturierungen und stellen deshalb für das Präsidium, die betroffenen Kuratorien und Forschungsbeiräte und nicht zuletzt für die Gelehrte Gesellschaft wertvolle Entscheidungshilfen dar.

Programme ganz anderer Art sind das der Förderung von Habilitanden und Habilitierten dienende Austrian Programme for Advanced Research and Technology, abgekürzt APART, und das auf die Unterstützung von Dissertanten abzielende Doktorandenprogramm. Im Jahre 1996 erhielten 14% der Bewerber und Bewerberinnen um ein APART-Stipendium und 25% der Antragsteller und Antragstellerinnen um ein Stipendium aus dem Doktorandenprogramm nach externer Begutachtung ihrer Forschungsvorhaben das gewünschte Stipendium. Ein Großteil der Stipendiaten und Stipendiatinnen nützt einen Teil des Stipendiumzeitraums für Aufenthalte an renommierten ausländischen Forschungsstätten.

Für die finanzielle Unterstützung der beiden Stipendienprogramme ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften dem Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr zu Dank verpflichtet.

Ein Programm ganz anderer Art sind auch die Bauvorhaben der Akademie. Das zur Zeit dringlichste Bauprojekt ist die Errichtung eines Forschungsgebäudes auf einem von der Stadt Graz unentgeltlich zur Verfügung gestellten Grundstück auf dem Areal des geplanten Technologieparks St.-Peter - Messendorf. Gründe für die besondere Dringlichkeit dieses Bauvorhabens sind die Zersplitterung des Instituts für Weltraumforschung und des Instituts für Biophysik und Röntgenstrukturforschung auf insgesamt fünf Standorte in Graz, in denen Räume angemietet werden müssen, ferner die akute Raumnot eines Teils der Vermieter, und nicht zuletzt die Absicht der Gründung einer geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtung in Graz.

Vor kurzem wurde der Gewinner eines zweistufigen Architekten-Wettbewerbs mit der Einreichplanung beauftragt. Als Baubeginn ist der Spätherbst des heurigen Jahres vorgesehen. In zweijähriger Bauzeit soll ein zukunftsweisender Neubau für rund 85 Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entstehen.

Hohe Festversammlung!

"Multum, non multa" lautet eine Devise, die auch für den Inhalt von Berichten in der jährlichen Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Gültigkeit besitzt. Dementsprechend beschränkt sich die Berichterstattung über die mathematisch-naturwissenschaftliche und die philosophisch-historische Klasse der Akademie in der heutigen Jubiläumsveranstaltung auf die Nennung einiger ihrer bedeutendsten Forschungsinitiativen bzw. -aktivitäten in der Vergangenheit sowie auf Kurzberichte über einige der vielen Forschungsaktivitäten in den Wirkungsbereichen der beiden Klassen in der Gegenwart.

Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften hat sich die Akademie bereits kurz nach ihrer Gründung durch Ergreifen der Initiative zur Errichtung wichtiger Forschungseinrichtungen bleibende Verdienste erworben. Dabei handelt es sich um die 1849 gegründete Geologische Reichsanstalt und die 1852 errichtete Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus. Erwähnenswert ist ferner die Aufarbeitung der Ergebnisse der von Payer und Weyprecht in den Jahren 1872 bis 1874 durchgeführten Polarexpedition sowie die im Jahre 1909 erfolgte Gründung des Instituts für Radiumforschung, der ersten ausschließlich mit der Erforschung der Radioaktivität befaßten Forschungseinrichtung. In der Zwischenkriegszeit wirkte die Akademie unter anderem bei der Stiftung der Station für hochalpine Forschung auf dem Jungfraujoch mit. 1924 übernahm sie die 1905 gegründete Biologische Station Lunz.

Zu den bedeutendsten Forschungsaktivitäten bzw. -initiativen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften in der Frühzeit der Akademie zählen die Erforschung und die Herausgabe österreichischer Geschichtsquellen, die Begründung des Corpus der lateinischen Kirchenväter sowie die Durchführung archäologischer Forschungen. Das 1899 gegründete Phonogrammarchiv ist das älteste Schallarchiv der Welt. In der Zwischenkriegszeit konzentrierten sich die wissenschaftlichen Aktivitäten auf archäologische Untersuchungen im Gebiet des römischen Limes an der Donau, Grabungen im Nildelta sowie ethnographische Forschungen.

Die Entwicklung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu einer der bedeutendsten außeruniversitären Forschungsinstitutionen des Landes setzte erst in der Mitte der Sechzigerjahre dieses Jahrhunderts ein. Sie umfaßte beide Klassen und erstreckt sich über sechs Bundesländer.

Der exemplarischen Darstellung der gegenwärtigen Forschungsaktivitäten der Akademie dienen die vier folgenden Kurzberichte. Der erste betrifft die Kultur- und Geistesgeschichte Asiens. Die vom gleichnamigen Institut veranstaltete Reihe von Symposien zur Hermeneutik religiöser Traditionen in Asien mit Betonung auf Indien wurde im Jahre 1996 mit dem Symposium "Raum - Zeitlichkeit als Dimension der Vermittlung von Transzendenzerfahrung" weitergeführt. Im Zuge der Erforschung der erkenntnistheoretischen Traditionen Südasiens wurde der zweite Band eines Spezialwörterbuches zur frühesten Entwicklung der indischen Erkenntnistheorie, Logik und Methodologie publiziert. Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Alter und Altern in Japan - eine kultur- und sozialhistorische Untersuchung" konnte eine umfassende Studie veröffentlicht werden. Weiters ist eine reich illustrierte Studie zur tibetischen sakralen Malerei zwischen dem 15. und dem 20. Jahrhundert erschienen. Sie berücksichtigt nicht nur das erhaltene Bildmaterial, sondern auch die schriftlichen Quellen der tibetischen Tradition.

