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Finanzstark und von religiösem Charisma: Keine andere Minderheit in Indonesien hat einen vergleichbar wichtigen Einfluss auf Religion, Wirtschaft und Politik wie die Hadhrami. Aber ihnen wird auch eine besondere Nähe zu terroristischen Netzwerken nachgesagt - bestätigen konnten das Feldforschungen der Forschungsstelle Sozialanthropologie der ÖAW jedoch nicht.
Hadhrami sind Araber aus der Region Hadhramaut im südlichen Jemen. Ihre Auswanderung hat eine lange Tradition und erreichte ihren Höhepunkt mit der Eröffnung des Suez-Kanals 1869. Damaliges Hauptziel war Niederländisch-Indien - das heutige Indonesien. Heute sind die Hadhrami nahezu vollständig in die indonesische Gesellschaft integriert und bekleiden häufig wichtige religiöse, politische und wirtschaftliche Funktionen auf lokaler wie nationaler Ebene. Das geht aus Feldforschungen der Forschungsstelle Sozialanthropologie der ÖAW hervor.
Die Forscher untersuchten die Netzwerke der Hadhrami-Diaspora mit den Methoden der ethnografischen Feldforschung: teilnehmende Beobachtung im Alltag und bei Ritualen sowie strukturierte Interviews mit hochrangigen Vertretern, aber auch mit Hadhrami ohne öffentliche Funktion (zur ethnografischen Feldforschung siehe auch das
Interview mit Andre Gingrich
).
Die Nachfahren des Propheten als religiöse Führer
Bei der Untersuchung der Hadhrami in Indonesien muss man zwei Gruppen unterscheiden: die so genannten 'Alawiyyin, die sich als Nachkommen des Propheten Mohammad sehen und die Irsyadis, die das nicht tun. Die 'Alawiyyin praktizieren einen traditionellen, vom Sufismus geprägten Islam, genießen als Nachfahren Mohammads entsprechendes Ansehen und bekleiden häufig hohe religiöse Ämter. "Bei den 'Alawiyyin hat sich über Generationen hinweg eine besondere religiöse Gelehrsamkeit erhalten", erklärt Martin Slama von der Forschungsstelle Sozialanthropologie. Ihren hervorragenden Vertretern werden besondere Fähigkeiten bis hin zu Heilkräften nachgesagt und sie sind berühmt für ihr religiöses Charisma. Slama: "Sie werden in der englischsprachigen Fachliteratur häufig als 'saints' bezeichnet und sind in gewisser Hinsicht mit den Heiligen der katholischen Kirche vergleichbar."
Die richtige Strategie zur Integration
Doch die religiöse Bedeutung allein ist keine Erklärung für die gelungene Integration der Hadhrami in Indonesien. Auch weitsichtiges politisches Handeln hat dazu beigetragen: "Schon in den 1930ern haben die wichtigsten Vertreter der Hadhrami-Community in Indonesien einen entscheidenden Schritt getan: Sie haben klar gesagt, dass der Hadhramaut zwar ihr Herkunftsort, Indonesien aber ihr Heimatland ist", erläutert Slama. Heute ist beispielsweise der Provinzgouverneur von Gorontola ein Hadhrami und auf nationaler Ebene bekleiden Hadhrami Positionen bis zum Minister. Dazu kommt, dass die ökonomisch oft sehr erfolgreiche Minderheit durch Investitionen in Schulen, Moscheen, Kranken- und Waisenhäuser sozial und religiös engagiert ist.
Die geborenen Terroristen?
Dieses soziale Engagement und ihr Ansehen, das sie als islamische Gelehrte genießen, fördert sicherlich ihre Integration in die Lokalgesellschaften. Doch dass Hadhrami in Südostasien auch im Umfeld von Terrornetzwerken aktiv waren und übrigens auch Osama bin Laden hadhramischer Abstammung ist, hat ihnen den Ruf der Terrorismus-Nähe eingebracht. Auch Indonesien wurde in den letzten Jahren von einer Reihe von Anschlägen erschüttert. Der bekannteste war der Anschlag in Bali vom Oktober 2002 mit über 200 Toten, der von dem Terror-Netzwerk Jemaah Islamiyah durchgeführt wurde, zu dem auch einige wenige Hadhrami ein Naheverhältnis hatten. Eine besondere Verschränkung der Hadhrami-Diaspora mit Terror-Netzwerken konnten die Forscher im Zuge ihrer Feldforschungen aber nicht feststellen: "Wir konnten keinerlei handfeste Hinweise darauf finden. Hadhrami sind ebenso häufig in liberal-islamischen wie in radikal-islamischen Netzwerken zu finden - nur wenn sie in radikalen Organisationen aktiv sind, fällt das natürlich mehr auf", betont Slama.
Die gespaltene Minderheit
Neben der Integration in die Mehrheitsgesellschaft waren für die Forscher die Beziehungen der beiden Hadhrami-Gruppen der 'Alawiyyin und Irsyadis untereinander sowie zum Herkunftsland Hadhramaut wesentliche zu untersuchende Fragen. "Wir konnten beobachten, dass die Rivalität zwischen den beiden Gruppen im Zentrum der indonesischen Inselwelt - wie in Java oder in bestimmten Teilen von Sumatra, wo die meisten Hadhramis leben - nach wie vor stark ausgeprägt ist", sagt Slama. Die beiden Gruppen sind dort getrennt organisiert bis zu den Schulen und anderen gemeinschaftlichen Einrichtungen. Slama: "Diese strikte Trennung gibt es in den peripheren Regionen Indonesiens bei weitem nicht in diesem Ausmaß."
Renaissance der Beziehungen zum Hadhramaut
Diese Spaltung der indonesischen Hadhrami spiegelt sich auch in ihren Beziehungen zu ihrem Herkunftsland wider: Die Irsyadis fahren hauptsächlich in den Hadhramaut, um ihre Verwandten zu besuchen. Für die 'Alawiyyin ist der Hadhramaut aufgrund ihrer engen emotionalen Verbundenheit zu ihren Vorfahren und ihren - zum großen Teil dort begrabenen - Heiligen eine wichtige Pilgerstätte und heute wieder Zentrum der Ausbildung künftiger religiöser Eliten. Denn zwischen den 1960er und 1990er war es schwierig für die Hadhramis, ihre Beziehungen zu ihrem Herkunftstort aufrecht zu erhalten. Der damalige Südjemen war kommunistisch, Indonesien streng antikommunistisch. "Mit der Vereinigung der beiden jemenitischen Staaten 1990 wurde das Reisen wieder leichter und seither erleben die Beziehungen der 'Alawiyyin zum Hadhramaut eine Renaissance", Slama abschließend.
Buchtipp:
Slama, Martin (Hg.): Konflikte - Mächte - Identitäten. Beiträge zur
Sozialanthropologie Südostasiens, Wien, Verlag der ÖAW (erscheint im April 2009)
Veranstaltungstipp:
Comparing Arab Diasporas, Workshop, 6. bis 8. Mai 2009, ÖAW, Wien
Weitere Informationen
Kontakt:
Mag. Dr. Martin Slama
Forschungsstelle Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Prinz-Eugen-Str. 8-10, 1.Stock, 1040 Wien
martin.slama@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant
März 2009
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Interview mit Andre Gingrich
Die Sprache der Wanderhirten
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