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Heldenplätze sind als politische Bühne nicht nur historisch interessant, sondern lassen darüber hinaus aktuelle gesellschaftliche Konfliktlinien erkennen. Peter Stachel vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW vergleicht west- und mitteleuropäische Heldenplätze und sieht mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen.

Heldenplätze sind politische Plätze. Wer sie bespielen darf, sagt viel darüber aus, was in einer Gesellschaft als politische legitim, was zweitrangig und was als illegitim empfunden wird. Dabei spielt der Bezug auf die Geschichte immer eine bedeutende Rolle. Oft stehen hier imposante und für das Selbstverständnis des Landes zentrale Denkmäler, wie etwa das Brandenburger Tor in Berlin oder der Triumpfbogen in Paris. Der Heldenplatz in Wien hat seinen Namen von den beiden Reiterstandbildern von Erzherzog Karl und Prinz Eugen aus den 1860er Jahren. Beide Persönlichkeiten genossen damals hohes symbolisches Ansehen. Name und Ort des Wiener Heldenplatzes ist aber im heutigen öffentlichen Bewusstsein stark mit der Anschlusskundgebung und mit der bejubelten Rede Adolf Hitlers am 15. März 1938 verbunden. Die kulturwissenschaftliche Heldenplatz-Forschung fragt nun nicht nur nach historischen Daten, sondern analysiert die Nutzungsformen des Platzes im gesellschaftlichen Kontext bis in die Gegenwart.

Im Fall des Wiener Heldenplatzes erkennt man, dass alle aktuellen politischen Aktivitäten am Heldenplatz direkt oder indirekt auf die damalige Kundgebung als eine Kapitulation vieler Österreicher(innen) vor dem Nationalsozialismus Bezug nehmen. Ein Denkmal, das der Erinnerung an den März 1938 ein republikanisches Symbol gegenüberstellt, gibt es allerdings auch nach mehr als 60 Jahren demokratischer Entwicklung nicht. Peter Stachel vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, sieht als gemeinsames Merkmal von Heldenplätzen, dass sie von Machtträgern und politischen Öffentlichkeiten zur Selbstdarstellung "besetzt" werden. Das kann in dauerhafter Form durch die architektonische Gestaltung beziehungsweise temporär durch Kundgebungen stattfinden. Das ist eine wichtige Form der politischen Auseinandersetzung auf einer symbolischen Ebene. "Es geht um die Einbeziehung von Heldenfiguren und historischen Ereignissen in die aktuelle Politik. Und weil solche Formen der politischen Heldenverehrung in der politischen Praxis immer noch sehr gut funktionieren, müssen wir sie analysieren", erklärt Peter Stachel.

Heldenplätze in West- und Mitteleuropa

Fast jede Hauptstadt verfügt über einen, meist in der Nähe wichtiger politischer und kultureller Institutionen gelegenen, Platz, der Denkmäler der nationalen Geschichte enthält und für politische Akte der Staatsmacht ebenso genützt wird, wie für Demonstrationen einer kritischen Gegenöffentlichkeit. Es gibt Heldenplätze, die wie in Wien, Berlin oder Budapest, mit dramatischen (und traumatischen) Erinnerungen in Zusammenhängen stehen; und andere, die wie in Paris eher die Größe der Nation repräsentieren. "Erstaunlich ist aber der Umstand, dass es in Europa weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt: Das geht bis hinein in bestimmte Formen der Gedenkkultur wie beispielsweise 'Das Grab des unbekannten Soldaten'", so Stachel.

Die meisten der Heldenplätze in West- und Mitteleuropa sind in ihren Ursprüngen im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen entstanden. Der älteste dieser politischen Plätze ist in Berlin der Stadtraum Unter den Linden - Pariser Platz mit dem zentralen Bezugspunkt des Brandenburger Tors. Der Komplex entstand noch im 18. Jahrhundert, bekam aber seine Bedeutung für die deutsche Nation mit dem Sieg über Napoleon bei Leipzig 1813. Damals konnte die das Tor ursprünglich krönende, und später von Napoleon "entführte" Quadriga (Viergespann) zurückerobert werden. Der Raum um das Brandenburger Tor wurde und wird für politische Kundgebungen genutzt: So wurde beispielsweise Hitlers Machtergreifung am 30. Jänner 1933 mit Kundgebungen und militärischen Paraden an diesem Ort zelebriert. Nach 1945 beziehungsweise nach dem Mauerbau 1961 verwandelte sich das Tor zum Symbol der Teilung Deutschlands. In Folge der Ereignisse vom November 1989 wurde es in genau entgegen gesetzter Bedeutung zum Symbol der Überwindung eben dieser Teilung.

Bewusst als politische Plätze konzipiert waren - in Paris - der Étoilé mit dem Arc de Triomphe und der Avenue des Champs-Élysées und - in London - der Trafalgar Square. Beide entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurden vorbildlich für das Konzept des politischen Platzes in Europa. Auf Pariser Vorbild geht auch die nachträgliche Einbeziehung des 'Grabes des unbekannten Soldaten', als Form des Gedenkens an das anonyme Massensterben im 1. Weltkrieg, zurück. Paris als Beispiel ist darüber hinaus interessant, weil es hier mehrere politische Plätze mit gegensätzlicher Aufladung gibt: Staatspolitisch bedeutsame oder militärisch konnotierte Inszenierungen finden auf den Champs-Élysées und dem Étoilé statt. Die Kundgebungen einer Gegenöffentlichkeit führen traditionellerweise von der Place de la Bastille zur Place de la Republique.


Das aktuelle Projekt:
Peter Stachel wird das Projekt Heldenplätze im internationalen Vergleich in Kürze abschließen. Die Analyse der Entstehungsgeschichte und die Nutzungsformen des Typus "Heldenplatz / Politischer Platz" im Sinne von "symbolischer Politik" in europäischer, vergleichender Perspektive wird er in einer Monographie veröffentlichen.

Publikation:
Peter Stachel: Mythos Heldenplatz. Wien 2002. Monographie über den Wiener Heldenplatz Rudolf Jaworski und Peter Stachel (Herausgeber): Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Berlin 2007


Kontakt:
Dr. Peter Stachel
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Zentrum Kulturforschungen
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Postgasse 7/4, 1010 Wien
T +43 1 51581-3318
peter.stachel@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt


September 2009
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Last update: 2010/01/08
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