Auf jüngste Forschungsaktivitäten der Kommission für historische Pressedokumentation bezieht sich der zweite Kurzbericht. An dieser Kommission wurde für den Bereich der Wiener Tagespresse eine Datenbank aufgebaut. Sie enthält Strukturdaten für den Zeitraum 1889-1955. Teilweise ist sie auch on line zugänglich. Diese Datenbank stellt eine unabdingbare Voraussetzung für Untersuchungen der Beziehung zwischen politischem System und Mediensystem auf institutioneller Ebene dar.

Davon ausgehend, daß die Kommunikationsleistung der Massenmedien einen prägenden Faktor der politischen Kultur darstellt, untersucht die Kommission diese Beziehung auch auf inhaltlicher Ebene. Dies geschieht durch kombinierte Struktur- und Inhaltsanalysen. Die in einem Metropolenvergleich Wien - Berlin anhand von Analysen der Wahlberichterstattung erzielten neuen Erkenntnisse über die öffentliche Akzeptanz faschistischer Bewegungen in der Zwischenkriegszeit fanden in der Fachwelt breite Resonanz.

Hohes Lob wurde den Forschungsaktivitäten der Kommission für die Reinhaltung der Luft von der Evaluationsgruppe für den Fachbereich "Weltraumforschung, Astronomie, Atmosphärenphysik" gezollt. Diesen Aktivitäten gilt der dritte Kurzbericht. Das wichtigste Ereignis im Jahre 1996 war die Fertigstellung eines vom ehemaligen Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie in Auftrag gegebenen, umfangreichen Berichts mit dem Titel "Flüchtige Kohlenwasserstoffe in der Atmosphäre - Entstehung, Verhalten und Wirkungen, Luftqualitätskriterien." Dieser Bericht enthält eine interdisziplinäre Zusammenfassung aller das Thema betreffenden Aspekte. In der Zeit vom 1. bis 3. April 1996 wurde die 7th Global Warming International Conference an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erfolgreich durchgeführt. Derzeit werden Vorbereitungsarbeiten für ein umfangreiches Projekt mit dem Arbeitstitel "Luftqualitätskriterien Particulate Matter" geleistet.

Der Hintergrund des letzten Kurzberichts ist die bevorstehende Wiederbesetzung der Stelle des geschäftsführenden Direktors des in Leoben beheimateten Erich-Schmid-Institutes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Arbeitsgebiet des neuen Direktors soll die Materialforschung im breiten Sinne sein.

Moderne Materialforschung und -entwicklung braucht zur Charakterisierung ihrer Produkte und zur Erforschung der Mechanismen, die die Eigenschaften der Werkstoffe und damit ihre Konkurrenzkraft bestimmen, sehr hochentwickelte, subtile Methoden. Charakteristisch für moderne Materialforschung ist der sogenannte "Multimethodenansatz". Er bringt mehrere, einander ergänzende Untersuchungsmethoden gleichzeitig zum Angriff. Sie reichen von der Größenordnung der einzelnen Atome bis zu jener der Kristallkörner. Dementsprechend wird ein Dimensionsbereich von 1: 10 000 000 überstrichen. In der Regel muß neben struktureller Information auch chemische erfaßt werden.

Das Erich-Schmid-Institut für Festkörperphysik darf in Anspruch nehmen, ein sehr geeigneter Träger solcher Multimethoden-Techniken in einem österreichischen Netzwerk für Materialforschung zu sein. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften unternimmt zur Zeit große Anstrengungen, eine diesem Anspruch gerecht werdende Wiederbesetzung der erwähnten Stelle zu erreichen. Sie tut dies nicht zuletzt auch im Hinblick auf ihr Streben nach Spitzenqualität ihrer Institute im internationalen Rahmen, wie sie etwa in Deutschland durch die Max-Planck-Institute verkörpert wird.

Sehr geehrte Anwesende!

Möglicherweise hat der vorgelegte Bericht bei Ihnen Assoziationen mit dem Begriff Stückwerk ausgelöst. Wenigstens zu einem Teil sind solche Assoziationen wohl der Heterogenität der Berichtsmaterie zuzuschreiben. Sie steht dem Bemühen des Berichterstatters entgegen, die einzelnen Berichtsabschnitte zu einem homogenen Ganzen zusammenzufügen.

Worauf der Begriff Stückwerk jedenfalls zutrifft, ist menschliches Erkennen. Zu der mit wissenschaftlichen Methoden betriebenen Zusammenfügung dieses Stückwerks zu weitreichenden wissenschaftlichen Erkenntnissen hat die jubilierende Akademie in den 150 Jahren ihres Bestehens direkt und indirekt viele wertvolle Beiträge geleistet. Es sind dies Beiträge zur Erfüllung ihres Auftrags der Förderung der Wissenschaft. Dabei mögen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auch in Zukunft große Erfolge beschieden sein, ihr zur Ehre und der Republik Österreich zum Wohl.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


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Letzte Änderung: 13.11.1997 22:33