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Am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW untersucht Michael Latzer das Verschwimmen der traditionellen Grenzziehungen zwischen Telekommunikation und Massenmedien und dessen Auswirkungen auf die Kommunikationspolitik und -wissenschaft.
Lange waren die Bereiche Telekommunikation und Medien strikt getrennt. Zum einen gehörte die Telegrafie und die Telefonie, zum anderen Rundfunk und Presse. Beide verwendeten eine unterschiedliche Technik und getrennte Netze. Das führte folgerichtig zu ebenso unterschiedlichen Regulierungsmodellen und getrennten politischen Zuständigkeiten. Die Kommunikationswissenschaft orientierte sich in ihrer Forschung daran.
Doch zum Ende des 20. Jahrhunderts kam die Konvergenz und brachte Unordnung in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Die Grenzen zwischen Telekommunikation und Medien begannen zu verschwimmen. Mittlerweile ist klar: Die Konvergenz ist da. Sie entwickelt sich zwar langsamer als gedacht, aber trotzdem ist der Trend ungebrochen. Am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW analysierte Michael Latzer, wie Politik und Wissenschaft darauf reagieren.
Das Bröckeln der Grenze zwischen Telekommunikation und Medien begann mit dem Siegeszug des Computers. Zuerst hielt mit der Digitalisierung die Computertechnologie in die Telekommunikation Einzug. Diese konvergierte dann mit den ebenfalls digitalisierten Medien. Exemplarische Ergebnisse sind Internet-Telefonie oder Web-TV. Dass derartige Hybride einer klar zwischen Telekommunikation und Medien trennenden Aufsicht beziehungsweise Regulierung Steine in den Weg legen, ist offenkundig. Fragen wie: "Muss man Rundfunkgebühren zahlen, wenn man Sendungen des ORF via Internet konsumiert? Oder wer ist für über das Internet verbreitete Inhalte verantwortlich?" tauchen auf. Dazu kommt, dass immer mehr Akteure auf dem Kommunikationsmarkt mitmischen, der Markt immer globaler und die Steuerung immer schwieriger wird.
Auch die Kommunikationswissenschaft hat mit der Konvergenz so ihre Probleme. Zum einen war die Telekommunikation bisher nicht Objekt ihrer Forschung. Und auch die von ihr verwendeten Medien- und Rundfunkbegriffe orientieren sich noch nach klassischen Modellen wie der Trennung zwischen Sender- und Empfänger oder der Unterteilung in öffentliche und private Kommunikation.
"Insgesamt hinken sowohl die Politik als auch die Forschung den konvergenzbedingten Veränderungen im Kommunikationssektor noch hinterher", lautet Michael Latzers Befund. Vor allem durch die defizitären Aufsichtstrukturen und Regulierungsrahmen sieht er die Entwicklung des Sektors gehemmt.
Doch international gesehen zeichnen sich Latzer zufolge bereits Grundzüge einer Neuordnung ab: So geht bei der Aufsichtsstruktur der Trend in Richtung eines integrierten Regulators für den konvergenten Kommunikationssektor. Die Regulierung wird zunehmend nicht mehr aufgrund der verwendeten Technik festgelegt, sondern in Übertragungs- und Inhaltsregulierung unterteilt. Alternative Regulierungsformen nehmen zu. Ein Beispiel wären neue Selbstregulierungsformen im Internet: Internet Service Provider unterwerfen sich Verhaltenskodizes, Meldestellen für illegale Internetinhalte wurden eingerichtet, Qualitätssiegel für Internetseiten, Kodizes für E-Mail-Marketing und Suchmaschinen entwickelt.
Für die kommunikationswissenschaftliche Forschung sieht Latzer die Chance, mehr Relevanz und Einfluss in der Politikgestaltung zu gewinnen: "Die Politik benötigt für ihre Entscheidungen neben detaillierten Informationen über Aufsichtsstrukturen, Regulierungsformen und -instrumente auch Einschätzungen über die sich ändernde Nutzung und Wirkungen des gesamten Anwendungsspektrums." Soziale und ökonomische Faktoren greifen ineinander, neue Fragestellungen gewinnen an Bedeutung: beispielsweise ob und wie sich die soziale Wirkung von terrestrischem Fernsehen im konvergenten Dienstumfeld verringert.
Dazu muss die Kommunikationswissenschaft jedoch ihre klassischen Untersuchungsbereiche systematisch ausweiten. "Erst dann kann sie eine zeitgemäße Struktur- und Organisationsforschung, sowie Nutzungs- und Wirkungsforschung betreiben", so Latzer.
Publikation:
"Medien- und Telekommunikationspolitik: Unordnung durch Konvergenz - Ordnung durch Mediamatikpolitik" (Wien, 2006)
[PDF]
Eine überarbeitete Fassung ist als Buchbeitrag erschienen: Latzer, M. (2007): Unordnung durch Konvergenz - Ordnung durch Mediamatikpolitik, S. 147-167, in: Jarren, O. / Donges, P. (Hg.) (2007): Ordnung durch Medienpolitik?, Konstanz: UVK.
Siehe auch "Thema des Monats Juni 2007"
Selbstregulierung und Selbsthilfe im Internet
Kontakt:
Doz. Mag. Dr. Michael Latzer
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1030 Wien, Strohgasse 45/5
T +43 1 51581-6592
michael.latzer@oeaw.ac.at
Homepage
März 2008
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Print und Online: Eine langsame Annäherung
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