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Langfristige Beobachtung vor Ort - das ist der Kern der ethnografischen Feldforschung. Was kann man sich konkret darunter vorstellen, wie hat sie sich historisch entwickelt und wie in den letzten Jahrzehnten verändert? Andre Gingrich, Direktor der Forschungsstelle Sozialanthropologie der ÖAW, im Gespräch mit Martina Gröschl.

Wie kann man sich Feldforschung in der Sozialanthropologie konkret vorstellen?

Gingrich: Der Kern der ethnografischen Feldforschung ist seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute die teilnehmende Beobachtung vor Ort über einen langen Zeitraum hinweg. Im Mittelpunkt steht, wie die Leute handeln. Das ist entscheidend: Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem was die Menschen sagen, dass sie tun und dem, was sie wirklich tun. Interviews werden in der ethnografischen Feldforschung immer nur als Ergänzung geführt.

Wie vermeidet man eine Beeinflussung der Ergebnisse aufgrund der Beobachtungssituation?

Gingrich: Die Beeinflussung der Feldforschung durch die beobachtende Person kann durch Feldtagebücher dokumentiert werden oder durch Audio- beziehungsweise Video-Mitschnitte und deren nachträgliche Interpretation. Sehr wichtig ist, im Laufe des Aufenthaltes ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufzubauen. Dann erzählen sie der Feldforscherin, dem Feldforscher, was sie am Anfang nicht bereit waren zu sagen. Ein zusätzliches Korrektiv sind so genannte Schlüsselinformantinnen und -informanten, die Hintergrundinformationen liefern.

Menschen, die andere Menschen beobachten - das ist für die meisten nichts Alltägliches: Wie werden die Forscherinnen und Forscher in der Regel aufgenommen?

Gingrich: Jede Gesellschaft, ob sie ein hochkompliziertes staatliches Recht hat oder ein lokales Gewohnheitsrecht, besitzt als Teil ihres Rechtssystems so etwas wie ein Gastrecht. Wenn sich die feldforschende Person daneben benimmt, ist es wie überall sonst: Sie kann nicht bleiben. Wenn sie geschickt in die Gesellschaft hinein wächst, dann genießt sie alle Vorteile, die ein Gast mit lange währendem Aufenthalt bekommt: die Gastfreundschaft, den Schutz, kurz fast alle Vorteile, die Angehörige der betreffenden Gesellschaft oder Gruppe haben. Insofern sind gute Kenntnisse sowohl der Sprache als auch des lokalen Gewohnheitsrechtes von vornherein wesentlich.

Wie hat sich die Feldforschung in der Anthropologie historisch entwickelt?

Gingrich: Sie hat sich mit dem Deutsch-Amerikaner Franz Boas Ende des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an die Naturwissenschaften - an das Experiment und den Feldversuch - entwickelt. Intention war, auch in den Human- und Sozialwissenschaften nicht nur tradierte Überlieferungen aus zweiter, dritter oder schriftlicher Hand zu interpretieren und zu analysieren, sondern ähnlich wie beim naturwissenschaftlichen Feldversuch oder beim Feldversuch in den Lebenswissenschaften sich vor Ort anzusehen, wie die Dinge realistisch und im Kleinen vor sich gehen.

Dieses Realitätsprinzip ist bis heute ausgesprochen wichtig geblieben. Die ethnografische Feldforschung ist eine Methode, die die größte Präzision im Kleinen erlaubt. In den minutiös erarbeiteten Fallbeispielen ist die Unmittelbarkeit und Lebensechtheit exakter und präziser enthalten, als in Massen von quantitativen Daten, die zwar den größeren Überblick liefern, aber nicht die qualitativen Zusammenhänge vor Ort im Detail beschreiben und beleuchten können. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass in den letzten zehn Jahren das Wort "ethnografische Feldforschung" ein richtig gehendes Buzzword geworden ist. Es wird gerne als Beweis für die empirische Solidität einer Erhebung angeführt. Hier wird zuweilen ein Etikettenschwindel betrieben: echte ethnografische Feldforschung zeichnet sich durch die Länge des Beobachtungszeitraumes, die Durchführung der Beobachtung in der Sprache der Einheimischen sowie einen daraus abgeleiteten, genau definierten Methoden-Katalog aus.

