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Im Rahmen eines interdisziplinären Spezialforschungsbereiches, SCIEM 2000, sollen die zum Teil divergierenden regionalen Chronologien im östlichen Mittelmeerraum synchronisiert sowie Handel und Kulturkontakte jenes Großraumes vergleichbar dargestellt werden, um einheitliche Grundlagen für die Geschichtsschreibung des zweiten Jahrtausends vor Chr. zu schaffen.

Das zweite Jahrtausend vor Chr., die so genannte mittlere und späte Bronzezeit des östlichen Mittelmeerraumes, ist durch Aufstieg und Niedergang mehrerer Hochkulturen gekennzeichnet: Das betrifft die Minoische Kultur in Kreta, die Mykenische Kultur auf dem griechischen Festland, und die Zeit der berühmtesten Pharaonen des so genannten Mittleren und Neuen Reiches in Ägypten sowie die noch immer äußerst obskure Epoche dazwischen, die Herrschaft der ausländischen Dynastie der Hyksos.

Mythen, biblische Erzählungen oder die Gräber im ägyptischen Tal der Könige faszinieren und beeinflussen die Vorstellung unserer Welt über die Vergangenheit mehr denn je - religiöse und soziale Vorstellungen ebenso wie die Tourismuswirtschaft als Einkommensquelle heutiger Gesellschaften. Will man nun die Entstehungsgeschichte jener kulturellen Höchstleistungen und die materielle Basis längst vergangener Zivilisationen zurückverfolgen, muss man drei bis vier Tausend Jahre alte Zeugnisse richtig bewerten lernen. Die Schwierigkeiten beginnen bereits beim Versuch, Ereignisse und Phasen in den einzelnen Teilen des mediterranen Raumes gemeinsam d.h. in richtiger zeitlicher Relation zueinander zu setzen. Vor zehn Jahren wurde deshalb ein umfassendes Forschungsvorhaben, der Spezialforschungsbereich SCIEM 2000, initiiert, um divergierende chronologische Schemata der Forscher in einen gemeinsamen Rahmen zu bringen. Heuer wurde SCIEM 2000, geleitet von Manfred Bietak, finanziell getragen von der Österreichischen Akademie der Wissenschaft (ÖAW) und vor allem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) von internationalen Gutachtern zum dritten Mal sehr positiv evaluiert und bis ins Frühjahr 2011 verlängert. Manfred Bietak hat als Direktor des Österreichischen Archäologischen Instituts in Kairo, als Professor an der Universität Wien und als Obmann der ÖAW-Kommission für Ägypten und Levante, langjährige Grabungs- und Organisationserfahrung gewonnen.

SCIEM 2000, The Synchronization of Civilizations in the Eastern Mediterranean in the 2nd Millenium BC, umfasst 16 Projekte aus so unterschiedlichen Fachgebieten wie Geochemie, Atomphysik, Pflanzenanatomie, Astronomie, Ägyptologie, Altorientalistik sowie verschiedenste Sparten anderer Altertumswissenschaften. Astronomische Daten, Jahresringe von uralten Zedern, charakteristische Fundstücke aus Keramik und Metall, abgelagerte Vulkanasche sowie die als Abrasionsmittel verwendeten Bimssteine werden zur Synchronisation der Hochkulturen herangezogen. Isotopen- und Neutronenaktivierungsanalysen helfen, das absolute Alter oder die Herkunft von Objekten zu bestimmen. Die ägyptische historische Chronologie wurde einer eingehenden Prüfung und Korrektur unterzogen. Mit Hilfe der als "Spezialwaffe" eingesetzten vergleichenden Stratigraphie, kann man die Schichtabfolge bedeutender Grabungsplätze auf Grund gemeinsamen Artefaktmaterials in zeitliche Relation zueinander setzen. Dies gelingt beispielsweise durch die Kenntnis der Handelsbeziehungen wie auch des künstlerischen Austausches (minoische Freskenmalerei) im ostmediterranen Raum, wobei die ägyptische Chronologie zur Datierung in den Nachbarregionen dient. Wenn beispielsweise Keramik aus ägyptischen Grabungsplätzen in vergleichbarem Stil und in vergleichbarer Schichtabfolge, auch in Syrien, Israel/Palästina, Anatolien, Zypern oder Griechenland gefunden wird, liefert das einen Beitrag zum Aufbau von Datumslinien über weite Entfernungen.

Zentrale Bedeutung hat in diesen Untersuchungen der österreichische Grabungsplatz Tell el-Dabca im östlichen Nildelta - Hauptstadt der Hyksos, Flottenstation Tuthmosis III. und der Hafen der Ramsesstadt. Der Platz war vom Beginn des 20. vorchristlichen Jahrhunderts an eine wichtige Drehscheibe des internationalen Handels. Vielfältige Importe aus der Levante, Zypern und der Ägäis zeigen das zeitliche Verhältnis der Exportländer zur ägyptischen Kultur. Die Bedeutung von Tell el-Dabca blieb Jahrhunderte lang aktuell.

"Trotz noch immer bestehender Gegensätze zwischen den Ergebnissen der Radiokarbondatierung und der ägyptischen historischen Chronologie hat SCIEM 2000 die archäologische Forschung revolutioniert; und die noch bestehenden Probleme werden wir in absehbarer Zukunft lösen können", freut sich Manfred Bietak. "Es sind internationale Kooperationen in einem noch nie da gewesenen Ausmaß - und das in einer politisch sensiblen Gegend - gelungen." SCIEM 2000-Projekte haben dazu beigetragen, grundlegende Handbücher und Standardnachschlagewerke über die Entwicklung der Typologie der materiellen Kultur des antiken Ägypten, der Levante und der Ägäis vorzubereiten. Darüber hinaus ist es gelungen, viele herausragende junge Akademiker(innen) an vorderster Front der internationalen archäologischen Forschung einzubinden. Es ist geplant, in einem ähnlichen Forschungsprogramm einen ähnlich umfangreichen Methodenmix zur Untersuchung des Ablaufs und der Ursachen für grundlegende politische und kulturelle Umwälzungen im ostmediterranen Raum von der späten Bronzezeit zur Eisenzeit (1200-600 v. Chr.), anzuwenden. Daraus erhofft man sich ein besseres Verständnis für die Fundamente der abendländischen Kultur zu finden.


Mehr über SCIEM 2000
Stratigraphie comparée: Keramik aus zeitgleichen archäologischen Schichten aus Tell el- Dabca, Ashkelon und Arqa im Vergleich [PDF]


Kontakt:
Prof. Dr. Manfred Bietak
manfred.bietak@oeaw.ac.at

Dr. Angela Schwab
Kommission für Ägypten und Levante
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Project Management SCIEM 2000
Postgasse 7/1/10, 1010 Wien
T +43 1 51581-6101
angela.schwab@oeaw.ac.at


Mai 2009
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Last update: 2009/09/09
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