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Vom Briefwechsel zwischen Marie Curie und Stefan Meyer bis zu Abfällen aus dem 18. Jahrhundert - das Archiv der ÖAW beherbergt wertvolle Schätze und auch manche Skurrilität. Archivleiter Stefan Sienell im Gespräch mit Martina Gröschl.
Was ist ein Archiv?
Sienell: Jeder von uns hat zu Hause ein kleines Archiv. Es enthält all jenes, was man im Moment nicht mehr braucht, aber doch zu wichtig findet, um es einfach wegzuwerfen: alte Zeugnisse, Impfunterlagen und dergleichen. Im Fall der ÖAW handelt es sich um diverse Schriftwechsel, Tagungs- oder Expeditionsvorbereitungen oder Sitzungsprotokolle. Dazu kommen der ÖAW vermachte Nachlässe oder manches eher unerwartete Archivgut wie die Volkszählungslisten aus Albanien aus dem Jahre 1918 die von einem k.u.k.-Offizier vor der Vernichtung nach Wien gerettet und aufgrund seiner persönlichen Kontakte zu einem Akademie-Mitglied in den Besitz der ÖAW gekommen sind. Wesentlich zur Charakterisierung eines Archivs ist, dass es im Unterschied zur Bibliothek Schriftgut sammelt. In der Bibliothek befindet sich das gedruckte Wort, im Archiv das geschriebene Wort.
Was sind die Aufgaben eines Archivars?
Sienell: Einmal die Erfassung, Bewertung und Übernahme von Schriftgut. Als nächstes muss das Material erschlossen werden - das heißt sinnvoll geordnet und so aufbereitet werden, dass es möglichst lange erhalten bleibt. Zum Beispiel müssen Metallklammern entfernt werden, da sie langfristig gesehen das Papier zerstören. Weitere wesentliche Aufgaben des Archivars sind die Bestandssicherung - das heißt dafür zu sorgen, dass das Material klimatisch so aufbewahrt wird, dass es nicht verrottet - und natürlich die Bereitstellung für die interne und - nach einer Schutzfrist von 30 Jahren - auch externe Nutzung. Externe Nutzer sind vor allem Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker, die Hintergrund-Informationen beispielsweise zur Organisation vergangener Forschungsreisen recherchieren wollen.
Ich stelle auch in Vorträgen und Publikationen immer wieder die Bestände des ÖAW-Archivs vor, die ja - wie das Beispiel der albanischen Volkszählungslisten zeigt - nicht immer offensichtlich sind. Ebenso weise ich auf Forschungsmöglichkeiten hin: Zum Beispiel war das weltweit erste Institut für Kernforschung, das Institut für Radiumforschung, ein Akademie-Institut und wir beherbergen die Akten dieses Instituts inklusive einer rund 150 Briefe umfassenden Korrespondenz zwischen Marie Curie und Stefan Meyer. Das ist natürlich nicht nur für die Erforschung der Geschichte der österreichischen Kernforschung hochinteressant.
Der Briefwechsel zwischen Marie Curie und Stefan Meyer ist besonders wertvoll. Welche Schätze finden sich noch im ÖAW-Archiv?
Sienell: Wir verwahren auch Briefe von Albert Einstein und Friedrich Gauss. Ebenfalls im Besitz der ÖAW ist eine wertvolle Sammlung von Abklatschen der Inschriften des Philae-Tempels, die in den Jahren 1908 und 1910 im Zuge zweier von der Akademie organisierter Expeditionen gemacht wurden. Der Philae-Tempel erlitt ja durch den Bau des Assuan-Staudamms ein ähnliches Schicksal wie Abu Simbel. Es musste abgetragen und etwas erhöht wieder aufgebaut werden.
Eine wirkliche Besonderheit sind die Funde, die man Anfang der 1970er Jahre in den Fundamenten des Hauptgebäudes der ÖAW gemacht hat, als der Keller renoviert wurde. Es fanden sich von Keramik über Tierknochen bis zur Türangel verschiedene Alltagsgegenstände aus der Zeit als das Gebäude der Akademie errichtet worden war. Diese waren seinerzeit als Abfall in die Baugrube geworfen worden. Das ist für die Forschung eine spannende Quelle, weil man daraus zum Beispiel rekonstruieren kann, was die Menschen damals gegessen haben. Diese Funde wurden sogar publiziert und die Originale sind im Archiv der ÖAW gelandet.
