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Wie wird ein Wort zum Schimpfwort? Martina Gröschl sprach mit Werner Welzig, Herausgeber des soeben erschienenen »Schimpfwörterbuches zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift DIE FACKEL«.
Was ist ein Schimpfwort?
Welzig: Schimpfwörter im üblichen Sinne des Wortes sind jene Wörter, die in einem Sprachwörterbuch als
abwertend
stilistisch markiert sind. Musterbeispiel eines solchen Schimpfwortes ist der
Trottel.
Unser Schimpfwörterbuch ist etwas radikal Anderes: Wir kümmern uns um jene Worte und Ausdrücke, die im Kontext der FACKEL pejorativ gebraucht werden. Ich gebe ein Beispiel: Wenn in der FACKEL von „Erzbolschewiken und Erzbischöfen“ die Rede ist, fällt allein durch diese Zusammenstellung auch ein Licht auf die
Erzbischöfe,
das uns fremd ist; es wird erkennbar, dass der Begriff
Erzbischof
hier in einer schmähenden Bedeutung verwendet wird (wie sich im übrigen auch Bolschewiken in dieser Erzverwandtschaft vermutlich nicht wiederfinden wollen).
Gibt es Fälle, in denen sich die abwertende Bedeutung nicht so klar zeigt?
Welzig: Bisweilen wird die Abwertung erst im größeren Zusammenhang des Textes erkennbar. Nehmen Sie das Wort
Creme.
Wir kennen
Creme
in einer realen und in einer übertragenen Bedeutung: Wenn Sie den Fremdwörter-Duden konsultieren, erfahren Sie dort, dass
Creme
im übertragenen Sinne die gesellschaftliche Oberschicht ist. Eine Steigerung hiezu ist die
Creme de la Creme:
das Allerbeste, was eine Gesellschaft zu bieten hat. Isoliert ist dieser Ausdruck hier nicht als pejorativ besetzt erkennbar. Wenn Sie aber in einem der späteren FACKEL-Hefte den Satz finden: „Die deutsche Übersetzung von
Creme der Gesellschaft
ist offenbar
Abschaum
“, so wird durch diesen Satz zweifellos erkennbar, dass Creme und Creme der Gesellschaft bei Karl Kraus markant pejorativ gebrauchte Worte sind. Andere Wendungen in der FACKEL unterstützen das, so etwa
Abschaum einer Creme.
Diese Pejorativbildungen sollten uns nachdenklich machen für den heute so beliebten Gebrauch der
Elite.
Karl Kraus hat nicht nur für die
Creme der Gesellschaft,
sondern auch für jene, die sich selbst als
Elite
bezeichnen, wenig Wertschätzung: „beim ersten Anblick der Elite des geistigen Wien, beim Betreten des Saals, ohnmächtig zusammenzubrechen und sich hinaustragen zu lassen“.
Elite, Creme, Creme de la Creme, Prominente
- Begriffe, die die Selbstverherrlichung sozialer Gruppen bezeugen - sind bei Karl Kraus fast immer pejorativ eingesetzt.
Viele der Begriffe und Wendungen im Schimpfwörterbuch sind auch heute noch leicht als abwertend zu erkennen. Gibt es auch welche, die nur aus der damaligen Zeit heraus verstanden werden können?
Welzig: Bei vielen der Begriffe und Wendungen ist Sachwissen notwendig. Nehmen Sie zum Beispiel die
Cherusker.
In der FACKEL und in den LETZTEN TAGEN DER MENSCHHEIT sind die
Cherusker in Krems
oder die
Cherusker aus Krems
eindeutig etwas Pejoratives. Um das zu erkennen, sollten Sie zum Beispiel aber auch wissen, welche Bedeutung zu bestimmten Zeiten nationalistische Gruppierungen in Krems gehabt haben und wer
Herrn Schönerers Kinder
sind.
Gibt es eine Grenze zwischen Schimpfwort und scharfzüngiger Kritik?
Welzig: Ich weiß nicht, was scharfzüngig ist. Eines der Lieblingsworte des Karl Kraus für den konservativen Österreicher, „ein Zauberwort, das alles Wirrsal bändigt“ ist
Kasmader:
ein Wort, in dem sowohl der Käse steckt wie auch die Made, die durch den Käs ernährt wird. Ist dieses Wort, das Karl Kraus durch eine Lokalnotiz kennengelernt hat, scharfzüngig? Es ist einprägsam und faßbar. Statt zwischen Schimpfwort und scharfzüngiger Kritik unterscheiden zu wollen, würde ich lieber darüber nachdenken, was den Satiriker und Polemiker von einem Journalisten oder einem Parteiredner unterscheidet.
Das Schimpfwörterbuch ist ein Textwörterbuch. Was ist der Unterschied zu einem Sprachwörterbuch?
Welzig: Im Unterschied zum Sprachwörterbuch untersucht ein Textwörterbuch den Gebrauch eines Wortes im Zusammenhang eines konkreten Textes:
Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch.
Nehmen Sie zum Beispiel das Wort
Machthaber:
Im allgemeinen Sprachverständnis ist das jemand, der Gewalt in Händen hat - also der Inbegriff des Potenten, des Vermögenden. Wenn Sie in der FACKEL zum Begriff
Machthaber
zu lesen beginnen, finden Sie schon bei den Attributen höchst merkwürdige Bildungen:
feige Machthaber, zitternde Machthaber, ramponierte Machthaber.
Sie finden auch auffällige Neubildungen wie den
Ohnmachthaber.
Oder auch semantisch relevante Zusammenstellungen wie
Macht- und Unrechthaber
oder
Macht- und Furchthaber
oder
Ohnmachthaber und Unwürdenträger.
Was Sie über die Bedeutung von
Machthaber
in unserem Textwörterbuch erfahren, hat mit dem, was sie im Sprachwörterbuch zu diesem Ausdruck lesen, wenig zu tun. Das Schimpfwörterbuch zur FACKEL lädt jedoch ein, über das Verhalten jener nachzudenken, die Macht haben oder vorgeben Macht zu haben.
Was planen Sie als nächstes Projekt?
Welzig: Ein drittes und letztes Wörterbuch soll sich, wenn die Arbeitsmöglichkeiten hiefür gegeben sind, der DRITTEN WALPURGISNACHT zuwenden. Diese DRITTE WALPURGISNACHT ist der wichtigste Text der deutschen Literatur zum „Dritten Reich“. Sie wurde 1933 im Kontext der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland geschrieben.
„Und sagt! wie kam's, wie konnte das geschehn?“ [Faust II, V 7996]
Die DRITTE WALPURGISNACHT des Karl Kraus ist die wichtigste, wengleich schwierigste Antwort, die es im deutschen Schrifttum auf diese Aufforderung und Frage der KLASSISCHEN WALPURGISNACHT gibt.
Weitere Informationen zum Schimpfwörterbuch
Zur Person:
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Werner Welzig, emer. Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien,
1991-2003 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften u. a. veröffentlicht:
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Arthur Schnitzler: Tagebuch 1879-1931 (10 Bände)
-
Lobrede
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Predigten der Barockzeit
-
Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift DIE FACKEL
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Kontakt:
Prof. Dr. Werner Welzig
Kommission zur Herausgabe eines Textwörterbuches der Fackel (FACKELLEX)
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1010 Wien, Sonnenfelsgasse 19/8
T +43 1 51581-2300
werner.welzig@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/fackellex
Jänner 2009
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Wie man ein Dialektwörterbuch macht
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