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An der Balkan-Kommission der ÖAW entwickeln Forscher ein Nachschlagewerk mit, welches einen umfassenden Überblick über die Kärntner slowenische Literatur und ihre historischen Voraussetzungen bietet.

Es gibt gar nicht so wenige Kärntner slowenische Schriftsteller, die heute überregionale Bekanntheit genießen. Internationales Aushängeschild ist zweifellos Florjan Lipuš, von Österreich wie von Slowenien mit den höchsten literarischen Ehren ausgezeichnet. Daneben sind auch Janko Messner, Gustav Januš, Maja Haderlap, Fabjan Hafner oder Jani Oswald über die Grenzen Kärntens hinaus bekannt.

Durch seine Herkunft und als Übersetzer steht auch Peter Handke mit dieser Literatur in enger Verbindung. Und Handke war es, der mit seiner dringenden Empfehlung zur Lektüre der "herrlichen", "gewaltigen" Erinnerungsbücher von Karel Prušnik-Gašper, Lipej Kolenik und Andrej Kokot die deutschsprachige Öffentlichkeit auf die bei den Kärntner Slowenen stark vertretene und auch viel übersetzte Erinnerungsliteratur aufmerksam machte.

Seit März 2007 läuft an der Balkan-Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierte Forschungsprojekt "Enzyklopädie der slowenischen Sprache und Literatur in Kärnten. Teil 1. Von den Anfängen bis 1938". Ziel ist, aufbauend auf bisherigen Forschungsergebnissen ein Nachschlagewerk zu entwickeln, welches einen umfassenden Überblick über die Kärntner slowenische Literatur und ihre historischen Voraussetzungen bietet.

Dabei ist das Interesse auf den Gesamtbereich der sprachlichen Produktion gerichtet: Es umfasst Geschichte, soziale und politische Aspekte von Sprache ebenso wie wissenschaftsgeschichtliche oder institutionelle. Die Literatur ist darin Teil eines großen thematischen Komplexes, der für das Verständnis der nationalen Entwicklung und der politischen wie geistigen Kultur der Kärntner Slowenen von zentraler Bedeutung ist - waren doch die Kärntner Slowenen als Angehörige einer politisch an den Rand gedrängten Sprachnation und später als Kärntner Minderheit in besonderem Maß auf die Sprache als identitätsstiftendes Element angewiesen.

"Vor allem die spezifischen Entwicklungsbedingungen für Sprache und Literatur der Kärntner Slowenen, die sich in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in der Sozialgeschichte wie in den überregionalen Bezügen - etwa zu Krain - widerspiegeln, sollen transparent werden", erklärt Erwin Köstler, Projektmitarbeiter an der Balkan-Kommission der ÖAW.

Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Zusammenhang der materiellen Basis der Kultur, den tatsächlich wirksamen Kanälen, über welche die Organisation, Förderung und Finanzierung kultureller Aktivitäten lief, geschenkt.

Köstler: "Nicht allgemein bekannt ist zum Beispiel, dass Klagenfurt / Celovec in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts für mehr als ein Jahrzehnt publizistisches und literarisches Zentrum für den gesamten slowenischen Sprach- und Kulturraum war." Die maßgeblichen literarischen und literaturprogrammatischen Texte in slowenischer Sprache erschienen in jener Zeit in Klagenfurt. Die dort gegründete Hermagoras-Gesellschaft / Mohorjeva družba, die alsbald Filialen in Celje (Cilli) und Gorica (Gorizia, Görz) errichtete, brachte es zwischen 1851 und 1918 auf über 90.000 Mitglieder und auf einen Output von mehr als 16 Millionen Büchern, die praktisch in jedem slowenischen Haushalt in und außerhalb Kärntens zu finden waren. Auf der anderen Seite gab es etwa den deutschen Verlag Kleinmayr in Klagenfurt, der eine Zweigstelle in Ljubljana und ein Vertriebsnetz für slowenische Literatur hatte.

Die Verlagsgeschichte ist ein Teil der literarischen Soziologie. Weitere im Rahmen des Projekts behandelte Bereiche sind Publizistik (Periodika), Wissenschaftsgeschichte (Philologie u. a.), Vereine und Institutionen (Kulturvereine, Mäzenatentum, Forschungsstätten), das Bildungswesen (samt der Produktion zum Beispiel von Schulbüchern), literarische Zweisprachigkeit, literarische Motive, literarische Genres, Buchsorten, Textsorten, Begriffsgeschichte, Frauenliteratur, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Und, nicht zu vergessen: die literarische Folklore.

Das Projekt wird in Kooperation mit den einschlägigen wissenschaftlichen Institutionen in Österreich und Slowenien, aber auch darüber hinaus, durchgeführt. An die hundert Autoren werden an dem Nachschlagewerk schreiben. Als Handreichung für weitere wissenschaftliche Forschung wird es über einen ausführlichen Anhang mit Informationen zu Archiv- und Buchbeständen sowie zu den Tätigkeiten einschlägiger Institutionen verfügen.

Doch nicht nur Fachkreise sollen von dem Nachschlagewerk profitieren: "Dem Wunsch der Herausgeber entsprechend soll es sich an alle Interessierten wenden - an Fachkollegen ebenso wie an interessierte Laien", so Köstler.

Das Projekt "Enzyklopädie der slowenischen Sprache und Literatur in Kärnten. Teil 1. Von den Anfängen bis 1938" ist auf drei Jahre konzipiert. Danach wollen die Forscher in einem Folgeprojekt den verbleibenden Zeitraum bis zur Gegenwart abdecken.


   Enzyklopädie der slowenischen Sprache und Literatur in Kärnten. Teil 1. Von den Anfängen bis 1938.
Laufzeit: 1. März 2007 bis 28. Februar 2010
Projektleiterin: Prof. Dr. Katja Sturm-Schnabl, Universität Wien
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Mag. Dr. Erwin Köstler, Mag. Dr. Michael Reichmayr, Balkan-Kommission der ÖAW
Weitere Informationen


Kontakt:
Mag. Dr. Erwin Köstler
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Balkan-Kommission
Fleischmarkt 22, 1010 Wien
T +43-1-51581-2426
erwin.koestler@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/balkan


Jänner 2008
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Last update: 2008/10/08
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