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Das ÖAW-Institut "Österreichisches Biographisches Lexikon und Biographische Dokumentation" (ÖBL) erfasst Persönlichkeiten, die in ihrem Fachgebiet Bedeutendes geleistet haben. Sie müssen im jeweiligen österreichischen Staatsverband - also auch in den ehemaligen Kronländern - geboren worden sein, gelebt oder gewirkt haben und zwischen 1815 und 1950 verstorben sein.

Die Aufgabe, die sich das ÖBL gesetzt hat, nämlich das Leben von Personen, die für Österreich bedeutend sind, sorgfältig zu recherchieren und kommenden Generationen zugänglich zu machen, scheint zunächst unüberschaubar. Seit 1815, dem Abschlussjahr des Wiener Kongresses, hat sich Österreich nicht nur im politischen Sinn dramatisch gewandelt, sondern auch im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen. Wen also wählt man für ein biographisches Lexikon aus? Welche Kriterien zieht man heran, um die langfristige Bedeutsamkeit eines Menschen festzustellen?

Die Mitarbeiter(innen) am ÖBL haben dafür seit der Gründung 1947 ein verlässliches, und international anerkanntes, Instrumentarium entwickelt. Sie bauen auf dem Werk Constantin von Wurzbachs auf, dem "Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich" (erschienen 1856-1891). Die Erforschung von Biographien wurde in der Folgezeit nicht immer als wichtig angesehen. Die moderne Geschichtswissenschaft allerdings misst dieser Art des Zugangs zu vergangenen Zeiten, angeregt durch Diskurs- und Strukturanalysen historischer Prozesse, eine wesentliche Bedeutung zu. "Das ÖBL ist von seiner Struktur her, bedingt durch die zu erfassenden Personen des alten habsburgischen Reiches (Kaisertum Österreich sowie Österreich-Ungarn bis 1867) wie durch den Berichtszeitraum 1815-1950, als supranational zu bezeichnen. Dies bietet die Chance einer aktuellen nationalen Verständigung in Form einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, wirft aber gleichzeitig beträchtliche redaktionelle Probleme - beispielsweise die Sprachbarrieren bei Quellenrecherchen in Archiven und Bibliotheken der habsburgischen Nachfolgestaaten - auf", erklärt Helmuth Grössing, der mit Ende 2008 die Leitung des Instituts an Ernst Bruckmüller übergeben hat.

Das Lexikon in Druck- und Online-Version

Neben bisher 60 gedruckten Lieferungen (bis Buchstabe "St") des Lexikons, publiziert in 13 Bänden, gibt es seit 2005 auch eine Online-Edition. Das Personenregister aller bisher gedruckten Biographien und Verweise mit knapp 17.000 Einträgen ist frei zugänglich, für den Zugriff auf die Biographien ist jedoch (abgesehen von zehn Beispielbiographien) eine kostenpflichtige Registrierung erforderlich.

Juden und jüdische Konvertiten

Speziell bei österreichischen Juden und jüdischen Konvertiten zeigten Forschungsarbeiten am Institut, dass zahlreiche Corrigenda und Addenda zum ÖBL nötig sind. Erstmals wurden der Wechsel von Vor- und Zunamen, der Austritt aus dem Judentum, die Annahme der Taufe, Zwangstaufen wie auch die Rückkehr zum Judentum systematisch erforscht. Die Aufarbeitung noch unpublizierter Quellen bezog sich aus methodischen Gründen nicht nur auf Prominente: In einem ersten Schritt wurden alle Aus- und Übertritte vom Judentum zum Christentum in Wien und Umgebung erfasst. In dem kurz vor der Drucklegung stehenden Werk geht es um all jene Personen (mehr als 18.000), welche in der Zeit von 1868 bis 1914 eine amtliche Austrittserklärung abgegeben haben: Prominente Beispiele sind Karl Kraus und Viktor Adler.

Biographische Dokumentation

Die biographische Dokumentation am ÖBL geht über den Berichtszeitraum des Biographischen Lexikons hinaus und stellt wertvolle Hintergrundinformation zur Verfügung. Derzeit ist ein Biographisches Fachportal in Arbeit, das Mitarbeiter(inne)n und Kooperationspartner(inne)n die Datensuche erleichtert und einen Zugriff auf Online-Biographien in Österreich, Deutschland und der Schweiz ermöglicht. Der aktuelle Stand: 70.000 Personendatensätze, über 120.000 Literatur- und Quellenangaben und etwa 7.000 historisch aufgeschlüsselte Ortsnamen.

Auch die 1991 gegründete Schriftenreihe deckt ein weiteres Themenfeld als das Biographische Lexikon ab: Neben theoretischen Abhandlungen werden hier meist umfassende Buchprojekte mit biographischem Schwerpunkt zur Wissenschaftsgeschichte, zur Exil- und Emigrationsforschung beziehungsweise zur Musikforschung publiziert.

"Historischer Wartesaal"

"Ein Biographisches Lexikon ist ein großer 'historischer Wartesaal', wie ein Autor der FAZ schreibt, in welchem die vielen Nutzer oder Interessenten des Lexikons sitzen und denen als Leser viel Geduld abverlangt wird", sagt Helmuth Grössing; nicht weniger Geduld müssten aber die verantwortlichen Produzenten der Biographien aufbringen. Es gehe schließlich um die Kontinuität einer Idee, die es in die Tat umzusetzen gilt, beziehungsweise, der man treu zu bleiben hat. "Hier ist der Vergleich mit mittelalterlichen Dombaumeistern und Dombauschulen angebracht. Lexika wie das ÖBL und auch die Neue Deutsche Biographie, die beide nunmehr schon ein halbes Jahrhundert kontinuierlicher intensiver Arbeit hinter sich und noch etliche Jahre bis zum Abschluss vor sich haben, verlangen den einzelnen Mitarbeitern (Leitern wie Redakteuren) die demütige Haltung ab und stets den Respekt vor dem Ganzen des Werkes", fasst Grössing seine Einstellung zur wissenschaftlich-biographischen Arbeitsweise zusammen.


Online-Lexikon
Beispiel-Biographien
Schriftenreihe


Kontakt:
Prof. Dr. Ernst Bruckmüller
Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1030 Wien, Kegelgasse 27/2
T +43 1 51581-2602
ernst.bruckmueller@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/oebl


Jänner 2009
Wie man ein Dialektwörterbuch machtzurück top weiterDas Griechische in Byzanz

 
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Last update: 2009/07/20
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