Home
 
Suche Home Kontakt Sitemap Login English
ÖAW Aktuell
Presse
Veranstaltungen
Newsletter
Infoservice
Thema des Monats
Thema: Das Magazin
Fotogalerie
Multimedia
Offene Stellen
Neu im Verlag
Über die Akademie
Forschung
Stipendien & Preise
Kooperationen & Partner
Service





Noch vor 100 Jahren gehörten die Wanderhirten im heutigen Dreiländereck Albanien - Griechenland - Republik Makedonien zu den Privilegierten ihrer Gesellschaft. Seit Ende des 20. Jahrhunderts sind sie nahezu vollständig verschwunden. Forscherinnen und Forscher der Balkan-Kommission besuchen die letzten ihrer Art vor Ort. Ziel ist die Dokumentation und Analyse der Hirtensprache vor dem Hintergrund der einschneidenden Veränderungen seit dem Ende des Osmanischen Reiches.

Bis zu 20.000 Ziegen und Schafe, um 100 Angestellte plus deren Familien: Ein Großhirte im Osmanischen Reich genoss großes Ansehen und hatte Macht. Von politischen und administrativen Einflüssen der Ebenen weitgehend unbehelligt, zog er mit seinem Gefolge in den Gebirgen des heutigen Grenzraums zwischen Südalbanien, Nordwestgriechenland und Südwestmakedonien von einem Weidegrund zum nächsten. Die Wanderhirten lebten in Zelten oder Reisighütten und richteten ihre Routen nach den klimatischen Bedingungen und der Vegetation. Bevor der erste Schnee fiel, verließen sie ihre Weiden in den Bergregionen, um in die Ebenen der Küstenregionen zu ziehen. Ihre ganze Gesellschaft war mobil, all ihr Hab und Gut tragbar. Kein Gegenstand wurde hinterlassen, sogar Geburten fanden während der Wanderungen statt.

Das Ende einer mächtigen Gesellschaft

Doch dann zerfiel das Osmanische Reich in Nationalstaaten, Grenzen entstanden und machten dem freien Verkehr ein Ende. "Man konnte nicht mehr zwischen Makedonien und Albanien oder Albanien und Griechenland einfach hin- und herspazieren. Die Hirten mussten Zölle bezahlen, anfangs ging das mit Tieren, dann wurde Geld erforderlich und schließlich wurden die Grenzen ganz geschlossen", erklärt Thede Kahl von der Balkan-Kommission der ÖAW.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Das Wanderhirtentum wurde zunehmend unlukrativ, die Wanderhirten sesshaft. Mit der Sesshaftwerdung geht aber nicht nur eine jahrhundertealte Lebensweise verloren. Auch die Sprache der Wanderhirten mit ihrer ausgefeilten Fachterminologie droht in Vergessenheit zu geraten.

Die Sprache der letzten Wanderhirten

Im Rahmen eines Projekts unter der Leitung von Thede Kahl besuchen Forscherinnen und Forscher mit Videokamera und Aufnahmegerät die letzten noch lebenden Wanderhirten vor Ort. Ziel ist, die fachspezifische Terminologie der Hirten zu dokumentieren. Zum einen, um sie der Nachwelt zu erhalten, zum anderen ist sie aber auch für die Sprachwissenschaft von großer Bedeutung: Albanisch, Griechisch, Makedonisch und Aromunisch sind an sich vier grundverschiedene Sprachen. Trotzdem ähneln sich ihre Bezeichnungen zum Beispiel für Wolle, Molkereiprodukte und Viehrassen. Warum? "Unsere These ist, dass das Wanderhirtentum bei der gegenseitigen Beeinflussung eine entscheidende Rolle gespielt hat", sagt Kahl. Diese wollen die Forscherinnen und Forscher im Zuge des Projekts belegen. Dazu suchen sie - ausgestattet mit einem qualitativen Fragebogen und einer illustrierten Wörterliste - gezielt nach den Minderheiten in den jeweiligen Ländern, also zum Beispiel nach Vertretern der griechischen Minderheit in Albanien.

Die Untersuchung vor Ort

Um die Wanderhirten aufzuspüren, nutzen die Forscherinnen und Forscher jene Mittel und Wege, mit denen man auf der ganzen Welt am leichtesten Kontakte knüpft: Sie setzen sich ins örtliche Kaffeehaus und plaudern mit den Einheimischen. "Oft entsteht auch der erste Kontakt mit möglichen Gesprächspartnern am Straßenrand neben einer zufällig entdeckten Herde", ergänzt Kahl. Ist ein geeigneter Interviewpartner gefunden, versuchen die Forscher(innen) ihn möglichst zwei, drei Tage bei der Arbeit zu begleiten, schauen bei seinen Tätigkeiten zu oder zeigen zum Beispiel auf einen Hirtenstab und fragen: Was ist das, woraus besteht das? Kahl: "Nur so lässt sich die Terminologie unverfälscht erfassen." Und auch die Interviewpartner können auf diese spielerische Weise besser bei der Stange gehalten werden: Immerhin gilt es rund 600 Begriffe abzufragen.

Im Visier der Geheimpolizei

Die Interviewpartner teilen in der Regel ihren Wortschatz gerne, auch wenn sie das Interesse der Forscher(innen) nur selten nachvollziehen können. Einmal standen die Forscher(innen) sogar im Mittelpunkt geheimpolizeilicher Ermittlungen. "Anders als beispielsweise in den Alpen, wo die traditionelle Lebensweise zurzeit wieder sehr geschätzt wird, lehnen viele Wanderhirten ihre Kultur ab und verstecken sogar ihre Dialektmundartkenntnisse", erläutert Kahl. Die moderne Lebensweise inklusiver ihrer Sprache ist en vogue und diese entlehnen die Hirten aus der jeweiligen Staatssprache. "Das hat für die Hirtenkultur und ihre Sprache verheerende Folgen", Kahl weiter, "bereits in fünf Jahren wäre unsere Forschung nicht mehr möglich."

Das Projekt "Terminologie der Wanderhirten während der Sesshaftwerdung im Grenzraum Südalbanien, Nordwestgriechenland, Südwestmakedonien" startete Anfang 2007 und wird vom FWF - Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert. Die Laufzeit beträgt drei Jahre.

Einblicke in Bild und Ton

In der Fotogalerie finden Sie einen Einblick in die Arbeit der Forscherinnen und Forscher in Bildern. Das Video "Interview in Globoceni" zeigt einen Ausschnitt eines von Andrej N. Sobolev im Jahr 2008 in Albanien aus der Hand gefilmten Interviews.
Fotogalerie
Video: Interview in Globoceni


Weitere Informationen zum Projekt


Kontakt:
Univ.-Doz. Dr. Thede Kahl
Balkan-Kommission
Zentrum für Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Fleischmarkt 22, 1010 Wien
T +43 1 51581-2427
thede.kahl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/balkan


März 2009
Netzwerke einer Diasporagesellschaftzurück top weiterAuthentische Musikdokumente

 
Ö sterreichische Akademie der Wissenschaften ( Ö AW)
1010 Wien
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
Tel.: (+43 1) 51581-0
webmaster@oeaw.ac.at

Impressum

Last update: 2009/07/20
© by Ö AW


Druckhilfe