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Die eigene Kreativität und alle Sinne anregen - das ist das Geheimnis guter Wissensvermittlung. Doch Kinder und Jugendliche sind auch aufmerksame Zuhörer und scharfe Kritiker - sie zwingen Wissenschaftler(innen) zur Reflexion ihrer eigenen Forschungsarbeit.

Wie kann man Geschichte schon den Kleinsten näherbringen? Sie zu "erzeichnen" ist eine der Antworten. Anlässlich der Langen Nacht der Forschung 2009 stellte die Kommission für Kunstgeschichte der ÖAW unter dem Titel "Wie erzählt Kunst Geschichte?" ihre aktuellen Forschungsprojekte zur Wiener Hofburg und zur mittelalterlichen Glasmalerei vor. Teil des Programms war auch ein Malwettbewerb für Kinder, bei dem es galt das Schweizertor oder ein mittelalterliches Glasfenster individuell zu gestalten. Als Preis lockte eine Führung unter dem Motto "Ein Blick hinter die Kulissen der Hofburg". Der Wettbewerb wurde von den Kindern freudig aufgenommen, sie zeichneten fleißig und Anfang März 2010 fand die versprochene Führung statt: Über 20 Kinder nahmen mit ihren Eltern an diesem Rundgang zu versteckten und unbekannten Orten der Hofburg teil und erforschten gemeinsam mit Mitarbeiter(inne)n des Hofburgprojekts die Wiener Residenz vom Dachboden bis in den Keller.

Die Kreativität anregen

Auch die gemeinsam von der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin und der Bibliothek der ÖAW betreute Sammlung Woldan setzt auf einen die eigene Kreativität anregenden Zugang und zeigt, wie der Globenbau in der Praxis funktioniert. Mitmachen ist erwünscht: Im Rahmen des Science-Center-Netzwerkprojekts "Grenzgenial" leitet Gerhard Holzer im Sommer 2010 einen Workshop, bei dem 10- bis 13-Jährige lernen, selbst einen Globus zu bauen, den sie natürlich dann auch mit nach Hause nehmen können. "Die Hauptaufgaben außerschulischer Einrichtungen, die sich mit Wissensvermittlung an Jugendliche wenden, liegt sicherlich nicht in der Weitergabe von reinem Fachwissen. Es geht hier vielmehr darum ein 'Bewusstsein' für das jeweilige Fachgebiet in Bezug auf die weiteren beruflichen oder geistigen Ziele der jungen Menschen zu vermitteln", ist Holzer überzeugt. So soll auch beim Globen-Workshop anhand von zeitgenössischen Darstellungen und Geschichten aus der Entdeckungsgeschichte die Neugierde geweckt werden zu erfahren, wie Menschen in vergangenen Jahrhunderten den Planeten, auf dem sie lebten, gesehen haben. Durch das "Selbsterbasteln" wird greifbar, wie sich aus einem theoretischen antiken oder mittelalterlichen Weltbild nach und nach ein reales Bild der Welt in Form von Weltkarten oder Globen entwickelte.

Alle Sinne ansprechen

Alle Sinne ansprechen: Das ist das Geheimnis guter Wissensvermittlung. Und diese kann durchaus durch den Magen gehen. So zeigte sich die Kommission für Ägypten und Levante bei der letzten Langen Nacht der Forschung von der kulinarischen Seite und präsentierte Kostproben aus der altägyptischen Küche. Das Phonogrammarchiv stellte Schallplatten aus Schokolade her. Für mongolische Alltagsstimmung sorgte eine Original-Jurte (Zelt der Nomaden in Zentralasien). Darbietungen antiker Musik auf rekonstruierten Instrumenten ließen Musik wieder auferstehen, wie man sie für die alten Götter gespielt hatte. Diesen Blick in vergangene Lebenswelten bringen ÖAW-Forscher wie Stefan Hagel von der Kommission für antike Literatur auch in die Schulen, in die der Klassische Philologe mit seinen antiken Saiten- und Blasinstrumenten immer wieder eingeladen wird. "Viele Jugendliche sind sehr schnell interessiert, wenn sie merken, hier passiert wirklich Wissenschaft - das bedeutet aber auch, dass man ihnen von methodischen Problemen und offenen Fragen erzählen muss", beschreibt Hagel seine Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern.

Die Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin arbeitet schon seit 20 Jahren mit Allgemeinbildenden Höheren Schulen in Österreich, Deutschland und der Schweiz zusammen. Eines der Themen, das die Physikerin Lore Sexl gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern erarbeitet, ist die Geschichte von Radioaktivität und Kernphysik (1896-1938), zu dem das Archiv der ÖAW mit über 3000 Dokumenten aus der Frühzeit der Kernphysik reichlich Material liefert: Das Archiv beherbergt die Akten des weltweit ersten Instituts für Kernforschung, des Instituts für Radiumforschung, inklusive eines 150 Briefe umfassenden Briefwechsels zwischen Marie Curie und Stefan Meyer.

