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Befreiung aus dem Wesenskreislauf und die Erfüllung jedes erdenklichen Wunsches: Das sind die Ziele des "Pāñcarātra", einer tantrischen Hindu-Tradition, die Viṣṇu als Hauptgott verehrt. Am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der ÖAW erforscht Marion Rastelli die Rituale dieser Tradition und wie sie sich gegen ihre Gegner behauptet hat.
Das Pāñcarātra ist eine tantrische Hindu-Tradition. Ihre Anhänger möchten nicht nur die Befreiung aus dem Wesenskreislauf erlangen, sondern auch "Genuss": das heißt, die Erfüllung jedes erdenklichen Wunsches wie dem Wunsch nach Macht, Reichtum - oder auch der Erlangung übernatürlicher Kräfte wie zum Beispiel die Fähigkeit zu fliegen oder unsichtbar zu werden. Im Gegensatz zu den meisten tantrischen Traditionen, die Śiva als höchsten Gott verehren, ist der Hauptgott des Pāñcarātra Viṣṇu.
Rituale mit Maß und Ziel
Die Praxis zum Erreichen der religiösen Ziele besteht vor allem in der Durchführung von Ritualen. "Diese Rituale können von Einzelpersonen zur Erlangung individueller Zwecke durchgeführt werden, zirka ab dem 10. Jahrhundert auch von Tempelpriestern in Tempeln für die überindividuellen Zwecke des Königreichs", erklärt Marion Rastelli vom Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der ÖAW. Die Verehrung von Viṣṇu statt Śiva in der Pāñcarātra-Tradition ist unter anderem dadurch charakterisiert, dass die praktizierten Rituale gemäßigter sind. Rastelli: "Anhänger des Pāñcarātra praktizieren beispielsweise keine Riten, in denen bewusst gesellschaftliche Normen gebrochen werden, wie das in śivaitischen tantrischen Traditionen vorkommt."
Erforschung des Pāñcarātra
Marion Rastelli erforscht die Geschichte des Pāñcarātra. Sie hat dessen Rituale sowohl anhand eines der ältesten erhaltenen Texte zur Tradition - der Jayākhyasaṃhitā, der wahrscheinlich aus dem 7.bis 9. Jahrhundert stammt -, als auch anhand eines Textes aus dem 12. Jahrhundert namens Pārameśvarasaṃhitā untersucht. "In den Texten ist klar zu sehen, wie sich die Rituale durch soziale und politische Einflüsse verändert haben", sagt Rastelli. "Für die Herrscher war der Tempel ein Mittel, politische Macht zu erlangen und zu erhalten. Für die Tempel eröffnete sich eine lukrative Einkunftsquelle. Das Gewicht verlagerte sich von individuell durchgeführten Ritualen auf Tempelrituale zu Zwecken des Königreichs."
Die frühesten archäologischen Belege für die Pāñcarātra-Tradition stammen aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, die frühesten literarischen Texte sind in etwa um Christi Geburt entstanden. Bis heute ist die Tradition lebendig: Sie ist in die Tradition der Śrīvaiṣṇavas eingegangen, die vor allem in Südindien verbreitet sind.
Aktuell beschäftigt sich die Forscherin mit einer Abhandlung des südindischen Theologen und Philosophen Veṅkaṭanātha. Veṅkaṭanātha lebte der Tradition nach von 1270 bis 1369 und war selbst Anhänger des Pāñcarātra. Die Abhandlung heißt Pāñcarārakṣā, "Schutz des Pāñcarātra". Rastelli: "Veṅkaṭanātha verteidigt darin das Pāñcarātra gegen die vedische Orthodoxie, die zu seiner Zeit im sozialen Umfeld des Pāñcarātra großen Einfluss hatte." Nur was auf dem Veda basierte, galt als religiös wahr. Der Theologe musste also zeigen, dass das für das Pāñcarātra der Fall ist. Ein schwieriges Unterfangen, zumal die Pāñcarātra-Tradition sich in ihren Ursprüngen einige Jahrhunderte zuvor bewusst als Alternative zu den vedischen Traditionen präsentiert hatte.
Auch den Wert der Pāñcarātra-Rituale für die Erfüllung der religiösen Ziele musste Veṅkaṭanātha überzeugend argumentieren. Die Behauptung gegen andere Traditionen war von großer Bedeutung, da mit ihrer Anerkennung durch einflussreiche Gesellschaftsgruppen die Erlangung sozialer und politischer Macht, aber auch - wie bereits erwähnt - ökonomischer Einkunftsquellen, beispielsweise durch die Durchführung von Ritualen für staatliche Zwecke, verbunden war.
"Für uns ist der Text der Pāñcarārakṣā besonders interessant, weil er uns über verschiedene Aspekte der Geschichte der Tradition Auskunft gibt, wie zum Beispiel die Art der Selbstlegitimierung der Tradition, die Beziehungen des Pāñcarātra zu anderen religiösen Traditionen und die konkrete religiöse Praxis der Anhänger des Pāñcarātra zu Veṅkaṭanāthas Zeit", ergänzt Rastelli.
Aktuelles Projekt:
Veṅkaṭanāthas Bedeutung für die Rāmānuja-Schule
Publikationen:
Rastelli, Marion: Philosophisch-theologische Grundanschauungen der Jayākhyasaṃhitā.
Mit einer Darstellung des täglichen Rituals. Wien, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1999
Link
Rastelli, Marion: Die Tradition des Pāñcarātra im Spiegel der Pārameśvarasaṃhitā. Wien, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2006
Link
Kontakt:
Dr. Marion Rastelli
Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Prinz-Eugen-Straße 8-10, 1040 Wien
T +43 1 515 81-6417
marion.rastelli@oeaw.ac.at
ikga.oeaw.ac.at
November 2008
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