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Der wissenschaftliche Direktor des CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW zu neuen Erkenntnissen und Forschungszielen für die nächsten Jahre.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre, die am CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin gewonnen wurden?
Superti-Furga: Es gibt eine ganze Menge wichtiger neuer Erkenntnisse. Besonders erwähnen möchte ich die Entdeckung von Christoph Binder und seiner Gruppe, dass natürliche Antikörper, also jene, die schon seit der Geburt spezifiziert sind, eine wichtige gesundheitsfördernde Haushaltfunktion haben. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt am CeMM ist die Genetik von Blutkrankheiten, die vom Knochenmark ausgehen. Robert Kralovics konnte zeigen, dass Leukämie und viele Leukämie ähnliche Zustände von weit mehr kleineren Erbgutveränderungen verursacht werden als bisher angenommen. In meiner Gruppe ist es gelungen, das Zielprotein des ersten erfolgreichen "gezielten" Krebsarzneistoffes Glivec (Wirkstoff Imatinib) zu charakterisieren: Es ist dies ein großer Multiproteinkomplex, Bcr-Abl genannt, der von Imatinib in seiner Zusammensetzung verändert wird. Wir haben darüber hinaus eine Reihe von Proteinen entdeckt, die in der angeborenen Immunabwehr eine wichtige Rolle - beispielsweise bei der Überwachung eindringender Viren und Bakterien - spielen. Wir hatten nicht gedacht, dass das Arsenal der Zelle so vielseitig sein würde, und wir werden versuchen dies medizinisch auszunützen.
Was sind die wichtigsten neuen Methoden, die den wissenschaftlichen Fortschritt in Ihrem Gebiet ermöglicht haben?
Superti-Furga: Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor einigen Jahren war zweifelsohne ein Meilenstein. Für die medizinische Forschung war das der Ausgangspunkt, das Zusammenspiel aller Genprodukte, also der Proteine, im Blick zu haben. Wir wissen mittlerweile mehr darüber, wie Proteine als molekulare Maschinen beziehungsweise in größeren Netzwerken arbeiten. Ein Verständnis der Architektur und Funktion dieser Netzwerke erlaubt uns, gesunde und kranke Zustände als Veränderungen von Gleichgewichten zu begreifen. So verstehen wir das Wirken von Arzneistoffen besser und können dementsprechend neue Methoden entwickeln. Ein sehr spannendes Forschungsgebiet!
Was sind in Ihrem Forschungsbereich die größten Hürden, um von Erkenntnissen über Modell-Systeme zu allgemein gültigen Aussagen zu kommen - auch zu Aussagen, die als Basis für die anwendungsorientierte Forschung dienen?
Superti-Furga: Die größte Hürde, aber auch die größte Chance ist die Vielfältigkeit. Die Unterschiede zwischen Individuen und zwischen Menschen und Tieren beruhen auf den oben genannten Netzwerken und deren Gleichgewichten, die wir erst allmählich verstehen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Systeme dynamisch sind und sich durch die Umwelt oder Krankheiten verändern. Ein großer Teil der auf dem Markt befindlichen Arzneistoffe wurde entwickelt, ohne die molekularen Netzwerke hinter den Krankheitsbildern zu kennen. Dementsprechend häufig sind verheerende Nebenwirkungen. Eines unserer Ziele am CeMM ist es, die molekularen Wirkungsmechanismen von Medikamenten zuerst ganzheitlich zu verstehen, um dann spezifischere Therapien anbieten zu können.
Was wünschen Sie sich für das CeMM für die nächsten zwei bis drei Jahre?
Superti-Furga: Für unsere Forschung ist die Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien essentiell. Ich freue mich über bestehende, fruchtbare Kooperationen und hoffe auf viele weitere. Der Standort unseres neuen Gebäudes mitten am AKH stellt eine historische Chance dar, neue Maßstäbe für die moderne wissenschaftsfundierte und patientennahe medizinische Forschung zu setzen. Das wird uns aber nur gelingen, wenn wir exzellente Wissenschafter(innen) in Österreich halten oder nach Österreich holen können. Um international konkurrenzfähig zu bleiben, braucht es eine konsequente und großzügige Finanzierung der Forschung! Mein Wunsch und Appell an die Politik und Öffentlichkeit ist es, der Wissenschaft wieder den Stellenwert einzuräumen, der ihr zusteht. Langfristig bringt das unserem Land Arbeitsplätze, Entwicklung und Wohlstand.
Reagiert Ihrer Meinung nach die Gesellschaft richtig auf den rasanten Wissenszuwachs? Wenn nicht, was wäre wichtig zu tun?
Superti-Furga: Die Flut an Informationen und der Wissenszuwachs in den Naturwissenschaften ist nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für die Wissenschafter(innen) oft schwer zu bewältigen. Dabei könnte die Gesellschaft von einer strukturierten Wissensbündelung nur profitieren. Im Life Science Bereich ist deshalb die noch relativ junge Disziplin der Systembiologie entstanden. Dieser Ansatz sieht vor, Ergebnisse aus Biochemie, Genetik, Molekularbiologie zusammen mit mathematischen Modellierungen für ein umfassendes Bild der Geschehnisse im Organismus zu integrieren. Vor kurzem habe ich gemeinsam mit weltweit führenden Grundlagenforscher(inne)n, Biotechnolog(inn)en und Pharmaforscher(inne)n Empfehlungen ausgearbeitet, wie die Systembiologie in den nächsten Jahren für die Medikamentenentwicklung nutzbar gemacht werden kann. Bei einer konsequenten Anwendung dieser Strategie könnten Medikamente effizienter und somit auch kostengünstiger entwickelt werden.
Zur Person:
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Giulio Superti-Furga wurde 1962 in Mailand geboren. Er studierte Molekularbiologie an der Universität Zürich und forschte beim US-Biotech-Unternehmen Genentech Inc. sowie am IMP - Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie von Boehringer Ingelheim. Danach war er bis 2004 Team Leader am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg sowie als Professor für Biotechnologie an der Universität von Bologna tätig. Im Jahr 2000 hat er die Biotech-Firma Cellzome Inc. mitbegründet und war für die wissenschaftliche Leitung des Standorts Heidelberg zuständig. Giulio Superti-Furga ist seit 2005 Direktor des CeMM sowie Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien.
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Kontakt:
Prof. Dr. Giulio Superti-Furga
Wissenschaftlicher Direktor
CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 40160-70 001
M +43 664 404 23 00
F +43 1 40160-970 000
gsuperti@cemm.oeaw.ac.at
www.cemm.oeaw.ac.at
Februar 2009
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