Wissenschaftskommunikation ist keine Einbahnstraße

Kinderunis Wien und Steyr, Schlaufuchsakademie Wels, Girls' Day: Das Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika ist in der Nachwuchsförderung ebenso seit mehreren Jahre aktiv. In Österreich werden Lexikographinnen und Lexikographen nicht universitär ausgebildet, die Wege zum Beruf sind nicht selten verschlungen. "Wir möchten die Vielseitigkeit der Arbeit kommunizieren und für Interessierte eine Tür zum Ausloten aufstoßen", so Eveline Wandl-Vogt. Ihr besonderes Anliegen ist, wissenschaftliches Bewusstsein auch außerhalb urbaner Ballungszentren zu schaffen. Dabei ist Wissenschaftskommunikation für die Lexikographin keine Einbahnstraße: "Kinder sind unsere aufmerksamsten Zuhörer und schärfsten Kritiker. Ihre Neugier ist uneigennützig und wenn sie etwas wissen wollen, lassen sie nicht locker, bevor sie eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Auf diese Weise zwingen sie uns, unsere Forschungsfragen auf das Wesentliche zu brechen und zu kristallisieren."

Auch Ekaterini Mitsiou, Mihailo Popović und Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Byzanzforschung wissen, dass Kinder und Jugendliche keineswegs unterschätzt werden sollten: "Sie wissen in der Regel viel und sind sehr neugierig". Die drei Forscher(innen) konzipieren seit mittlerweile drei Jahren die Instituts-Aktivitäten zur Nachwuchsförderung und konnten bei Veranstaltungen wie der Kinderuni Wien oder den Wiener Science Lectures, die vom Stadtschulrat für Wien in Kooperation mit Forschungseinrichtungen organisiert werden, bereits zahlreiche Erfahrungen im direkten Kontakt Forscher(in) - Schüler(in) sammeln. "Wir versuchen, solche Themen zu wählen, bei denen sich ein Bezug zur praktischen 'Lebenswirklichkeit' herstellen lässt, also etwa, indem wir ein Thema mit Menschen, Monumenten, Sprachen oder Begrifflichkeiten verknüpfen, die Kinder und Jugendliche im Alltag, in der Schule oder auf einer Urlaubsreise kennengelernt haben könnten."

Raum für Diskussion schaffen

Wie viele andere ÖAW-Einrichtungen ist das Institut für Byzanzforschung regelmäßig bei der Langen Nacht der Forschung dabei. "Die Lange Nacht der Forschung ist eine großartige Gelegenheit, viele Menschen mit der Vielfalt an Forschung vertraut zu machen", sind sich Mitsiou, Popović und Preiser-Kapeller einig. Besonders wichtig für die Forscher(innen) ist, dass es einen frei zugänglichen Raum für die Kommunikation zwischen Forscher(inne)n und Publikum gibt. "Wir haben beobachtet, dass Besucher aller Altersgruppen mit großer Begeisterung die Gelegenheit ergreifen, ihre Erfahrungen und Fragen mit Fachleuten diskutieren zu können."

Dass 2010 die Lange Nacht der Forschung nicht stattfinden wird, finden die Forscher(innen) angesichts ihrer positiven Erfahrungen schade, sehen aber in der Kinderuni oder den Wiener Science Lectures alternative Möglichkeiten Kinder und Jugendliche mit Wissenschaft vertraut zu machen. Die Lexikographin Eveline Wandl-Vogt plädiert für mehr Eigeninitiative: "Es sollten nicht nur die gebotenen Möglichkeiten Chancen schaffen, sondern wir sollten uns aktiv Möglichkeiten schaffen und dadurch Chancen." Thilo Sauter, Direktor des Instituts für Integrierte Sensorsysteme, findet härtere Worte: "Es ist aus meiner Sicht eine unverständliche und kurzsichtige Entscheidung, eine überaus erfolgreiche Veranstaltung wie die Lange Nacht der Forschung, die mit extrem kleinem Budget eine enorme Zahl enthusiastischer Wissenschaftler und -innen mobilisiert und der Öffentlichkeit wie selten zuvor die Vielfalt von Wissenschaft und Forschung nahebringt, nicht kontinuierlich weiterzuführen."


Mai 2010
Die Sorge um den wissenschaftlichen Nachwuchszurück top end

 
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Last update: 2011/04/21
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