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Wird das Immunsystem älter, können schon das ganze Leben im Körper unbemerkt vorhandene Viren plötzlich zum Problem werden und Krankheitserreger, gegen die man sich geschützt glaubte, wieder zuschlagen. Wissenschafter(innen) am Institut für Biomedizinische Alternsforschung der ÖAW erforschen die Prozesse im alternden Immunsystem und entwickeln Strategien für ein möglichst gesundes Älterwerden.
In den westlichen Industrieländern sind Lungenentzündung und Influenza trotz entsprechender Impfempfehlungen für drei Prozent aller Todesfälle bei Menschen über 65 Jahren verantwortlich. Besonders gefährlich ist es, wenn im Zuge einer Influenza eine Superinfektion mit gefährlichen Bakterien wie Pneumokokken entsteht und zu einer schweren Lungenentzündung führt.
Grund für die oft schwereren Krankheitsverläufe bei älteren Menschen ist das alternde Immunsystem. Das wichtigste Organ für die Heranreifung von Abwehrzellen - der Thymus, besser bekannt als Bries - verschwindet. Die Abwehrzellen funktionieren nicht mehr einwandfrei und produzieren bei Eindringlingsalarm weniger Antikörper. Viren und Bakterien können nicht vollständig eliminiert werden, verbleiben häufig in den Zellen und sorgen für eine zwar kaum merkbare aber permanente Entzündung im Körper. Die Infektanfälligkeit steigt und die Wirkung von Impfungen sinkt.
Warum der Thymus sich etwa ab dem 40. Lebensjahr zurückbildet und um das 50. Lebensjahr fast völlig verschwunden ist, ist bisher nicht bekannt. Das Institut für Biomedizinische Alternsforschung der ÖAW widmet sich der Erforschung des alternden Immunsystems: "Unser Ziel ist, die Prozesse dahinter zu verstehen und Strategien zu entwickeln, wie in größtmöglicher Gesundheit ein hohes Alter erreicht werden kann", sagt Beatrix Grubeck-Loebenstein, Direktorin des Instituts. Ein Forschungsvorhaben von höchster gesellschaftlicher Relevanz: Immerhin werden im Jahr 2050 fast 40 Prozent der europäischen und US-amerikanischen Bevölkerung älter als 60 Jahre alt sein.
Schlummernde Zeitbomben
Nicht nur die Infektanfälligkeit gegenüber neuen Erregern steigt, wenn man älter wird. Auch schon lange im Körper - meist unbemerkt - vorhandene Viren können plötzlich Probleme bereiten. Dazu gehört das Zytomegalie-Virus, mit dem rund 70 Prozent der Bevölkerung infiziert sind, aber auch das ebenfalls zu den Herpesviren gehörende Varizella-Zoster-Virus. Bei Kindern löst es die Windpocken aus, im Alter kann es reaktiviert werden und eine Gürtelrose (Herpes Zoster) mit starken Nervenschmerzen verursachen. Etwa ebenso weit verbreitet wie das Zytomegalie-Virus ist das so genannte Epstein-Barr-Virus, welches ein Risikofaktor für bestimmte Lymphknoten-Krebserkrankungen ist.
Am Institut für Biomedizinische Alternsforschung der ÖAW untersuchen die Forscherinnen und Forscher unter anderem den Einfluss von Zytomegalievirus-Infektionen auf die Abwehrreaktion älterer Menschen gegen Influenzaviren. Ebenfalls untersucht wird, wie sich die Wirkung von Impfstoffen mit dem Älterwerden verändert. Gegen Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln wird beispielsweise erst seit weniger als 40 Jahren flächendeckend geimpft. Noch weiß die Forschung wenig darüber, ob beziehungsweise inwieweit der Impfschutz auch im höheren Alter hält.
Bereits bekannt ist, dass das Immunsystem mit dem Älterwerden schwerer stimulierbar ist. Eine naheliegende Strategie ist daher, Impfungen das ganze Leben lang immer wieder aufzufrischen. Grubeck-Loebenstein: "Unsere Studien haben ergeben, dass bereits vorhandene Immunität relativ leicht aufgefrischt werden kann. Fehlt sie jedoch, wird es im Alter zunehmend schwieriger."
Das Problem der Fernreisen
Zum Problem wird das im Zusammenhang mit Fernreisen, die ältere Menschen immer häufiger unternehmen: "Hier sind Impfungen gegen Pathogene erforderlich, die das Immunsystem bis dahin noch nie gesehen hat - wie Tollwut oder Gelbfieber. Diese Impfungen wirken dann unter Umständen nicht ausreichend", warnt die Forscherin.
Viren und Bakterien sind nicht nur für ältere Menschen eine Gefahr. Vor allem das Zytomegalie-Virus kann für immunsupprimierte Patienten - also Menschen, deren Immunsystem unterdrückt ist, wie beispielsweise nach einer Organtransplantation - zu schweren Komplikationen führen. Besonders gefährlich ist das Virus auch für werdende Mütter, weil es die Organe des Ungeborenen schädigen kann.
Speziell abgestimmte Impfstoffe
Weltweit wird daher intensiv an Impfstoffen geforscht. Seit ein paar Jahren ist ein Impfstoff gegen das Varizella-Zoster-Virus zugelassen. An einem Impfstoff gegen das Zytomegalie-Virus wird gearbeitet, die Entwicklung ist aber kompliziert und teuer.
Doch für einen optimalen Schutz älterer Menschen wäre es auch nötig, speziell auf das ältere Immunsystem abgestimmte Impfstoffe zu entwickeln. Das geschieht Grubeck-Loebenstein zufolge noch zu wenig. So gibt es in Europa erst zwei Influenza-Impfstoffe, die gezielt mit Hilfsstoffen arbeiten, die die Wirksamkeit der Impfung bei älteren Menschen erhöhen. "Impfstoffe müssten auch systematisch auf ihre Wirksamkeit bei älteren Menschen getestet werden", so Grubeck-Loebenstein abschließend.
Ausgewählte Publikationen zum Thema:
Weinberger B, Herndler-Brandstetter D, Schwanninger A, Weiskopf D, Grubeck-Loebenstein B. Biology of immune responses to vaccines in the elderly. Clin Infect Dis 2008;46:1078-1084.
Chen WH, Kozlovsky BF, Effros RB, Grubeck-Loebenstein B, Edelman R, Sztein MB. Vaccination in the elderly: An immunological perspective. Trends in Immunol. 2009;30:351-359.
Kontakt:
Prof. Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein
Institut für Biomedizinische Alternsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Rennweg 10, 6020 Innsbruck
T +43 512 583919-55
beatrix.grubeck-loebenstein@oeaw.ac.at
www.iba.oeaw.ac.at
August 2009
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Interview mit Beatrix Grubeck-Loebenstein
Viren als solche erkennen
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