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Volksmusik aus Griechenland oder Gesänge aus Papua Neuguinea, Dialekte von österreichischen Aussiedlern oder Stimmporträts berühmter Persönlichkeiten - das alles sind Beispiele von Tondokumenten im Phonogrammarchiv der ÖAW. Die Aufnahmen, die im Lauf der letzten 110 Jahre entstanden sind, wurden meist im soziokulturellen Kontext und nicht in Studios gemacht. Diese Arbeitsweise vor Ort ("Feldforschung") erfordert von den Wissenschafter(innen) zusätzlich zu ihrer wissenschaftlichen Qualifikation ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in die jeweilige Kultur.

"Man muss zu den Musikern eine Beziehung aufbauen und ihre Musik mögen, um sie in rechter Weise erforschen zu können", erzählt Rudolf Brandl, Musikethnologe und seit Oktober 2008 Direktor des Phonogrammarchivs. Er selbst hat jahrzehntelange Erfahrung im wissenschaftlichen Aufzeichnen von musikalischen Ton- und Videodokumenten. Brandl hat mit kleinen Gruppen von Volksmusikern in Wien oder Griechenland ebenso gearbeitet wie mit großen Ensembles der traditionellen chinesischen Oper. Rudolf Brandl steht einem interdisziplinär arbeitenden Institut vor, wo Aufnahmen für kulturanthropologische Forschungsprojekte im Zentrum stehen. Sprache, Musik oder Rituale in authentischer Weise zu dokumentieren und zu bewahren, ist ein Aspekt der Arbeiten am Phonogrammarchiv; der zweite ist der technische: Die Langzeitarchivierung der bis jetzt etwa 60.000 Ton- und Videodokumente aus mehr als hundert Jahren stellt eine enorme Herausforderung dar.

Do's & Don'ts

Bei wissenschaftlichen Tonaufnahmen geht es primär um Authentizität und weniger um technische Perfektion. Deswegen besagt eine Regel in der Volksmusikforschung, "dass der Gewährsmann immer Recht hat", erzählt Rudolf Brandl. "Das bedeutet, dass ich als Wissenschafter die Qualitätskriterien der zu erforschenden Kultur akzeptieren muss. Es geht nämlich bei Volksmusik nicht um Wahrheit, sondern um Überzeugung." Rudolf Brandl verdeutlicht das mit einem Beispiel: " In der griechischen Volksmusik gibt es die typischen Ensembles aus Klarinette, Violine, Laute und Rahmentrommel, wobei die Violine meist nicht stark hervortritt. Es wäre nun grundfalsch, wenn man im Zuge der Aufnahme - entsprechend unserer Hörgewohnheiten - die Klangbalance zugunsten der Violine verändern würde. Nach traditionellem griechischen Verständnis muss die Klarinette dominieren; die Aufgabe der Geige ist es, die unschönen Töne der Klarinette zu maskieren."

Diese Art der Einfühlung in eine andere Kultur erfordert soziale Fähigkeiten der Wissenschafter(innen) ebenso wie das Reflektieren der eigenen kulturellen Prägungen. Meist bedarf es einer längeren Zeit des Kennenlernens, des Gewinnens von Vertrauen, bevor überhaupt authentische Aufnahmen möglich sind. Darüber hinaus müssen sich Feldforscher(innen) bewusst sein, dass sie ihrerseits für die Künstler und Künstlerinnen oder die im Fokus stehenden Gemeinschaften eine spezifische Rolle spielen, die sie kaum beeinflussen können.

Zur wissenschaftlichen Vorbereitung gehört es für Feldforscher(innen), sich ein Basiswissen über die jeweilige Gesamtkultur anzueignen. Speziell für Musikethnolog(inn)en ist es wichtig, auch über die Sprache der zu erforschenden Kultur Bescheid zu wissen. Sprecher(innen) von Tonsprachen, wie beispielsweise Chinesisch, wo die relative Tonhöhe eine Bedeutung für Grammatik und Syntax hat, werden beim Hören von Musik andere Assoziationen haben, als Deutsch sprechende Personen. "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Musik eine Universalsprache sei, die alle Menschen quer über den Globus in gleicher Weise verstehen", stellt Rudolf Brandl klar.

Technikentwicklung

Seit den ersten Aufnahmen, die 1899 von Wissenschafter(inne)n des Phonogrammarchivs gemacht wurden, haben sich die technischen Möglichkeiten enorm verändert. Das erste, am Phonogrammarchiv entwickelte Aufnahmegerät, der Archiv-Phonograph wurde ab 1901 trotz seines enormen Gewichtes von 45 Kilo auch für Expeditionen nach Übersee eingesetzt. Das Aufnahmeprinzip beruhte auf einer Kombination des Edison-Walzenphonographen mit dem Plattenformat des Grammophons. Die typische Aufnahmedauer betrug aber nur ein bis zwei Minuten pro Phonogramm! Rudolf Pöch, einer der Pioniere der Feldforschung, konnte mit dem Archiv-Phonographen des Phonogrammarchivs bei seinen Expeditionen nach Papua-Neuguinea (1904-06) und in die Kalahari (1907-09) Lieder und Erzählungen von unschätzbarem Wert dokumentieren.

Zu Beginn der 1930er Jahre begann die Ära der elektrischen Aufnahmen. Ab etwa 1950 stellte man auf Magnetband-Aufnahmen um, und 1985 wurden erstmals digitale Aufnahmetechniken eingesetzt; seit 1991 werden auch ergänzende Videodokumente gemacht.

Die historischen Bestände des Phonogrammarchivs (1899-1950) wurden 1999 in das UNESCO-Weltregister "Memory of the World" aufgenommen und damit als Dokumente kulturellen Erbes von Weltrang ausgezeichnet.

Mehr zum Thema Feldforschung finden Sie im Buch "Um-Feld-Forschung", herausgegeben von Julia Ahamer und Gerda Lechleitner, beide Wissenschafterinnen am Phonogrammarchiv. Das Buch beleuchtet Erfahrungen, Erlebnisse und Ergebnisse von Feldforscher(inne)n verschiedener Disziplinen, die in den letzten Jahr(zehnt)en mit dem Phonogrammarchiv zusammengearbeitet haben und deren audiovisuelle Aufnahmen dort gesichert und für weitere wissenschaftliche Bearbeitung aufbewahrt werden.


Veranstaltungstipps:
Feldforschung in Theorie und Praxis, 31. März 2009
Sprachen und Musiken in Indiens äußerstem Nordosten

Symposium, 27. April 2009
110 Jahre Phonogrammarchiv


Weiterführende Informationen:
Zum Buch"Um-Feld-Forschung"
Mehr über berühmte Aufnahmen im Phonogrammarchiv


Kontakt:
Prof. Dr. Dr. h.c. Rudolf Brandl
Geschäftsführender Direktor
Phonogrammarchiv
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1010 Wien, Liebiggasse 5
T 43 1 4277-29601
rudolf.brandl@oeaw.ac.at
www.phonogrammarchiv.at


März 2009
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Last update: 2009/07/20
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