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2005 gelang dem Team um Christine Neugebauer-Maresch eine archäologische Sensation: Die Entdeckung einer 27.000 Jahre alten Doppelbestattung zweier Neugeborener am Wachtberg in Krems. Die Archäologin sprach mit Martina Gröschl über die Bedeutung des Grabungsplatzes und fordert einen besseren gesetzlichen Schutz archäologischer Fundstellen.

Sie führen bereits seit mehreren Jahren Grabungen am Wachtberg in Krems durch. Was macht den Ort für die Archäologie so besonders?

Neugebauer-Maresch: Der Wachtberg war bereits in der Altsteinzeit als Siedlungsplatz ähnlich begehrt wie heute. Südhang, Blick ins Donautal, weit ins Tullner Feld hinein und bis in die Wachau hinüber: ein windgeschützter Platz mit optimaler Aussicht für die Jäger und Sammler der damaligen Zeit, der immer wieder aufgesucht wurde. Die ältesten Spuren scheinen bis über 40.000 Jahre zurück zu reichen. Vor rund 27.000 begannen die Menschen in jedem Fall dort nicht nur kurzfristig zu siedeln, sondern so genannte Saisonlager zu errichten. Oder vielleicht auch mehr: Bisheriger Höhenpunkt unserer Arbeit war die Entdeckung einer Doppelbestattung zweier Neugeborener aus dieser Zeit, die in roten Farbstoff eingebettet waren, eine Kette aus Elfenbeinperlen als Grabbeigabe hatten und mit dem Schulterblatt eines Mammuts abgedeckt worden waren. Das weist auf grundlegende Änderungen der sozialen und Siedlungsstrukturen hin. Wir diskutieren mittlerweile, ob nicht zumindest manche Mitglieder der Gruppe länger als eine Saison am Wachtberg geblieben sind - also zum ersten Mal in der Geschichte von Krems sesshaft geworden sind. Denn die Existenz des Grabes weist darauf hin, dass es vor Wildtieren geschützt gewesen ist.

Wie sind Sie gerade auf den Wachtberg als Grabungsplatz gekommen?

Neugebauer-Maresch: Bereits in den 1930er Jahren hat der Archäologe Josef Bayer, der auch die berühmte "Venus von Willendorf" entdeckt hat, am Wachtberg interessante Funde gemacht. Er hat sie aber nie bearbeiten können, da er kurz darauf verstorben ist. Dann kam der zweite Weltkrieg und in der Nachkriegszeit war zu wenig Geld für Grabungen da. Bis Mitte der 1980er Jahre ist bis auf ein paar Einzelprojekte praktisch nichts geschehen. Ende der 1990er Jahre wurde die Paläolithforschung auf Initiative von Herwig Friesinger als einer der Forschungsschwerpunkte an der Prähistorischen Kommission der ÖAW erstmals in Österreich institutionalisiert und in Folge die Grabungen am Wachtberg wieder aufgenommen.

Dass die Gegend in und um Krems zu den wichtigsten jungpaläolithischen Fundregionen Europas gehört, zeigen nicht zuletzt die Funde von "Fanny", - der mit über 30.000 Jahren ältesten Frauenstatuette aus Stein der Welt, die wir 1988 am Stratzinger Galgenberg in der Nähe von Krems gefunden haben, - sowie natürlich der "Venus von Willendorf", rund 25 Kilometer von Krems entfernt.

Für die Auswahl geeigneter Grabungsflächen nutzen wir die so genannte Rammkernsondierung. Dabei werden Bohrproben bis zu einer Tiefe von mehreren Metern genommen und die Schichtung der Sedimente begutachtet und analysiert. Eine Kulturschicht erkennt man an den Hinweisen auf Feuerstellen, Knochen, Werkzeuge und sonstige Alltags- und Kulturgegenstände. Diese können zahlreich sein: An unserem jetzigen Fundplatz haben wir allein seit 2005 etwas 40.000 Fundstücke ausgegraben.

Ein weiteres in unserem Fall entscheidendes Kriterium für die Wahl des Fundplatzes am Wachtberg war schlicht die Verfügbarkeit. Rundherum wurden zu Beginn unserer Grabungstätigkeit bereits die letzten Weingärten verkauft, um Einfamilienhäuser zu errichten.

Im Vorjahr wäre ja auch Ihre Fundstelle beinahe der Verbauung zum Opfer gefallen...

