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Sie waren das Nonplusultra der eleganten Wohnkultur. Mozart, Haydn oder Beethoven komponierten speziell für sie. Das Phonogrammarchiv der ÖAW hat nun anlässlich des Joseph-Haydn-Jahres 2009 die Aufnahmen aller bekannten Flötenuhren mit Werken des österreichischen Komponisten auf CD gepresst.

Pater Primitivus Niemecz war nicht nur Hofkaplan und Bibliothekar in Diensten des Fürsten Esterhazy. Seine große Leidenschaft galt der Konstruktion von Musikautomaten. Dieser und seiner engen Freundschaft mit Joseph Haydn verdankt die Nachwelt Kleinode, die nun anlässlich des Joseph-Haydn-Jahres 2009 von Helmut Kowar im Verlag der ÖAW auf CD herausgegeben worden sind: die Aufnahmen aller heute bekannten Flötenuhren mit Stücken von Joseph Haydn, die der österreichische Komponist speziell für die Musikautomaten komponiert hat.

Das Nonplusultra der eleganten Wohnkultur

Flötenuhren waren das Nonplusultra der eleganten Wohnkultur. Umgerechnet auf heutige Maßstäbe würden sie je nach Ausstattung so viel wie ein Mercedes kosten. Die auf der CD präsentierten Flötenuhren entstanden zwischen 1792 und 1798. "Zwei davon sind von Niemecz signiert und datiert, zwei weitere können ihm aufgrund ihrer Bauweise zugeordnet werden", sagt Helmut Kowar vom Phonogrammarchiv. Ein besonderes Stück ist die fünfte Uhr der CD: Sie wurde vom Orgel- und Klaviermacher Johann Joseph Wiest gebaut und lange Zeit wurde angenommen, dass auf ihr Stücke von Mozart zu finden seien. Bis zur Wiederherstellung der Uhr vor wenigen Jahren, wo man zur großen Überraschung feststellen musste, dass nur vier Takte der Musik von Mozart stammten - der Rest waren wohlbekannte Stücke von Joseph Haydn.

Auf die Sekunde genau komponieren

Im Gegensatz zu den späteren Uhren waren jene für die Haydn komponiert hatte noch eng an ihre Funktion gebunden: Ihre Aufgabe war, den vollen Stundenschlag mit besonderer Musik zu veredeln. Kowar: "Daher war es üblich, Uhren mit zwölf Stücken auf einer Walze zu bauen." Die Kreation einer Flötenuhr war sowohl für den Erbauer, als auch dem Komponisten eine besondere Herausforderung. Das Spielwerk musste klein genug sein, um in die damals üblichen Kommodenuhren hineinzupassen. Die Walzen, auf denen die Musikstücke gesetzt wurden, waren derart miniaturisiert - der Querschnitt eines Stiftes auf der Walze misst 0,25 mal 0,8 Millimeter -, dass der Komponist sein ganzes Können in maximal und vor allem ziemlich genau 40 bis 50 Sekunden unterbringen musste. Darüber hinaus mussten zu lange und zu tiefe Töne vermieden werden, da ihnen beim Abspielen sonst buchstäblich die Luft ausgeht. "Lange und tiefe Töne sind überhaupt der Tod eines Flötenwerkes", so Kowar. Eine weitere Herausforderung war der beschränkte Tonumfang: Die Niemecz-Uhr von 1792 hat beispielsweise 17 Töne, mit denen es auszukommen galt.

Haydn bemühte sich redlich, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Mit zu langen und tiefen Tönen hatte der Komponist schon allein aufgrund des Stils der verwendeten Musikstücke keine Probleme. Der begrenzte Tonumfang inspirierte Haydn sogar zu kompositorischen Höchstleistungen. Sein Erfolg bezüglich der exakten Zeitgestaltung war jedoch durchwachsen. Kowar: "Auf der Wiest-Uhr ist ein Stück zu finden, das, obwohl Haydn schon acht Takte dazukomponiert hatte, immer noch um 20 Sekunden zu kurz ist." Andere Stücke waren wiederum zu lange geraten und mussten gekürzt werden.

Komponieren ohne physiologische Einschränkung

Die Miniaturisierung zwang jedoch nicht nur den Komponisten zur Präzision. "Das kleine Spielwerk ermöglichte durch die geringen Winddrücke und kurzen Wege der Mechanik auch eine hohe Präzision des Spielens", erklärt Kowar. Die Folge ist eine ungewöhnliche Brillanz, die zusammen mit der für das ungeübte Ohr hohen Geschwindigkeit fern jeder physiologischen Einschränkung, den Hörer zu einer neuen Art des Zuhörens bringt. Auch dass sich die Komponisten beispielsweise mit Parallel-Trillern in so vielen Stimmen wie sie wollten austoben konnten - Mozart ließ sich genau diesen Kunstgriff nicht entgehen -, sorgt für einen ungewohnten Hörgenuss.

Die Flötenuhren sind für die heutige Aufführungspraxis vor allem bezüglich der Artikulation aufschlussreich. Die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten lässt auf ein "Richtig ist, was gefällt, nur wiederholen soll sich nichts" schließen und vermittelt die Freiheit der Interpretation und die Fantasie der Menschen der damaligen Zeit.

Der heutigen Abspielpraxis stellt sich die Frage nach der tatsächlich passenden Geschwindigkeit. Hinweise ergeben sich aus der Konstruktion des Spielwerks: Drosselt man die Geschwindigkeit zu sehr, geht den längeren Tönen wie bereits erwähnt die Luft aus. "Auch wenn man die einzelnen Töne eines Trillers gut hören kann und sie ihre Exaktheit verlieren, ist das Tempo definitiv zu langsam", betont Kowar. Ein zu schnelles Abspielen ist ebenfalls möglich - hier werden manche Töne dann kaum mehr angespielt - das Werk spielt zu schnell.

Unhörbar bis verschollen

Fünf Flötenuhren sind auf der CD zu hören. Niemecz selbst erwähnte noch eine weitere, die jedoch bis heute verschollen ist. Kowar: "Diese Uhr hat nie jemand gesehen." Auch die Geschichte beziehungsweise Aufnahme der bekannten Uhren gestaltete sich zuweilen abenteuerlich: "Von einer der Uhren - der so genannten Teubner-Uhr - lag nur eine abgrundtief schlechte Aufnahme aus dem Jahr 1971 vor - sowohl was die Ton- als auch die Abspielqualität des Instruments betrifft", so Kowar, "hier hat unsere Tontechnikerin Nadja Wallaszkovits wahre Kunststücke vollbracht und die Qualität entscheidend verbessert". Das heute funktionsuntüchtige Flötenwerk befindet sich in der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien. Die Uhr von 1792 - die so genannte Urban-Uhr - war seit den 1950er Jahren verschollen. Helmut Kowar konnte sie mit Hilfe von Tipps und zahlreichen Telefonaten im Jahr 1996 in Deutschland aufspüren. Sie war in Privatbesitz. Der Eigentümer hatte die Uhr von seiner Tante geerbt.


Weitere Informationen zur CD
CD-Präsentation: Joseph Haydn - Sämtliche Flötenuhren
Mehr zur Wiest-Uhr: eine verkannte Flötenuhr
Video: Flötenwerk von 1793 mit einer Komposition von Joseph Haydn


Kontakt:
Univ.-Doz. Dr. Helmut Kowar
Phonogrammarchiv
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Liebiggasse 5, 1010 Wien
T +43 1 4277-29604
helmut.kowar@oeaw.ac.at
www.pha.oeaw.ac.at


November 2009
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Last update: 2010/01/11
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