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Der gewaltig befestigte Palast von Mykene war in der Späten Bronzezeit eines der bedeutendsten politischen und kulturellen Zentren Griechenlands, Namen gebend für die erste Hochkultur auf dem griechischen Festland. Wissenschafter(innen) der Mykenischen Kommission der ÖAW wollen Licht in die Schlussphase der mykenischen Kultur bringen. Jene Periode am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends galt lange Zeit als "Dark Age" vor der Klassischen Antike.
Die mykenische Kultur entwickelte sich ab 1600 v. Chr. auf der Halbinsel Peloponnes und war etwa 550 Jahre lang prägend für den ägäischen Raum. Ihre Blütezeit erreichte sie mit der Errichtung jener komplexen architektonischen und politischen Strukturen, die als mykenische Paläste bezeichnet werden. Während der Palastzeit (1400 bis 1200 v. Chr.) erlangte das mykenische Griechenland eine kulturell, politisch und ökonomisch einflussreiche Stellung in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum. Zu den großen Kulturen Ägyptens und des Vorderen Orients bestanden diplomatischer Verkehr und vielfältige Handelsbeziehungen. Ferner wurden damals die ersten Texte in griechischer Sprache abgefasst, für die eine Silbenschrift entwickelt wurde, das berühmte Linear B. Träger dieser Schriftdokumente waren Tontäfelchen. Um 1200 v. Chr. fanden die mykenischen Paläste und ihre Hochkultur ein gewaltsames Ende. Alle Paläste und viele Siedlungen wurden zerstört und niedergebrannt, große Landstriche wurden verlassen. Es folgten etwa 150 unruhige Jahre, denen die Forschung lange Zeit hindurch keine historische und kulturelle Bedeutung beigemessen hat. Erst in jüngster Zeit wird die Schlussphase der mykenischen Kultur (archäologisch als Späthelladisch III C - englisch Late Helladic III C - bezeichnet) nicht mehr als "Dark Age" abgetan. Dazu hat die Mykenische Kommission der ÖAW unter der Leitung von Sigrid Jalkotzy-Deger einen wichtigen Beitrag geleistet.
Die Forschungsarbeiten von Sigrid Jalkotzy-Deger und ihrem Team, allen voran Eva Alram-Stern, zum Ende der Mykenischen Zeit in Griechenland sind eingebunden in den Spezialforschungsbereich des FWF - Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, SCIEM 2000. Dieses umfassende, interdisziplinäre Forschungsvorhaben setzt sich zum Ziel, divergierende chronologische Schemata für das zweite vorchristliche Jahrtausend im östlichen Mittelmeerraum in einen gemeinsamen Rahmen zu bringen. Die beiden SCIEM-Projekte der Mykenischen Kommission sind einerseits der Erarbeitung eines chronologischen Schemas für die Schlussphase der mykenischen Kultur gewidmet, andererseits der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Österreichischen Ausgrabungen von Aigeira auf der Peloponnes. Dieser Siedlungsplatz weist aufeinander folgende Fundschichten der Periode Späthelladisch III C auf und trägt so zu den Grundlagen für die Phaseneinteilung der spätmykenischen Chronologie bei.
Unruhe und Neuorganisation
Ein undifferenzierter Blick auf die Zeit nach der Zerstörung der mykenischen Paläste ließ zunächst nur Chaos vermuten: Die prunkvollen Herrschaftszentren wurden nicht wieder aufgebaut, das höhere Kunsthandwerk nicht weiter gepflegt; und die Linear B-Schrift geriet in Vergessenheit. Die Menschen lebten in dorfähnlichen Gemeinschaften mit lokalen Autoritäten, und es gibt keine Hinweise, dass eine politisch einflussreiche Schicht das Leben überregional kontrolliert hätte.
Die nachpalatiale Epoche war aber nicht nur eine Periode des Niederganges. Keramikerzeugung, Metallarbeiten und Schiffsbau konnten an das hohe Niveau des palastzeitlichen Handwerks anschließen. Die Erzeugung von Bronzewaffen erreichte sogar einen Höhepunkt. Der Handel dürfte hauptsächlich in der Form von Gabentausch unter sozialen Eliten stattgefunden haben. Er beschränkte sich aber nicht auf die lokale Ebene. Überregionale Beziehungen spiegeln sich beispielsweise in der spätmykenischen Bewaffnung, die mit Hilfe eines Technologietransfers aus dem Raum des heutigen Italien neue Typen entwickelte. Vor allem die Bronzeschwerter erfuhren eine bedeutsame Verbesserung. Die Mobilität der Griechen während der spätmykenischen Zeit wird von Schiffsdarstellungen auf Vasen eindrucksvoll bezeugt. Der Handel mit dem ostmediterranen Raum kam während LH III C allerdings weitgehend zum Erliegen. Das bedeutet für die Wissenschafter(innen), dass ihnen Anhaltspunkte für eine historische Chronologie - beispielsweise durch Synchronismen mit Ägypten - fehlen. Stattdessen werden dendrochronologische und materialkundliche Analysen für die absolute Datierung herangezogen.
Auch das spirituelle Leben hatte sich in der Nach-Palastzeit gewandelt. Die Heiligtümer waren jetzt nicht nur den Eliten in den Palästen zugänglich, sondern der Allgemeinheit. Ebenso darf vorausgesetzt werden, dass viele Götter und Kulte der Griechen bereits in der mykenischen Zeit ihren Ursprung hatten. Dagegen konnte - infolge des Schriftverlustes - das Wissen über historische Ereignisse und Personen der mykenischen Periode nur noch mündlich tradiert werden. Dies geschah mit den Techniken der so genannten "Oral Poetry". Ausgehend von der spätmykenischen Periode Späthelladisch III C, schuf diese Form von Dichtung jene Fülle an Erzählungen und Mythen, die in den Homerischen Epen um 700 v. Chr. ihren Höhepunkt erreichen sollten.
"Die Zeit nach dem Fall der Paläste gilt endlich nicht mehr als Dark Age", freut sich Sigrid Jalkotzy-Deger. "Sie zeigt sich heute als eine Zeit der regionalen Neuorganisation nach dem Zusammenbruch einer überregionalen Hochkultur mit komplexen Strukturen und Systemen. In einer weniger systematisch organisierten Gesellschaft wurden die Weichen für die Klassische Antike gestellt." Das tatsächliche Ende der Mykenischen Kultur um das Jahr 1050 v. Chr. fällt mit einer technologischen Revolution zusammen: Zu dieser Zeit löste im Mittelmeerraum das Eisen als Werkstoff die Bronze ab, die mehr als Tausend Jahre lang das Werkzeug- und Waffenhandwerk dominiert hatte.
Website des Projekts
Lesen in antiken Metallen (Thema des Monats Februar 2008)
Kontakt:
Prof. Dr. Sigrid Jalkotzy-Deger
Obfrau Mykenischen Kommission
Zentrum Archäologie und Altertumswissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Postgasse 7/4/3, 1010 Wien
T +43 1 51581-3500
sigrid.deger-jalkotzy@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/myken
Mai 2009
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