Werden die Schätze des Archivs auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
Sienell: Wir planen jährlich eine kleine Ausstellung zum Thema "Geschichten aus der Geschichte", in der in Kurzgeschichten episodenhaft Interessantes aus der Geschichte der ÖAW vorgestellt wird - beispielsweise die legendäre Verleihung des Grillparzer-Preises 1971 an Thomas Bernhard, die er ja auch literarisch verarbeitet hat. Die nächste Ausstellung wird im Frühjahr 2010 stattfinden.
Gibt es Angebote für Schüler(innen) und/oder Student(inn)en?
Sienell: Im ÖAW-Archiv können Übungen für Student(inn)en abgehalten werden. Ein Forschungsseminar vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien ist beispielsweise zu einer quellenkundlichen Übung da gewesen und im Jänner kommt eine Gruppe von Student(inn)en vom Institut für vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft zu einer schriftenkundlichen Übung.
Wie haben digitale Medien die Archivarbeit verändert?
Sienell: Faktisch gilt: Was nicht ausgedruckt wird, hat nur geringe Überlebenschancen. Heute wird viel über E-Mail kommuniziert und vieles davon muss nicht archiviert werden. Die einzelnen Forschungseinrichtungen und Verwaltungsstellen der ÖAW entscheiden selbst, was sie ausdrucken und schließlich ins Archiv geben wollen. Mit ausgedruckten Unterlagen haben wir keine Probleme bei der Langzeitarchivierung. Kritisch kann es werden, wenn wir Unterlagen in digitaler Form ins Archiv bekommen, die zehn, zwanzig Jahre alt sind - wie beispielsweise Disketten, die dann entweder bereits kaputt sind oder für die die zum Aufrufen benötigte Hard- und/oder Software nicht mehr zur Verfügung steht. Hier heißt das Zauberwort "digitale Langzeitarchivierung". Das ist natürlich leichter gesagt als getan - wir wissen nicht, welche Medien in 50 Jahren verwendet werden. Woran wir im Moment glauben, ist PDF/A, eine archivierungsfähige Version des PDF. Jeder Medienwechsel in der Geschichte war immer mit Informationsverlust verbunden: zum Beispiel von der Wachswalze zur Schellack-Platte, von der Schellack-Platte zum Vinyl, vom Vinyl zur CD. Wenn Sie ganz sicher sein wollen, eine Information über lange Zeit zu erhalten, dann müssen Sie sie - etwas überspitzt formuliert - in Stein meißeln. Eine gute Lösung für die Langzeitarchivierung von Schriftgut ist die Mikroverfilmung, ein analoges Verfahren. Man muss hier jedoch Kosten und Nutzen abwägen: Die wichtigen und häufig verwendeten Bestände des Archivs - wie beispielsweise die Akten des Instituts für Radiumforschung - sind komplett mikroverfilmt. Das rentiert sich auch, weil der Bestand sehr wertvoll ist und auch nicht allzu viel bewegt werden sollte.
Zur Person:
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Stefan Sienell wurde 1966 in Hannover geboren. Er studierte Geschichte und Germanistik in Köln, Graz und Wien und absolvierte von 1992 bis 1995 den Ausbildungskurs am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. 1998 schloß er seine Dissertation über "Die Geheime Konferenz unter Kaiser Leopold I." ab. Er war zunächst zwei Jahre bei der Historischen Kommission der ÖAW tätig, bevor er im Jahre 2000 die Leitung des Archivs der ÖAW übernahm.
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Kontakt:
Mag. Dr. Stefan Sienell
Bibliothek & Archiv
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2, 1010 Wien
T +43 1 51581-1258
stefan.sienell@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/biblio
Jänner 2010
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Home
Sammlung Woldan
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