Neugebauer-Maresch: Das ist richtig. Die Besitzer des Grundstückes im Zentrum der Fundstelle wollten bauen. Wir waren sogar gezwungen, uns als letzter Hilferuf mit einem Offenen Brief an die Politik und Presse zu wenden. Landeshauptmann Erwin Pröll verdanken wir, dass die Grabungen nun fortgesetzt werden können. Die Fundstelle wurde durch eine Unterkellerung gesichert und die Genehmigung zu Ausgrabungen für weitere sieben Jahre vertraglich festgehalten. Eine Zeit, die wir auf jeden Fall brauchen: Es reicht nicht, nur Fundstücke aus dem Boden herauszureißen. Zu jedem dieser Funde muss die Lage und der Bezug zur Situation protokolliert, weiters jede erkennbare Veränderung der eiszeitlichen Oberfläche durch umfangreiche Messungen mit einem Lasertachymeter festgehalten werden. Funde und Befunde müssen parallel zu den Ausgrabungen bearbeitet werden, da sich aus ihnen Fragestellungen für die weitere Forschung im Feld entwickeln lassen.

Wir können das schaffen, aber es ist immer ein Wermutstropfen dabei: Wir wissen, dass es am Wachtberg mehrere Fundstellen gibt, die bereits überbaut und damit für die Forschung verloren sind. Deswegen war es für uns auch so wichtig, zumindest diese eine Fundstelle wenn schon nicht zu erhalten, so dennoch der Wissenschaft zuführen zu können.

Sollte das Denkmalschutzgesetz derart bedeutende Fundstellen nicht schützen?

Neugebauer-Maresch: Das österreichische Denkmalschutzgesetz verbietet zwar die Zerstörung von Fundstellen, nicht jedoch ihre Überbauung. Das Problem dabei ist jedoch, dass durch Überbauung der Fundplatz für zumindest lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, der Erforschung verschlossen bleibt. Das betrifft natürlich die Paläolithforschung ganz besonders, weil Ihre Artefakte zumeist in mehreren Metern Tiefe eingebettet sind. Dabei ist aber gerade diese Einbettung für die Nachbarwissenschaften, mit denen die Archäologie zusammenarbeitet, wie die Paläontologie oder die Geographie, von allerhöchstem Interesse. Diese Ablagerungen geben wichtige Hinweise auf Umwelt und Klimaentwicklungen in der Eiszeit und damit auf die Lebensbedingungen, die sich den altsteinzeitlichen Jäger- und Sammler(inne)n boten.

Trotz dieser offensichtlichen Bedeutung wird ein Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz ähnlich wie das Schnellfahren nach wie vor von vielen als Kavaliersdelikt betrachtet. Aufgrund dieser unbefriedigenden Situation haben wir eine Initiative zur Novellierung des österreichischen Denkmalschutzgesetzes gestartet. Und das Problem ist nicht auf Österreich beschränkt: Wir denken daran, das in internationalem Rahmen zu diskutieren und auch entsprechende EU-Richtlinien zu erwirken.

Viele Menschen interessieren sich für Archäologie. Und man muss nicht immer nach Griechenland oder Ägypten fahren, um archäologische Schätze zu finden. Jüngste Entdeckungen wie die Säuglingsbestattung zeigen einmal mehr, was der niederösterreichische Boden in dieser Hinsicht zu bieten hat. Außerdem ist es für die Entwicklung unserer Identität wesentlich, zu wissen, woher wir kommen - unsere Wurzeln zu erkennen. Denn ein Baum ohne Wurzeln hält keinem Wind stand.


Rettung des 27.000 Jahre alten Fundplatzes von Krems-Wachtberg
Älteste Bestattungen Österreichs gefunden
Internationale Beachtung für archäologische Sensation
Bilder von der Fundstelle Krems-Wachberg 2005


Zur Person:
Christine Neugebauer-Maresch    Christine Neugebauer-Maresch studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Anthropologie. Sie promovierte 1981. Ihre Spezialgebiete sind die Alt- und Jungsteinzeit sowie die allgemeine Bestattungskunde. Im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit leitete sie mehrere Forschungsprojekte und Ausgrabungen, vorwiegend zur Altsteinzeit. Zu ihren größten Erfolgen gehört die Entdeckung von "Fanny", der "Venus vom Galgenberg" bei Stratzing in Niederösterreich (1988), sowie die Freilegung einer Säuglings-Doppelbestattung am Kremser Wachtberg (2005). Neugebauer-Maresch ist seit 1999 Mitarbeiterin der Prähistorischen Kommission und Mitglied der Quartärkommission der ÖAW. Seit 2008 ist sie Präsidentin der Hugo Obermaier-Gesellschaft für Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit, Erlangen.


Kontakt:
Dr. Christine Neugebauer-Maresch
Prähistorische Kommission
Zentrum Archäologie und Altertumswissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Fleischmarkt 22, 1010 Wien
T +43 1 51581-2404
christine.neugebauer-maresch@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/praehist


Mai 2009
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Last update: 2009/09/09
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