|
|
 |
 |
|
|
|
Schriftliche Quellen aus der Ur- und Frühgeschichte sind rar. Daher sind archäologische Quellen wie Keramikfunde oft die einzige Möglichkeit, etwas über die damaligen Kulturen zu erfahren. Mit der Sammlung Schachermeyr befindet sich eine einzigartige Sammlung prähistorischer Keramikfragmente im Besitz der ÖAW.
In der Ur- und Frühgeschichte waren Keramikgefäße fester Bestandteil des täglichen Lebens. Dementsprechend reich sind die der Nachwelt erhaltenen Funde. Deshalb sind besonders Keramikfragmente für Forscherinnen und Forscher eine entscheidende Erkenntnisquelle, ohne die sich kein differenziertes Bild der damaligen Zeit zeichnen ließe: Als eines der wichtigsten Artefakte war Keramik weit verbreitet und für Zeit wie Ort charakteristisch, schriftliche Quellen sind hingegen rar gesät oder gar nicht vorhanden.
Die Keramikfragmente - von den Forscherinnen und Forschern liebevoll "Scherben" genannt - geben Auskunft über gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen innerhalb der Gemeinschaften. Keramikgefäße wurden beim Essen und Trinken verwendet, für die Lagerung oder zum Kochen. Die Scherben verraten aber auch viel über die wirtschaftlichen sowie kulturellen Beziehungen zwischen den damaligen Kulturen. So lassen sich in thessalischer Keramik balkanische wie anatolische Einflüsse finden. Und so manches neolithische Keramikgefäß hat es von Thessalien bis nach Albanien verschlagen.
Die Sammlung Fritz Schachermeyr
Wesentlich für die Forschung ist, dass sich chronologische Abläufe anhand der Entwicklungen der Keramikgattungen rekonstruieren lassen. Die Mykenische Kommission der ÖAW beherbergt mit der Sammlung Schachermeyr eine vor allem für die Erforschung des ägäischen Raumes bedeutsame Scherbenkollektion. Sie besteht aus rund 2000 Keramikfragmenten aus dem gesamten östlichen Mittelmeerraum von der Jungsteinzeit bis zum Ende der Bronzezeit, wobei der ägäische Raum chronologisch sogar vollständig abgedeckt ist.
Fritz Schachermeyr war ein leidenschaftlicher Sammler und hat verschiedene Grabungsstätten besucht sowie an Grabungen aktiv teilgenommen. Seine Sammeltätigkeit begann er 1924, als er das erste Mal in Griechenland war. Zu dieser Zeit hat die Gesetzeslage in den von ihm besuchten Ländern das Sammeln von Keramikfragmenten und deren Ausfuhr noch erlaubt. Das ist heute nicht mehr so. "Die Bestände, die wir besitzen, sind spätestens in den 1950er Jahren nach Österreich gekommen", erklärt Sigrid Jalkotzy-Deger, Obfrau der Mykenischen Kommission und Vizepräsidentin der ÖAW.
Als echter Keramikkenner hat Schachermeyr die Stücke für seine Sammlung sehr bewusst ausgewählt. Bereits zu seinen Lebzeiten war seine Sammlung berühmt: "Forscher aus aller Welt wollten sie sehen und Schachermeyr führte sie auch gerne und mit großem Stolz vor", erinnert sich Jalkotzy-Deger, die ihre wissenschaftliche Karriere als Forschungsassistentin bei Fritz Schachermeyr begann.
Blick in die Forschung
Die Erforschung von Scherben erfordert einen Blick fürs Detail, zeichnerisches Talent sowie Teamarbeit. Die Tonbeschaffenheit wird ebenso studiert wie Bemalung und Form. Wo das Auge nicht reicht, werden Lupe und Mikroskop zu Hilfe genommen. "Zur Analyse der Tonbeschaffenheit arbeiten wir auch mit Geologen zusammen, die anhand von Dünnschliffen Einschlüsse in der Keramik bestimmen", erläutert Eva Alram von der Mykenischen Kommission, die Fritz Schachermeyrs letzte Publikation, "Die neolithische Keramik Thessaliens", nach seinem Tod für die Veröffentlichung bearbeitet hat. Anhand dieser Einschlüsse kann bestimmt werden, woher der Ton kommt, aus dem ein Gefäß gebrannt worden war. Von jeder Scherbe werden eine Draufsicht und ein Profil gezeichnet. Aus dem Profil lässt sich dann die Form des ursprünglichen Gefäßes extrapolieren.
Bedeutende Lehrsammlung
Fritz Schachermeyr hat seine Sammlung der Mykenischen Kommission testamentarisch vermacht mit der Auflage, dass sie der Fachwelt zugänglich gemacht wird. "Für uns war das ein besonderes Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit. Er wollte seine Sammlung nicht in alle Winde zerstreuen und er wollte vor allem, dass sie in die Obhut einer Institution kommt, die die Bedeutung des Materials und seinen wissenschaftlichen Wert versteht", so Jalkotzy-Deger.
Aber auch der wissenschaftliche Nachwuchs sollte von seiner Sammlung profitieren. Jalkotzy-Deger: "Schachermeyr selbst hat anhand seiner Sammlung zahlreiche Studentinnen und Studenten ausgebildet. Sie ist ein hervorragendes Instrument für den akademischen Unterricht." Und dafür wird sie auch heute noch verwendet. Durch die Sammlung haben die Studentinnen und Studenten die Möglichkeit, direkt am Originalmaterial und nicht nur anhand von Fotos und Literatur zu lernen - und so diese lang vergangene Zeit und ihre Kulturen sinnlich zu begreifen.
Publikationen:
Schachermeyr, Fritz (†), Sammlung Fritz Schachermeyr: Die neolithische Keramik Thessaliens. Aus dem Nachlass bearbeitet von Eva Alram-Stern. Veröffentlichungen der Mykenischen Kommission 13, Wien 1991. (Dph 220)
Reinholdt, Claus, Sammlung Fritz Schachermeyr, Faszikel II: Die Keramik aus der Levante und dem Vorderen Orient. Veröffentlichungen der Mykenischen Kommission Band 19, Wien 2001.
Publikationen in Vorbereitung:
Horejs, Barbara / Pavúk, Peter: Die mittel- und spätbronzezeitliche Keramik Zentral- und Nordgriechenlands aus der Sammlung Schachermeyr (Arbeitstitel).
Jung, Reinhard: Die mykenische Keramik von Lipari / Italien. Gemeinsam mit Studierenden des Zentrums für Archäologie und Altertumswissenschaften, Salzburg.
Kontakt:
Mykenische Kommission
Zentrum Archäologie und Altertumswissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
www.oeaw.ac.at/myken
Prof. Dr. Sigrid Jalkotzy-Deger
sigrid.deger-jalkotzy@oeaw.ac.at
Dr. Eva Alram
eva.alram@oeaw.ac.at
Jänner 2010
|
|
|
Sammlung Woldan
Im Auftrag der Akademie
|
|
|
|
 |