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ÖAW-Forscher(innen) haben in Erfurt sechs bisher unbekannte Predigten des frühchristlichen Kirchenlehrers Augustinus von Hippo entdeckt. Wie konnten die Forscher(innen) die Echtheit nachweisen? Diese Frage beantworten Dorothea Weber und Clemens Weidmann von der Kommission zur Herausgabe des Corpus der lateinischen Kirchenväter (CSEL) der ÖAW.

Sie ist von unscheinbarem Äußeren und keine zehn Zentimeter hoch. Und doch birgt sie eine Sensation. ÖAW-Forscher(innen) haben in einer 800 Jahre alten Handschrift in der "Bibliotheca Amploniana" in Erfurt sechs bisher unbekannte Predigten des frühchristlichen Kirchenlehrer Augustinus, Bischof von Hippo Regius (heute Annaba, Algerien) entdeckt. Sie befinden sich unter bereits bekannten Predigten Augustins und anderer spätantiker und mittelalterlicher Theologen.

Für die Augustinus-Forschung ein bedeutender Fund: "Jeder neu gefundene Text eines Kirchenvaters gilt zu Recht als Sensation: er komplettiert unser Bild einer spannungsreichen Ära im Umbruch von der heidnischen Antike ins christliche Mittelalter", sagt Dorothea Weber von der Kommission zur Herausgabe des Corpus der lateinischen Kirchenväter (CSEL) der ÖAW.

Doch oft entpuppen sich unbekannte Texte und gerade solche, die einem so berühmten Autor wie Augustinus zugeschrieben werden, als unecht: Sie wurden mitunter erst im Mittelalter verfasst und mit Augustins Namen irrtümlich oder in der Absicht versehen, der Schrift das Ansehen des berühmten Kirchenlehrers zu verschaffen. (Zum Thema Echtheitskritik siehe auch das Interview mit Andrea Rzihacek. )

Wie konnten die ÖAW-Forscher(innen) nun die Echtheit der Predigten nachweisen?

"Für alle sechs Predigten ist zunächst der Stil ein gewichtiges Echtheitsargument", erklärt Clemens Weidmann, der gemeinsam mit Dorothea Weber die Echtheit der Predigten überprüft hat. "In der Fülle von rhetorischen Figuren wie Anaphern, Reimen, Parallelismen und Wortspielen deckt sich der Stil mit den Charakteristika, die für sicher echte Augustinusschriften, vor allem Predigten, typisch sind."

Vergleichbares gilt für den Inhalt - zwei Predigten wurden anlässlich von Gedenkfeiern nordafrikanischer Märtyrer gehalten, die anderen beschäftigen sich mit dem Glauben an die Auferstehung und der Verpflichtung zu tätiger Nächstenliebe -, den Aufbau und den Argumentationsgang: "In den neuen Texten finden sich beispielsweise Vergleiche, wie sie innerhalb der lateinischen Literatur nur bei Augustinus belegt sind", verdeutlicht Weber. Ein weiteres Argument liefert der Wortlaut, in dem die Bibelstellen zitiert werden. Weber: "Er weicht von jenem der Vulgata ab, das heißt von der durch Hieronymus erstellten lateinischen Bibelübersetzung, und stimmt auffallend mit dem von Augustinus anderweitig verwendeten Wortlaut überein."

Letzte Sicherheit brachte eine Bezeugung von außen: Drei der Predigten tragen Titel, die exakt mit jenen übereinstimmen, die sich in einem spätantiken Verzeichnis der Werke Augustinus finden, die bis jetzt aber nicht identifiziert werden konnten. Dieses Verzeichnis wurde noch zu Augustins Lebzeiten angelegt und von Possidius, einem persönlichen Freund des Kirchenvaters, an seine Augustinus-Biographie angeschlossen.

Augustinus von Hippo

Augustinus von Hippo (354 - 430) war neben Thomas von Aquin der bedeutendste Kirchenlehrer der Westlichen Kirche. Sein berühmtestes Werk sind seine "Bekenntnisse" (lat. Confessiones), in denen er seinen Weg zum Glauben reflektiert. Von den mehreren Tausend seiner Predigten ist nur ein Bruchteil erhalten, ebenso von seinen zahlreichen Briefen.

Augustinus-Projekt der ÖAW

Die neuen Predigten wurden im Rahmen eines groß angelegten Projekts an der Kommission zur Herausgabe des Corpus der lateinischen Kirchenväter (CSEL) der ÖAW von Isabella Schiller entdeckt. Ziel des Projekts "Die handschriftliche Überlieferung der Werke des Heiligen Augustinus" ist, alle Augustinus-Handschriften genau zu katalogisieren. Die Forscher und Forscherinnen gehen dabei nach Ländern vor. Zurzeit in Arbeit sind die Bestände der ehemaligen DDR, Ungarns, Russlands und Frankreichs. Der bisher spektakulärste Fund im Zuge des Projekts war die Entdeckung von 29 bis dahin unbekannten Augustinus-Briefen durch Johannes Divjak im Jahr 1974 in Frankreich.


Presseinformation vom 27.3.2008 zum Fund der Predigten
Das Projekt "Die handschriftliche Überlieferung der Werke des Heiligen Augustinus"


Kontakt:
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Zentrum Archäologie und Altertumswissenschaften
Kommission zur Herausgabe des Corpus der lateinischen Kirchenväter (CSEL)
Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
www.oeaw.ac.at/kvk
Dr. Dorothea Weber
T +43 51581-2356
dorothea.weber@oeaw.ac.at
Dr. Clemens Weidmann
T +43 51581-2351
clemens.weidmann@oeaw.ac.at


Mai 2008
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Last update: 2008/05/05
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