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Der wissenschaftliche Direktor des GMI - Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW zu neuen Erkenntnissen und Forschungszielen für die nächsten Jahre.
Herr Prof. Nordborg, Sie haben mit Jänner 2009 die Leitung des GMI - Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie übernommen. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die am GMI gewonnen wurden, und was ist die Brücke zu Ihrer eigenen Forschung?
Nordborg: Wissenschafter(innen) am GMI haben bedeutende Beiträge zum Verständnis der Epigenetik geleistet. Sie haben grundlegende Prinzipien der Regulation im Zellzyklus, Signalübertragungswege und Reaktionen auf Stress erforscht. In meinem eigenen Fachgebiet, der natürlichen Variation, spielt Epigenetik eine wichtige Rolle. Uns stellt sich nun die gemeinsame Frage, was Organismen und schließlich ganze Populationen befähigt, sich an geänderte Bedingungen anzupassen. Wir fragen nach den genetischen Voraussetzungen, wie sich eine Pflanze wie Arabidopsis weltweit verbreiten konnte.
Unser Ziel ist es, genetische Daten mit dem Erscheinungsbild, dem Phänotyp, zu verknüpfen. Dafür ist zusätzlich zu Experimenten eine ganze Menge Mathematik nötig. Ein Beispiel: Wenn die genetische Variabilität innerhalb einer Population bloß ein Tausendstel beträgt, dann sind das im Fall von Arabidopsis etwa Hunderttausend verschiedene Basenpaare, beim Menschen sogar eine Million. Dabei muss man sich die enorme Komplexität genetischer Regulation vor Augen halten, die einerseits die individuelle Entwicklung eines Lebewesens steuert, darüber hinaus aber auch Generationen übergreifend wirkt. Und letzterem Aspekt gilt mein Hauptinteresse: Ich möchte wissen, wie ganze Populationen über Generationen hinweg genetisch auf Änderungen antworten. Das ermöglicht es, Schlüsse zu ziehen, wie die Kräfte der Evolution - beispielsweise die Selektion - auf molekularer Ebene wirken.
Was sind die wichtigsten neuen Methoden, die den wissenschaftlichen Fortschritt in Ihrem Gebiet ermöglicht haben?
Nordborg: In jüngster Zeit gab es eine Revolution in der Fähigkeit, die DNA ganzer Genome zu sequenzieren. Das beflügelt die Forschung enorm, denn nun kann man das Genom ganzer Populationen vergleichen. Jetzt arbeiten Biowissenschafter(innen) weltweit daran, die so gewonnen Informationen richtig zu lesen und entsprechend zu verstehen. Der Fortschritt in der Pflanzenforschung wird aber derzeit auch von einem ökonomischen Trend gefördert: Der Anstieg der Nahrungs- und Energiepreise macht das Potential von Pflanzen wieder interessanter. Bis vor kurzem war allgemein akzeptiert, dass medizinische Versorgung teuer - weil wichtig - ist; Nahrung aber billig - weil leicht verfügbar. Das gilt aber nicht länger!
Was sind in Ihrem Forschungsbereich die größten Hürden, um von Erkenntnissen über Modell-Organismen zu allgemein gültigen Aussagen zu kommen - auch zu Aussagen, die als Basis für die anwendungsorientierte Forschung dienen?
Nordborg: Ich möchte die Frage umdrehen. Der Sinn von Modell-Organismen ist es, universelle Prinzipien aufzudecken. Ob diese Prinzipien relevant für die angewandete Forschung sind oder nicht, ist zunächst meist unklar, und kann noch viele Jahre unklar bleiben. Die letzten hundert Jahre sind voll von Beispielen für Entdeckungen in der Grundlagenforschung, die viel später wichtig für die Anwendung wurden - in einer Weise, wie sie nie vorausgesehen wurde.
Meine Haltung zur angewandten Forschung ist offen - ebenso zu Forschern in der angewandten Wissenschaft. Ich bin Grundlagenforscher, und ich mache mir nicht vor, dass ich weiß, was man konkret in der angewandten Forschung braucht - weder bei Pflanzen noch bei anderen Organismen. Dennoch bin ich in der Vergangenheit auch von der Industrie konsultiert worden - und ich scheue mich nicht, auch in Zukunft mein Wissen über die Grundlagen einzubringen.
Was wünschen Sie sich für das GMI für die nächsten zwei bis drei Jahre?
Nordborg: Mein Ziel ist es, das GMI als weltweit führendes Pflanzenforschungsinstitut zu etablieren und zu festigen.
Reagiert Ihrer Meinung nach die Gesellschaft richtig auf den rasanten Wissenszuwachs? Wenn nicht, was wäre wichtig zu tun?
Nordborg: Meiner Meinung nach müssen in Ländern wie Österreich, oder auch meinem Herkunftsland Schweden, Wissenschaft und Technik zur Wirtschaftsgrundlage werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss noch sehr viel Erziehungs- und Bildungsarbeit geleistet werden. Denn heute zeichnet sich schon ab, dass Genetik ein Teil des alltäglichen Lebens werden wird. Wir nähern uns sehr rasch der Zeit, in der wir die Genome ganzer Populationen kennen können. Was den Menschen betrifft, werden wir bald genetische Daten mit Daten aus dem Gesundheitssystem in Beziehung setzen und an maßgeschneiderten Medikamenten arbeiten.
Mehr Bildung soll darüber hinaus mithelfen, globale Probleme richtig zu bewerten. Bodenerosion, Wasserverschwendung oder die andauernde Verwendung von Antibiotika in der Rinderhaltung geben meines Erachtens viel mehr Grund zur Sorge, als die Verwendung von gentechnisch veränderten Organismen. Das GMI wird sich ernsthaften Anfragen nicht verschließen, und gemeinsam mit dem Vienna Open Lab am Campus zeigen, wie Wissenschaft funktioniert und was Grundlagenforschung zur Entwicklung eines Landes beitragen kann.
Zur Person:
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Magnus Nordborg wurde 1965 in Schweden geboren. Nach dem Studium der Biologie und Mathematik in Lund (Schweden) ging er mit einem Fulbright Stipendium an die Stanford University (USA) und als Postdoc nach Chicago. Anschließend war er zuerst Professor in Lund und später an der University of Southern California in Los Angeles (Fachgebiet: Molecular & Computational Biology). Mit Jänner 2009 hat Magnus Nordborg die Leitung des GMI in Wien übernommen.
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Kontakt:
Prof. Dr. Magnus Nordborg
Wissenschaftlicher Direktor
GMI - Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie GmbH
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
1030 Wien, Dr. Bohr-Gasse 3
magnus.nordborg@gmi.oeaw.ac.at
www.gmi.oeaw.ac.at
Februar 2009
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