Wie hat sich die Feldforschung in den letzten Jahrzehnten verändert?

Gingrich: Früher ist man dem bereits erwähnten Franz Boas und dem aus Krakau stammenden Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski folgend davon ausgegangen, dass ein Jahr auf einer fernen Insel oder in einem weit entfernten Land vor Ort das Ideal ist. Heute macht man Feldforschung nicht nur in der Ferne, sondern erforscht auch Menschen und Menschengruppen zu Hause. Zum anderen wird die Feldforschung nicht mehr zwingend zeitlich und räumlich in einem Stück durchgeführt. Stichworte sind "Multi-sited Ethnography" und "Multi-temporal Ethnography". Das hat sowohl mit der steigenden Mobilität der Menschen, als auch mit den institutionellen Rahmenbedingungen der Feldforscherinnen und -forscher zu tun. Dazu kommt, dass die Feldforschung heute auch die Interaktionen der Menschen mit der modernen Lebenswelt inklusive ihrer medialen Vielfalt mit einbeziehen muss. Das heißt, die Frage, ob jemand ein Weblog betreibt oder eine eigene Homepage besitzt, wird ebenso untersucht, wie die Kommentare und Diskussionen beim gemeinsamen Soap-Opera-Schauen.

Langfristige Forschung vor Ort - ist das nicht sehr teuer?

Gingrich: Im Gegenteil, im Vergleich ist die ethnografische Feldforschung enorm billig. Man benötigt keine teure Gerätschaft, keine teuren Auswertungsverfahren und arbeitet in kleinen Teams. Es sind also neben den Gehältern nur Reise- und Aufenthaltskosten zu zahlen. Ein ethnografisches Projekt ist in der Regel nur in einer Hinsicht aufwändig: in der Zeit.

Welche Fragestellungen stehen an Ihrer Forschungsstelle im Mittelpunkt?

Gingrich: Unsere Programmatik als Forschungsstelle heißt "Konsens und Konflikt in Asien und im östlichen Mittelmeerraum". Uns geht es um Fragen wie, ob die Religion dem Leben der Menschen Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung bietet. Oder aber in welchen Fällen sie ein Mittel der Mobilisierung und der Konfrontation, auch des Zwistes und von potenzieller Gewalt sein kann - Beispiel Naher Osten. Wir untersuchen auch Fragen wie, auf welche Weise die Menschen eine Naturkatastrophe - etwa den verheerenden Tsunami von 2004 in Südostasien - überwinden, ob in friedlicher Kooperation oder unter weniger friedlichen Bedingungen.

Warum gerade Asien und östlicher Mittelmeerraum?

Gingrich: Der Hauptgrund ist, dass Asien einer der größten Kulturräume mit wirtschaftlichen und demografischen Entwicklungsdynamiken ist, die die Welt heute kennt. Dazu kommt, dass es in Österreich eine ganze Reihe besonderer Kompetenzen gibt, die in gebündelter Form an den Universitäten nicht in dieser Form wahrgenommen werden. Daher hat sich die ÖAW im Rahmen des Zentrums Asienwissenschaften und Sozialanthropologie dazu entschlossen, diese gewachsene Expertise zu stärken und auszubauen.


Zur Person:
Andre Gingrich    Andre Gingrich leitet die Forschungsstelle Sozialanthropologie am Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie (ZAS) der ÖAW und ist Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Seine Spezialgebiete sind der arabisch-islamische Nahe Osten, Nationalismus, komparative Methoden und die Wissenschaftsgeschichte der Anthropologie. Er erhielt den Wittgensteinpreis 2000 und ist seit 2008 Panel Chair im European Research Council.


Kontakt:
Prof. Dr. Andre Gingrich
Direktor
Forschungsstelle Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Prinz-Eugen-Str. 8-10, 1.Stock, 1040 Wien
andre.gingrich@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant


März 2009
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Last update: 2009/07/20
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